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Zehn Jahre Leipziger Tanzzenit – ihr nächstes Projekt: Weltfrieden

Geburtstag Zehn Jahre Leipziger Tanzzenit – ihr nächstes Projekt: Weltfrieden

Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 13. Juni 2006, bekamen Johanna Kecke, Sophia Rändler und Undine Werchau Post vom Amtsgericht – die offizielle Geburtsstunde ihres Vereins „Tanzzenit“. Sagenhafte 34 Produktionen stehen seither zu Buche, eigene Choreographien ebenso wie soziokulturelle Projekte.

Seit zehn Jahren Tanzzenit: Undine Werchau, Sophia Rändler und Johanna Kecke (von links).

Quelle: Jens Straube

Leipzig. Ein Hundejahr entspricht sieben Menschenjahren, sagt man. Und dass sich eine Katze bereits im ersten Lebensjahr zum Teenager mausert. Für Tänzer existiert hingegen keine Umrechnungs­tabelle. Aber auch ihre Uhren ticken irgendwie anders.

Das Trio, das hinter dem Verein Tanzzenit steht, beispielsweise: Mit ihren jeweils gerade mal 31 Jahren, einem Alter, in dem sich andere noch in unbezahlten Praktika ausbeuten lassen, verfügen Johanna Kecke, Sophia Rändler und Undine Werchau bereits über eine zehnjährige Erfahrung als Unternehmerinnen. Sie sind also verhältnismäßig jung. „Aber, ach“, sagt Undine Werchau, „der Körper zwickt und zwackt“ – „Spätestens mit 40“, ergänzt Sophia Rändler, sei die Zeit auf der Bühne für die meisten Tänzer vorbei. So gesehen sind sie relativ alt. Auf der Zielgeraden zur Rente geradezu.

Auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 13. Juni 2006, bekamen sie Post vom Amtsgericht – die offizielle Geburtsstunde des Tanzzenits. Sagenhafte 34 Produktionen stehen seither zu Buche, Kurzauftritte in den Inszenierungen von Kollegen nicht mitgerechnet. Den runden Geburtstag wollen die drei heute „mit einem schönen Abendessen“ feiern, kündigt Sophia Rändler an, mehr nicht. Aus überaus schönen Gründen vertagen sie die große Party: Johanna Kecke ist in Mutterschutz, Sophia Rändler in Elternzeit.

Gewissermaßen schmeißt Undine Werchau also den Laden zurzeit allein. „Wobei wir so Sachen, die man zu Hause am Computer erledigen kann, schon noch mitmachen“, erzählt Johanna Kecke. Die sonst mindestens jährliche professionelle Eigenproduktion haben sie für dieses Jahr jedoch in der Tat gestrichen. Im Gegensatz zum elften Schülerstück in zehn Tanzzenit-Jahren: Mit 27 Nachwuchstänzern steckt Undine Werchau bereits in den Proben. „Und sie bewegen sich doch“ heißt die Choreographie, deren Premiere für November geplant ist.

Herzensfragen

Für Undine Werchau ist es nicht zuletzt die Mischung aus eigener Bühnenkunst und soziokulturellen Projekten, die den Reiz der Selbstständigkeit ausmacht. Sie gehörte zwischenzeitlich für eine Spielzeit dem Ensemble des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau an. „Dienst war Dienst, Freizeit war Freizeit, dazu ein regelmäßiges Einkommen – das hat mir schon gefallen“, sagt sie. „Aber die Arbeit an sich war längst nicht so erfüllend wie beim Tanzzenit. Komplett nach Leipzig zurückzukehren, war daher eine Herzensentscheidung.“ So wie es zu Beginn eine Herzensfrage gewesen sei, das Projekt in Leipzig anzusiedeln. Das Trio lernte sich auf der Palucca-Tanzhochschule in Dresden kennen, aber Undine Werchau überzeugte ihre beiden Dresdner Kolleginnen rasch, mit in ihre Heimatstadt zu kommen. Seit Dezember 2006 üben sie die Choreographien im eigenen „Studio 1“ im Leipziger Osten ein.

Die Vielfalt, die das selbstständige Berufsleben als Tänzerin mit sich bringt, zeigt sich jedoch nicht lediglich, indem sich soziokulturelle Ziele mit künstlerischem Anspruch verbinden. Sondern darüber hinaus in der Möglichkeit, mit Künstlern anderer Genres zusammen auf die Bühne zu gehen. Seit 2007 zieht der Tanzzenit mit Leipzigs erster Tanz-Impro-Reihe ein breites Publikum an (das Lofft setzt seit kurzem auf ein ähnliches Format). Nach Kooperationen mit Schauspielern wie Raschid D. Sidgi, Malern wie Akram Mutlak und Musikern wie Katharina Hansow nehmen sie zurzeit sogar eine gemeinsame Arbeit mit einem Explosionskünstler ins Visier. Bis 2018 wollen sie mit Robert Schiller, dem technischen Leiter des Theaters Titanick, ein Stück erarbeiten, das von nichts weniger als dem Weltfrieden handelt. „Weil wir das schaffen“, sagt Sophia Rändler und lacht.

Alles selbst zu machen, „und zwar ständig“, wie Johanna Kecke einen Sinnspruch zitiert, bedeute allerdings nicht nur Lustgewinn, sondern auch Last. Betriebswirtschaft gehört eben auch zum Job. Nachdem Undine Werchaus Eltern Starthilfe gegeben haben, kümmern sich die drei Frauen längst selbst um den ganzen Bürokram. 80 Prozent ihrer Bühnenstücke haben sie aus eigenen Mitteln finanziert. „Doch an sich bräuchten wir einen Kulturmanager“, sagt Undine Werchau. Jemanden, der sich etwa in die ungeschriebenen Gesetze des Dschungels öffentlicher Förderungen fuchst.

Publikumsgespräche – und Gespräche mit dem Publikum

Die Leipziger Tanzszene zeichnet sich nach dem Eindruck der drei nicht gerade durch innigen Zusammenhalt aus. „Jeder sucht sich seine Nische und bleibt dann darin“, sagt Sophia Rändler. Aber in die freie Kulturszene insgesamt fühlt sich der Tanzzenit-Verein absolut integriert. Die meisten Premieren finden ihre Bühne in der Nato, „weil die Nato uns liebt und wir die Nato“, schwärmt Rändler.

Das Soziokulturzentrum bringe zudem ein Laufpublikum mit, dessen erste Idee der Abendgestaltung sonst nicht unbedingt ein Tanzstück sei. Zuschauer, die zuerst zufällig, aber über die Jahre immer wieder kommen. Und mit denen auch der persönliche Austausch im Anschluss an eine Vorstellung unkompliziert sei. „Wir müssen kein Publikumsgespräch machen, um mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen“, so Undine Werchau. Sie kennt großen Zuschauerzuspruch auch von ihrer Choreographie „Frida Kahlo“, die 2014 und 2015 das Staatstheater Cottbus 25 Mal ausverkaufte. Im Tanzzenit-Kosmos werten die drei die Nominierung ihres Stücks „Vade mecum – geh mit mir“ 2014 für den Leipziger Bewegungskunstpreis als bislang wichtigste Anerkennung. Für 2017 ist eine Wiederaufnahme geplant. Womit die Zukunftspläne aber nicht erschöpft sind.

„Wir wollen mindestens noch mal zehn Jahre als Tanzzenit weitermachen“, kündigt Johanna Kecke an. „Es steckt viel Herzblut drin.“ 2006 dachten sie keineswegs bis 2016, „aber es hat sich gezeigt, dass es funktioniert“, fügt Sophia Rändler an. Egal, wie man nun ein Jahrzehnt in Hunde- oder Katzenjahre umrechnet: Für eine freie Kulturinitiative, von der drei Leute den Lebensunterhalt bestreiten, ist es eine beeindruckend lange Zeit.

Von Mathias Wöbking

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