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Zeitdiagnostiker von Rang

Zeitdiagnostiker von Rang

Als Pavel Kohout im Jahr 2000 seinen Roman "Die lange Welle hinterm Kiel" vorlegte, dachte mancher, der Autor sei unter die Drehbuchlieferanten für die ZDF-Serie "Traumschiff" geraten, denn die Story begann mit einer Fahrt auf dem Luxusliner "Harmonia", und man wurde das Gefühl nicht los, irgendwo müsse der sympathische Kapitän Heinz Weiß an der Reling lehnen.

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Der tschechische Dramatiker Pavel Kohout im Jahr 2010.

Quelle: dpa

Doch der Eindruck täuschte, denn das anfangs unverfängliche Spektakel entpuppte sich als fesselnde Kammeroper auf hoher See. Kohout packte das Thema der Vertreibung der Sudetendeutschen an und streifte damit eines der heikelsten Kapitel jüngerer Geschichte. Bald folgten ihm Kollegen wie Reinhard Jirgl und Jörg Bernig nach. Wieder einmal erwies sich Kohout als Tabubrecher. Schon in der Vergangenheit hatte er für seine Geradlinigkeit bezahlt.

Kurz nachdem Wolf Biermann die Staatsangehörigkeit der DDR aberkannt worden war, machte das Ausbürgerungsmodell in der Tschechoslowakei am Beispiel Kohout Schule. Als der Schriftsteller, der gemeinsam mit Vaclav Havel das Gründungsdokument der "Charta 77" verfasst hatte, 1979 aus Wien in seine Heimat zurückreisen wollte, hinderten ihn Beamte gewaltsam daran und wiesen ihn nach Österreich aus. Der Grund für diese Abschiebung lag auf der Hand. Der unliebsame Intellektuelle, dessen Texte trotz eines Publikationsverbotes als Typoskripte der Samisdat-Edition "Hinter Schloß und Riegel" im Lande kursierten, sollte aus dem Blickfeld der Bevölkerung verschwinden. Doch es passierte genau das Gegenteil. Kohout wurde im Westen mit offenen Armen empfangen, und seine Präsenz in den Medien sorgte für weltweites Aufsehen.

Die Wandlung des Autors vom überzeugten Kommunisten zum liberalen Querdenker ist typisch für Vertreter seiner Generation. Morgen vor 85 Jahren als Beamtensohn geboren, geriet er mit 17 in den Sog der Bau-auf-Euphorie der Nachkriegsära. Er studierte marxistische Philosophie an der Karlsuniversität und engagierte sich im Zentralkomitee des tschechoslowakischen Jugendverbandes. Als Gehilfe des Kulturattaches in Moskau, Herausgeber der staatskonformen Satirezeitschrift "Stachelschwein", Redakteur des Wochenblattes "Der tschechoslowakische Soldat" und Rundfunksprecher zeigte er Flagge für das diktatorische System. Doch nach Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen in der SU-Führungsriege begann sein unbedingter Glaube an die Progressivität der Partei zu bröckeln. Bei ihm setzte ein Prozess der Ernüchterung ein, den Jürgen Serke in seiner Porträtsammlung "Die verbrannten Dichter - Berichte und Bilder von einer neuen Vertreibung" eindringlich beleuchtete.

Als Kohout sich 1968 für eine demokratische Reform der Gesellschaft einsetzte, nahmen ihn die Hardliner in die Zange. Nach der Invasion sowjetischer Truppen schloss man ihn aus der KP aus. Seine Bücher verschwanden aus den Bibliotheken, er stand unter Polizeiaufsicht und man schwieg ihn bis zum Herbst 1989 tot. Doch die Schikanen vermochten seinen literarischen Erfolg nicht zu schmälern. Gerieten seine naiv-dogmatischen Jugendgedichte zu Recht in Vergessenheit, so erzielten seine Theaterstücke große Resonanz. Internationale Beachtung fand sein 1957 entstandenes "banales" Drama "So eine Liebe". Mit seiner 1967 uraufgeführten bizarren Phantasie "August August August" wandte er sich dem absurden Theater Ionescoscher Prägung zu.

Die zweite Domäne, in der Kohout es zu unanfechtbarer Meisterschaft brachte, ist die Prosa. Nach einer psychischen Krise debütierte er 1969 mit dem autobiographischen Roman "Aus dem Tagebuch eines Konterrevolutionärs", in dem er mit starker emotionaler Spannung das Schicksal eines Dissidenten schilderte: Der Band gilt bis heute als authentische Quelle für die dramatischen Ereignisse des Prager Frühlings. Zum Bestseller gedieh sein 1995 gedruckter Politkrimi "Sternstunde der Mörder". Siegfried Lenz nannte den Thriller einen "kühnen, bewegenden, zeitdiagnostischen Roman von Rang". Auch die 1998 erschienene Groteske "Meine Frau und ihr Mann", die von einem Paar erzählt, das 1989 "vom realen Sozialismus in den nicht minder realen Kapitalismus wechselt", steigerte Kohouts Beliebtheit bei Lesern in aller Welt noch um einige Prozent. Als besonders packend entpuppt sich indes seine 2010 publizierte Autobiografie mit dem provokanten Titel "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 19.07.2013

Ulf Heise

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