Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 4 ° Schneeregen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
„Zeitfresser“ für eine Stunde

Premiere Leipziger Tanztheater „Zeitfresser“ für eine Stunde

Dem Thema Zeit widmet sich die neue Produktion des Leipziger Tanztheaters (LTT), die am Donnerstagabend im Lofft Premiere feierte. Zeit kann rasen, und sie kann sich ziehen. Im LTT-Fall ist eher die sich dehnende Variante zu erleben.

Die Zeit, sie tropft – eine Szene aus dem neuen Stück des Leipziger Tanztheaters im Lofft.

Quelle: Kempner

Leipzig. Zeit ist echt schwer verdaulich. Wer es nicht glaubt, war am Donnerstag nicht im Lofft. Dort war im Rahmen der 4. Leipziger Tanztheaterwochen „Der Zeitfresser“ zu erleben. Eine Produktion der Company Absurdum in Kooperation mit dem Leipziger Tanztheater und eben dem Lofft. Und eine Inszenierung, die nicht nur „sinnliches Theater zwischen Tanz, Tönen und der ewig rinnenden Zeit“ ankündigte, sondern auch noch „drei interdisziplinär agierende Tänzer auf der Suche nach der verloren gegangenen Phantasie und kindlicher Spielfreude im zeitleeren Raum“.

Die Frage nun, wie viel Sinnleere wiederum in derlei Programmfaltblattpoesie steckt, mag sich stellen, wer will. Programmatisch ist das Gesäusel in jedem Fall. Ein Versprechen sowieso. Gegeben haben es Marie Nandico (Regie, Bühne, Tanz) sowie Eva Thielken (Tanz) und Julia Berke (Schauspiel, Tanz). Wolfgang Krause Zwieback hat dazu einen für ihn typischen wort-, silben- und sinnverdrehenden Text geliefert. Von Johann Sebastian Bach stammt die Musik fürs erhabene Gefühl entschwebender Zeit, für die zeitgeistnahe Stromlinien-Electronic bediente man sich bei den Jungs von Brandt Brauer Frick.

Bevor es damit losgeht, bietet erst mal Eva Thielken, die auch für die Choreografien der Inszenierung verantwortlich zeichnet, ein Intro: Ganz in Weiß und mit slowakischer Obertonflöte, ein Dialog als Selbstgespräch: Tanz und Spiel, Bewegung und Musik. Aus der Zeit gefallen. Einem sehnsuchtsvollen, schwindsüchtigen Präraffaeliten könnte das gefallen. Und das ist erst mal nicht das Schlechteste. Zugleich aber lässt es schon ahnen, wohin diese Phantasiesuche führt, nämlich schlicht in die Gefilde kunstgewerblicher Ästhetisierungs-Bemühungen. Das Grunzen, Röcheln und Schnauben, das darauf bald ertönt, als laboriere jemand an seinem Verdauungsproblem, ist dazu dann auch kein Kontrast, sondern Ergänzung.

Denn es ist der „Zeitfresser“, der sich hier hartleibig an Worten versucht. Julia Berke gibt die Titelrolle im Tüllmüllberg, ein halb fieses, halb erbarmungswürdiges Sirenenwesen im weitausladenden Glitter-Fummel (Kostüme: Dunja Marija Kopi). Und wenn aus diesem dann die endlich geformten Worte hervor strömen, diese Sätze, die dieses Wesen geradezu aus sich heraus wringt, muss das natürlich vorrangig brüllend passieren. Soviel Konvention muss schon sein. Dass man (auch) Krause Zwiebacks Sprache damit eher keinen Gefallen tut, kümmert da wenig.

Die Choreografien dazu zeigen mal mehr, mal weniger Symbolträchtiges. Da ist der Sand der Zeit, der erst als hübsches Häufchen im Bühnenraum platziert und dort bald verstreut wird. Nandicos ironisch ausgespielte Catwalk-Posen geraten immer steriler, eine Entmenschung hin zum Zeit-ist-Geld-Maschinenwesen aufzeigend, dem die blonde Unschuld im weißen Kleidchen (Thielken) mit goldigem Befremden beiwohnt oder auch sanft in die Parade tanzt.

Das reiht sich, das zieht sich. Theater, Tanz, Töne schier ewig rinnender Zeit. Aber sagen wir es so: Wem diese etwas über 60 Minuten Spieldauer zu lang wurden, der ist, nun ja, tatsächlich ein Opfer des „Zeitfresser“. Fürs Gros des Publikums gilt das – dem begeisterten Applaus nach zu urteilen – indes eher nicht.

Weitere Aufführungen am Samstag um 17 und 20 Uhr im Lofft, Karten über www.lofft.de.

Von Steffen Georgi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus News
  • Leipziger Buchmesse

    Leipziger Buchmesse und LVZ-Autorenarena bieten vom 23. bis 26. März 2017 wieder ein volles Programm. Alle Infos hier! mehr

  • Schauspiel Leipzig
    Mikrologo Schauspiel Leipzig

    Theater in Leipzig: Höhepunkte, Premieren, Spielplan und Angebote der Spielzeit 2016/2017 im Schauspiel Leipzig mehr

  • Asisi - Welt der Panoramen
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zum Titanic-Panorama im Panometer Leipzig und den asisi-Panoramen in Dresden. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

Blättern Sie hier durch die aktuelle Veranstaltungsbeilage "Applaus" und finden Sie Konzerte, Shows, Ausstellungen, Sport-Events und mehr in Leipzig und Umgebung. mehr

Erfahren Sie mehr auf www.leipziger-museen.de

Das Museum zum Arabischen Coffe Baum erstrahlt in neuem Glanz. Hier gibt es exklusive Einblicke! mehr

  • Leipzig Wiederentdeckt
    Leipzig Wiederentdeckt

    Die 13 Filme schildern eine einzigartige Zeitreise durchs 20. Jahrhundert der Stadt Leipzig – von den Anfängen des Films bis zur Wendezeit. Mit bis... mehr

  • So war das damals...
    So war das damals...

    Dies ist ein Geschichtenbuch der besonderen Art: Leserinnen und Leser der Leipziger Volkszeitung erzählen Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend,... mehr