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„Zeitfresser“ für eine Stunde

Premiere Leipziger Tanztheater „Zeitfresser“ für eine Stunde

Dem Thema Zeit widmet sich die neue Produktion des Leipziger Tanztheaters (LTT), die am Donnerstagabend im Lofft Premiere feierte. Zeit kann rasen, und sie kann sich ziehen. Im LTT-Fall ist eher die sich dehnende Variante zu erleben.

Die Zeit, sie tropft – eine Szene aus dem neuen Stück des Leipziger Tanztheaters im Lofft.

Quelle: Kempner

Leipzig. Zeit ist echt schwer verdaulich. Wer es nicht glaubt, war am Donnerstag nicht im Lofft. Dort war im Rahmen der 4. Leipziger Tanztheaterwochen „Der Zeitfresser“ zu erleben. Eine Produktion der Company Absurdum in Kooperation mit dem Leipziger Tanztheater und eben dem Lofft. Und eine Inszenierung, die nicht nur „sinnliches Theater zwischen Tanz, Tönen und der ewig rinnenden Zeit“ ankündigte, sondern auch noch „drei interdisziplinär agierende Tänzer auf der Suche nach der verloren gegangenen Phantasie und kindlicher Spielfreude im zeitleeren Raum“.

Die Frage nun, wie viel Sinnleere wiederum in derlei Programmfaltblattpoesie steckt, mag sich stellen, wer will. Programmatisch ist das Gesäusel in jedem Fall. Ein Versprechen sowieso. Gegeben haben es Marie Nandico (Regie, Bühne, Tanz) sowie Eva Thielken (Tanz) und Julia Berke (Schauspiel, Tanz). Wolfgang Krause Zwieback hat dazu einen für ihn typischen wort-, silben- und sinnverdrehenden Text geliefert. Von Johann Sebastian Bach stammt die Musik fürs erhabene Gefühl entschwebender Zeit, für die zeitgeistnahe Stromlinien-Electronic bediente man sich bei den Jungs von Brandt Brauer Frick.

Bevor es damit losgeht, bietet erst mal Eva Thielken, die auch für die Choreografien der Inszenierung verantwortlich zeichnet, ein Intro: Ganz in Weiß und mit slowakischer Obertonflöte, ein Dialog als Selbstgespräch: Tanz und Spiel, Bewegung und Musik. Aus der Zeit gefallen. Einem sehnsuchtsvollen, schwindsüchtigen Präraffaeliten könnte das gefallen. Und das ist erst mal nicht das Schlechteste. Zugleich aber lässt es schon ahnen, wohin diese Phantasiesuche führt, nämlich schlicht in die Gefilde kunstgewerblicher Ästhetisierungs-Bemühungen. Das Grunzen, Röcheln und Schnauben, das darauf bald ertönt, als laboriere jemand an seinem Verdauungsproblem, ist dazu dann auch kein Kontrast, sondern Ergänzung.

Denn es ist der „Zeitfresser“, der sich hier hartleibig an Worten versucht. Julia Berke gibt die Titelrolle im Tüllmüllberg, ein halb fieses, halb erbarmungswürdiges Sirenenwesen im weitausladenden Glitter-Fummel (Kostüme: Dunja Marija Kopi). Und wenn aus diesem dann die endlich geformten Worte hervor strömen, diese Sätze, die dieses Wesen geradezu aus sich heraus wringt, muss das natürlich vorrangig brüllend passieren. Soviel Konvention muss schon sein. Dass man (auch) Krause Zwiebacks Sprache damit eher keinen Gefallen tut, kümmert da wenig.

Die Choreografien dazu zeigen mal mehr, mal weniger Symbolträchtiges. Da ist der Sand der Zeit, der erst als hübsches Häufchen im Bühnenraum platziert und dort bald verstreut wird. Nandicos ironisch ausgespielte Catwalk-Posen geraten immer steriler, eine Entmenschung hin zum Zeit-ist-Geld-Maschinenwesen aufzeigend, dem die blonde Unschuld im weißen Kleidchen (Thielken) mit goldigem Befremden beiwohnt oder auch sanft in die Parade tanzt.

Das reiht sich, das zieht sich. Theater, Tanz, Töne schier ewig rinnender Zeit. Aber sagen wir es so: Wem diese etwas über 60 Minuten Spieldauer zu lang wurden, der ist, nun ja, tatsächlich ein Opfer des „Zeitfresser“. Fürs Gros des Publikums gilt das – dem begeisterten Applaus nach zu urteilen – indes eher nicht.

Weitere Aufführungen am Samstag um 17 und 20 Uhr im Lofft, Karten über www.lofft.de.

Von Steffen Georgi

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