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Zu gut – und trotzdem wahr: Paul Bokowskis leicht überspitzte Tatsachen im Horns Erben

Lesebühnen-Autor Zu gut – und trotzdem wahr: Paul Bokowskis leicht überspitzte Tatsachen im Horns Erben

Über einen skurrilen Anruf bei der Polizei, den hartumkämpften Wohnungsmarkt und ein verheerendes Katzen-Sitting schreibt Paul Bokowski. Der Berliner Autor und Satiriker tingelt über die Lesebühnen des Landes und stellt sein neues Buch „Alleine ist man weniger zusammen“ vor – am Sonnabend im Horns Erben in Leipzig.

Schiebermütze und Dichter-Brille: Paul Bokowski, 33.

Quelle: Jan Kopetzky

Leipzig. Wenn in diesen Wochen über Migration gesprochen wird, dann ist es gefühlt auch immer seine Geschichte. Paul Bokowski ist Kind von Wirtschaftsflüchtlingen – wie man solche Menschen heutzutage oft abwertend nennt. Als seine Eltern zu Beginn der 1980er Jahre aus Polen nach Deutschland kamen, wollten sie sich hier ein besseres Leben aufbauen. Und sie können deshalb gut nachvollziehen, was es für die Ankommenden in diesen Tagen heißt, unter ständiger Beobachtung zu stehen und den Vorurteilen vieler Menschen zu begegnen.

„Sie haben versucht, dem entgegenzuwirken, sich möglichst gut und schnell zu integrieren. Ich muss sagen, sie haben es übertrieben. Sie haben ihre polnische Identität zu stark abgelehnt.“ Ein Grund, warum der in Mainz geborene und aufgewachsene Bokowski kaum Polnisch sprechen kann. „Meine Eltern meinten, sie müssten mich deutsch erziehen.“ Diese Angepasstheit war für ihn als Jugendlicher Antrieb, es anders machen zu wollen. Er entwickelte einen skeptischen Blick auf das Alltägliche, das (Lebens-)Stilblüten treibt.

Erlebnisse im Überlandbus oder der Deutschen Bahn inspirieren den 33-Jährigen zu Kurzgeschichten wie „Dicker als Wasser“ und „In drei Zügen schachmatt“, in denen „wenige Minuten, nachdem unser ICE den Bahnhof Berlin-Spandau verlassen hat, sich die ersten Rentner erheben, um sich langsam und allmählich auf ihren Ausstieg in Hannover vorzubereiten“. Er baue seine Geschichten auf dem auf, was ihm widerfährt, „weil ich sehr schlecht darin bin, mir Dinge komplett auszudenken. Der Wahrheitsgehalt ist also hoch. Ich spinne dann erst ab einem gewissen Punkt rum.“

Viel zu gut für sein Alter

Was dabei entsteht, sind „brüllend komische Geschichten eines Autors, der eigentlich schon viel zu gut für sein Alter ist“, wie der Kabarettist Horst Evers ihn feiert – zusammengefasst in Bokowskis Erstling „Hauptsache nichts mit Menschen“ von 2012 und dem in diesem Jahr erschienen Kurzgeschichten-Band „Alleine ist man weniger zusammen“.

Den Lebensmittelpunkt Rheinland-Pfalz hat Bokowski nach Schule und Zivildienst vor nunmehr fast 13 Jahren verlassen. Er machte sich für ein Medizinstudium auf nach Berlin. Und strandete im Wedding, ist dem Kiez bis heute treu geblieben. Das liegt insbesondere daran, dass er hier auf den Lesebühnen der „Brauseboys“ und von „Fuchs & Söhne“ ein neues Zuhause gefunden hat. „Das ist kein klassischer Berufsraum, in den ich da gehe, einmal die Woche, sondern eher eine Art soziales Gefüge.“ Das Medizinstudium hat er ad acta gelegt. „Es ist ein großer Luxus, wenn man genau das machen kann, was man machen möchte, damit über die Runden kommt und keinen Tag bereuen muss“, sagt der schlanke Mann, dessen Schiebermütze und dunkle Dichter-Brille als seine äußerlichen Markenzeichen gelten dürfen.

Anderes ist viel bezeichnender.

Es gibt Menschen, die reden viel, ohne dabei etwas zu sagen. Paul Bokowski spricht schnell, ohne dabei jedoch inhaltsleer zu sein. Auch bei Fragen, die ihn scheinbar überraschen, sammelt er sich nur kurz, um dann eloquent zu antworten. Mit sonorer Stimme und regelmäßigem Schmunzeln gesteht er ein, dass er diese Außenwirkung regelmäßig überprüft. Er sei, sagt er, sehr selbstreflektiert und manchmal übervorsichtig, wenn es darum gehe, wie sein Publikum auf ihn reagiert. Das müsse man als Bühnenperson sein, meint Bokowski.

Schreiner wäre er auch gerne

Gelegentlich sieht er sich trotz einigem Rampensau-Talent in einer „Emotionsnische“ gefangen. Die Ecke, in der die Peinlichkeit sich versteckt. Dann denke er, was er hier oder dort gesagt hat, sei unangenehm, unangemessen. „Das gilt auch für meine Produkte. Wenn ich mir das erste Buch angucke, da gibt es schon ein, zwei Stellen.“ Er lacht dieses kurze, harte, verschämte Hähä. „Die hätte man nicht unbedingt machen müssen.“

Manchmal schwingt eine Spur Unsicherheit mit, wenn man Paul Bokowski über sein Schreiben reden hört. Vielleicht ist es auch Bescheidenheit.

Er sagt schlicht, sein Verlag habe schon wieder angefragt. 2017 oder spätestens im Frühjahr 2018 soll ein neues Buch von ihm erscheinen. Eigentlich würde der Berliner Autor sich auch gerne einmal an einem Roman versuchen, „um daran zu wachsen. Aber ganz ohne den Druck eines Geldgebers dahinter. Die Messlatte wäre meine eigene Zufriedenheit.“

Darüber hinaus hat Bokowski zum konkreten Tun andere unerfüllte Wünsche, die aber ebenso seiner Kreativität Ausdruck verleihen. „Ich wäre gern Schreiner“, sagt er und erzählt, dass er in seiner Wohnung viel selbst gemacht habe. Mit Holz arbeiten, eigene Möbel in eigenem Design bauen: „sehr verlockend“. Dann kommt aber doch – mit gebührendem Ernst vorgetragen – das Dilemma zum Vorschein. „Ich bin ziemlich gut beim Tippen im Zehn-Finger-System. Wenn es einer weniger wird, habe ich ein Problem. Vielleicht sollte ich vorher noch so eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen, bevor ich umsattele.“

Das wäre schade, denn es ist gewiss: Bokowski hat seine Berufung schon längst gefunden.

Lesung Sonnabend, 20 Uhr, Horns Erben (Arndtstraße 33),
Abendkasse 10 Euro

Von Insa van den Berg

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