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Zu viel ist zu wenig: Philipp Poisel versuchte alles zu sein in der ausverkauften Arena Leipzig

11 000 Zuschauer Zu viel ist zu wenig: Philipp Poisel versuchte alles zu sein in der ausverkauften Arena Leipzig

Es wirkt, als ob das Konzert mit Philipp Poisel am Dienstagabend in der Arena Leipzig alles sein will: große Show, intimes Konzert, ironische Werbung für den Schwarzwald. Die Crew macht und tut, die Band spielt und singt und rennt von Bühne zu Bühne. Alles hechelt durch eine komplett durchgeplante Show.

Parcours der Stimmungen: Philipp Poisel in der Arena Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. „Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt“, sang einst der junge Dirk von Lowtzow. Der junge Philipp Poisel hingegen sang an diesem Dienstagabend für 11 000 Menschen in der ausverkauften Arena, sich zwischen der zweiten und dritten lowtzowschen Kategorie pudelwohl fühlend.

Bevor Poisel aber die Bühne betritt, singt Luisa Babarro cellospielend und von Schlagzeug, Bass und Beats begleitet stille kleine Songs, die klassisch und zeitgemäß zugleich sind. Die große Halle will nicht recht dazu passen, vom Band übernehmen die Backstreet Boys und Robbie Williams. Fragt man sich zunächst noch, was deren Stimmungshits mit Philipp Poisels Musik zu tun haben, verraten die riesige Bühne und der Catwalk zur zweiten, auch nicht gerade kleinen Bühne in der Mitte der Arena, dass an diesem Abend die ganz große Show winkt. Von der Decke hängt ein prächtiger, alle Rapunzel dieser Welt eifersüchtig machender Zopf aus Kabeln zum FOH herab. (Das ist der Platz der Tontechniker – hier lernen Sie noch was!)

„Ich versteh gar nicht, was er singt.“ – „Ich auch nicht.“

Ein ganz zartes Gitarrenfeedback setzt ein, bevor eine Gitarre vor sich hin balalaikat und der Bass sich reindrängelt. Während man versucht, sich auf den Text des ersten Liedes zu konzentrieren, heißt es in der hinteren Reihe: „Ich versteh gar nicht, was er singt.“ – „Ich auch nicht.“ Leider ändert sich daran in den zweieinhalb Stunden des Konzerts nichts – außer Alin Coen aus dem Background oder das Publikum übernehmen den Gesang. Philipp Poisel knödelt mal wie Herbert Grönemeyer, mal wie Xavier Naidoo. Vokale verdrängen Konsonanten, Poisel betont und verlängert Silben unabhängig von ihren Wortstämmen und kreiert damit eine Art Fantasiesprache. Fürs zweite Lied rauschen Wellen über die Bühnenrückwand, ein Leuchtturm dreht sein Licht Runde um Runde dem Publikum ins Gesicht. Poisel singt „Geh nicht“, vorm Refrain setzt die Musik ganz kurz aus, nur so kurz, dass der Refrain mit voller Wucht und voller Kapelle loswogt wie die Wellen hinter den Musikern. Die Leute lieben das, ob im Radio, in Til Schweigers Kinofilmen oder eben hier in der Arena.

Danach sprintet Poisel den araltankstellenblauen Catwalk vor, schnappt sich die Akustikgitarre und singt „Froh dabei zu sein“, das Publikum singt mit, viele haben den Titel groß auf dem T-Shirt stehen. Nach einer ersten (unverständlichen) Ansage steht die ganze Band mit auf der kleinen Bühne. Danach Dunkelheit, darin wuselnde Schatten. Die Band ist zurück auf der großen Bühne, zwischen den Musikern stehen Tannenbäume. Das zieht sich durchs ganze Konzert: zwischen den Songs wird es dunkel und ruhig, Band und Crew zaubern immer neue Kulissen und Instrumente hervor. Da fährt ein Minibus vor der Golden Gate Bridge durch „San Francisco nachts“, da wird das Schlagzeug von A nach B geschoben, da stehen auf einmal ein paar unscheinbare Scheinwerfer, da fährt Philipp Poisel mit Rollschuhen über die Bühne und da dreht sich eine 4 Meter hohe MDF-Platten-Ballerina abseits der Band. (Sie ist von der Seite praktisch unsichtbar, also ungefähr so dünn wie Natalie Portman in „Black Swan“; man muss schon aus Mitgefühl ein Schnitzelbrötchen kaufen). Zum Teil wirken die Kulissen wie aus einem Schultheater und verlieren sich in der großen Halle. Und warum muss Poisel im Lied „Zum ersten Mal Nintendo“ auch noch mit einem riesigen Gameboy rumhantieren?

Komplett durchgeplante Show

Es wirkt, als ob das Konzert alles sein will: große Show, intimes Konzert, ironische Werbung für den Schwarzwald. Die Crew macht und tut, die Band spielt und singt und rennt von Bühne zu Bühne. Alles hechelt durch eine komplett durchgeplante Show. Selbst in der Zugabe taucht noch eine riesige runde DJ-Kanzel aus dem Nichts auf, von der aus sich das Konzert in eine große Technoparty verwandelt. Wundern tut einen das nicht, aber als sich in den Rave hinein zig Konfettikanonen entleeren, ist die Überraschung so groß wie die Freude – alles strahlt vor sich hin, manche stecken sich einen güldenen Erinnerungschnipsel in die Tasche. Dass Philipp Poisel sich und das Publikum in diesem Glückszustand nicht nach Hause schickt, sondern noch drei weitere Songs spielt, passt gut zu diesem Abend, der zu viel wollte, aber zu wenig war, um in Erinnerung zu bleiben.

Von Benjamin Heine

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