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Zukunftsforscher Matthias Horx: "Hoffnung ist die Essenz der Zukunft"

Zukunftsforscher Matthias Horx: "Hoffnung ist die Essenz der Zukunft"

Wer etwas über die Zukunft erfahren und keine Kaffeesatzleserei betreiben will, ist in Deutschland bei Matthias Horx (58) bestens aufgehoben. Horx gehört zu den bekanntesten Zukunftsforschern der Republik.

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Zukunftsforscher Matthias Horx.

Quelle: dpa

Leipzig. Seit mehr als 50 Jahren beschäftigt er sich auf wissenschaftlicher Grundlage mit dem Blick in die Zukunft.

„Mittlerweile weiß ich, was man über die Zukunft sagen kann und was nicht", zieht Horx Bilanz. In seinem neuesten Buch „Zukunft wagen" beschreibt er daher den klugen Umgang mit dem Unvorhersehbaren, das auch er nicht ausmerzen kann.

Frage: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass die Menschen unter Zukunftsalzheimer leiden. Was hat es damit auf sich?

Matthias Horx

: Das bezieht sich auf die Wahrnehmung, dass in unserem Kulturkreis das Zukünftige regelrecht in Vergessenheit zu geraten scheint. Wir leiden unter einer Art Futurophobie – Angst vor der Zukunft. Wenn man mit vielen Menschen spricht, hat man das Gefühl, alles geht unentwegt den Bach herunter, die Welt ist schlecht und immer schlechter. Das Gefühl, das die Punks in den 80er-Jahren verkörperten – No Future – ist heute spießige Mehrheitsmeinung. In meinem Buch „Zukunft wagen" versuche ich der Frage nachzugehen, warum das so ist. Ich beschäftige mich mit der Zukunftspsychologie von Menschen, aber auch von Gesellschaften.

Haben die Deutschen denn Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen?

Die Frage selbst zeigt schon das Problem. Was wäre denn genug „Grund", optimistisch in die Zukunft zu blicken? Braucht Optimismus neuerdings Gründe? Braucht es dreifach abgesicherte Superrentenversicherungen? Garantien, dass der Job lebenslang sicher sein wird? Dass es niemals niedrige Zinsen, schlechtes Wetter oder Flüchtlinge aus anderen Ländern geben wird? Dass also keinerlei Unbill auf uns zukommt, nichts, womit wir uns auseinandersetzen müssen? Kann Optimismus nicht auch im kreativen Annehmen von Herausforderungen bestehen?

Warum gewinnt man trotzdem den Eindruck, dass von Medien, Politik und Wirtschaft permanent düstere Krisenszenarien entworfen werden?

Das ist schon absurd: Wir leben in einem friedlichen und trotz Krisen prosperierenden Europa, in einer starken Wirtschaft, in einer erstaunlich gut funktionierenden Demokratie, in einem gewaltigen Wohlstand. Und trotzdem tun wir so, als wäre alles die Hölle und kurz vor dem Zusammenbruch. Auch viele weltweite Trends verlaufen positiv. Viele Millionen Menschen entkommen derzeit der bitteren Armut, die im größten Teil der Welt noch vor zwanzig Jahren allgegenwärtig war. Aber solche Entwicklungen stehen nicht in den Zeitungen, und wenn, nehmen wir sie gar nicht wahr. Dafür sind einerseits die Medien verantwortlich und ihre zahlreichen Panik- und Alarmismus-Journalisten, die schlichtweg mit Angst, Übertreibung und negativer Selektion Kohle machen. Aber es handelt sich auch um ein fundamentales Wahrnehmungsproblem. Marie Curie hat einmal gesagt: „Man merkt nie, was schon getan wurde, man sieht immer nur, was noch zu tun bleibt." Die Evolution hat uns vor allem dazu geformt, Gefahren zu wittern und vorauszuahnen. Mit einer sicheren Situation, mit andauerndem Wohlstand, haben wir offenbar gewaltige Probleme. Dieser leerdrehende Alarm-Mechanismus bringt die Gefahr mit sich, dass wir aus lauter Angst vor der Zukunft diese verspielen. Die wirklichen gesellschaftlichen Katastrophen entstehen nämlich immer aus Panik, verzerrter Weltwahrnehmung, hysterischer Übertreibung.

Sie sagen, wir können froh sein, dass nicht alle globalen wirtschaftlichen und sozialen Probleme gelöst sind. Was ist das Gute an Wirtschaftskrisen und Flüchtlingsströmen aus Afrika in die EU?

Wenn man die Welt und das Leben ein bisschen tiefer versteht, weiß man, dass Krisen eine Botschaft beinhalten, die uns weiterbringen kann. Wirtschaftskrisen sind in einer komplexen Weltwirtschaft keine Endzeiten, sondern Anzeichen für ökonomische Ungleichgewichte – aus der Korrektur entsteht oft neuer sozialer und ökonomischer Fortschritt. Die Eurokrise wird zu einer Re-Organisation Europas führen, genauso, wie die Auseinandersetzung mit den afrikanischen Flüchtlingen zu einer neuen Sichtweise Afrikas und der globalen Vernetzung führen wird. Zukunftsfähigkeit entsteht durch Offenheit gegenüber Störungen und Krisen. Evolution ist in gewisser Weise nichts anderes als das Resultat von Krisen.

Was tun die Menschen, denen es gelingt, trotz schwieriger Umstände zuversichtlich nach vorne zu sehen? Was machen sie anders?

Zuversicht entsteht immer aus einer gewissen Dankbarkeit gegenüber dem Erreichten, auch wenn nicht alles ist, wie es sein sollte. Wir neigen aber offensichtlich zum Gegenteil: Wir legen die Latte des unbedingt Zu-Erreichenden immer höher. Unsere Ansprüche an Wohlstand, Stabilität, Harmonie, Krisenfreiheit steigen ständig an. Man nennt das auch den Fahrstuhl-Effekt: Während es uns immer besser geht, wir also mit dem Fahrstuhl nach oben fahren, scheint die Wirklichkeit mit ihren Widersprüchen und Problemen immer weiter „abzufallen". Die scheinbare Fallhöhe steigt. Dadurch geht es uns schlechter, obwohl es uns besser geht. Die Konsequenz ist dieses unerträgliche Jammern und Klagen, das uns heute umgibt. Das ist unerträglich vor allem denjenigen gegenüber, die wirklich Grund zum Klagen hätten.

Nachdem Sie sich seit vielen Jahren mit der Zukunft beschäftigen: Wie hat sich Ihre Haltung zur Zukunft verändert? Wie beschreiben Sie Ihr Zukunftsbild?

Im Laufe meines Lebens habe ich verschiedene Zukunftsbilder erlebt. Erst die naive, himmelstürmende technische Utopie der 60er-Jahre, dann die grüne Untergangsvision der 70er und 80er, à la „Der Wald stirbt, die Welt ist kaputt, wir haben nur noch wenige Jahre...". Die Weltuntergangsphantasie hat eindeutig den Sieg davongetragen. „Menschen verwüsten den Planeten, wir sind alle Weltzerstörer" ... Im Grunde spiegeln solche Zukunftsbilder die alten religiösen Schuld-Frömmigkeiten eins zu eins wieder. Was früher das Höllenfeuer war, ist heute die kommende Umwelt- oder Rohstoffkatastrophe.

Was raten Sie Menschen mit Zukunftsängsten. Wie können sie diese verlieren?

Ich weiß gar nicht, ob man Zukunftsängste verlieren sollte. Aber wir könnten mit ihnen umgehen lernen, sie erwachsen zähmen. Dabei hilft es, wenn wir unsere ewige Kontrollsehnsucht überwinden. Bindungen an Menschen sind ja immer riskant, die Liebe ist riskant, man verliert dabei die Kontrolle! Aber wer sich wirklich auf den Anderen einlässt, verliert auch die Angst vor der Zukunft. Er überwindet seinen Narzissmus, der der eigentliche Antrieb der Angst ist. Er produziert den Kern-Rohstoff der Zukunft: Vertrauen.

Die Zukunft, schreiben Sie, entwickle sich schleifenförmig. Entwickeln wir uns also nur scheinbar weiter und kreisen eigentlich in den immer gleichen Bahnen?

Die Zukunft entwickelt sich jedenfalls nicht linear. Zu jedem Trend gehört ein Gegentrend. Wenn wir alles digitalisieren, sehnen wir uns schnell wieder nach dem Analogen. Die Autos fahren heute nicht zehnmal schneller als vor hundert Jahren und der Fortschritt „beschleunigt" sich nicht „immer mehr", wie das immer behauptet wird. Vieles Alte kehrt zurück, ob es alte Autos sind oder handwerkliche Gegenstände, schöne Bücher oder Genossenschaftsmodelle. Die wahre Zukunft entsteht nicht aus Überwindung des Alten, sondern aus Renaissancen, aus Synthesen des Alten mit dem Neuen.

Sie schreiben in ihrem Buch übers Pilzesammeln. Was können wir dabei über die Zukunft lernen?

Als Pilzsammler muss man sich in einer ganz bestimmten Achtsamkeit durch den Wald bewegen. Man muss pirschen, damit die Pilze nicht davonrennen ... Nein, im Ernst: Pilzesammeln hat mir meine sächsische Großmutter beigebracht und die war ganz groß darin, auch in schwierigen Zeiten nicht die Hoffnung aufzugeben. Und Hoffnung ist die Essenz der Zukunft.

Wenn wir über die Zukunft nachdenken, sind wir auch immer mit unserem eigenen Tod konfrontiert. Haben Sie als Zukunftsforscher etwas Tröstliches über den Tod herausgefunden?

Mit dem Tod gibt es keine Versöhnung. Aber ich habe eine nützliche Illusion gefunden, mit der man sein zukünftiges eigenes Verschwinden vielleicht besser ertragen kann. Verkürzt: Wir sind alle Mitspieler einer gewaltigen Komplexitätsentwicklung, sind Teile eines riesigen Evolutionspuzzles. Nichts geht in diesem gigantischen Quantenrechner verloren, jeder Moment, jedes Leben, jede Idee kann ein Beitrag sein. Elemente dieses „molekularen Futurismus" finden sich bereits in antiken Philosophien. Etwa in den Lehren von Epikur und Lukrez.

Gibt es etwas, das aus Ihrer Sicht in der Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit eintreten wird und das Sie gerne noch selbst erleben würden? Ein Ereignis oder ein Forschungserfolg?

Meine These ist: Es wird in diesem Jahrhundert keine großen, sagenhaften Durchbruchs-Erfindungen mehr geben. Das heißt nicht, dass es keine Innovationen mehr geben wird, aber diese werden eher aus Re-Kombinationen und graduellen Verbesserungen schon bekannter Techniken bestehen. Was ich allerdings für ziemlich wahrscheinlich halte ist, dass wir in diesem Jahrhundert einen bewohnbaren oder gar bewohnten Planeten im All entdecken. „Alien Contact", das wäre natürlich eine ungeheure Sensation. Es würde unser Selbstbild, unsere Identität, radikal verändern. Wir würden erstmals wirklich „Menschheit". Ich strenge mich an, das noch zu erleben...

Paul Henkel

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