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Zum 250. Geburtstag Jean Pauls: "Einer, der aus dem Mond gefallen ist"

Zum 250. Geburtstag Jean Pauls: "Einer, der aus dem Mond gefallen ist"

Den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth gab Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, einen Korb, als sie 1951 neu erstanden. Es werde sich, ließ Heuss damals den Stadtvätern mitteilen, gewiss eine andere Gelegenheit finden, "die Jean-Paul-Stadt Bayreuth" zu besuchen.

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Das Jean-Paul-Denkmal auf dem Jean-Paul-Platz in Bayreuth.

Quelle: dpa

Denn wie der in Leipzig geborene Musikdramatiker hatte auch der Schriftsteller, der drei Jahre erfolglos in Leipzig Theologie studierte und dann vor seinen Gläubigern floh, sich am Ende seines Lebens eingerichtet in der fränkischen Provinz-Residenz.

Beide Großjubilare des Jahres 2013 veränderten das Kulturleben für Generationen - weil beider Nachruhm keine Graustufen kennt. Jean Paul und Richard Wagner spalten Publikum, Kollegenschaft, Forschung. Was damit zusammenhängen mag, dass auch ihre jeweilige Kunst, bei allen unüberbrückbaren Gegensätzen, eines eint: ihre manipulative Kraft. Denn wer sich einlässt auf den Sog von Wagners Musik und die Magie von Jean Pauls erzählerisches Hakenschlagen, gerät hinein in ein Paralleluniversum des Geistes, in dem andere Gesetze gelten als die der Logik und der Aufklärung. Obschon der Poet den Aufklärer Jean-Jacques Rousseau so sehr verehrte, dass er nach ihm seinen Künstlernamen baute.

Das macht dem Jean-Paul-Leser die Sache nicht leicht. Während man sich zu schöner Musik fallen lassen kann, wollen die Text-Mäander aktiv erarbeitet werden. Denn diese Geschichten sind nicht entwickelt. Ihr Urheber lässt sie wuchern, folgt seinen Assoziationen auf entlegene Nebengleise, verliert selbst schon mal den Überblick, tritt dann kommentierend heraus aus seiner eigenen Phantasie-Welt. Um ein wenig zu ordnen - manchmal auch nur, um sich die Vergeblichkeit des Versuchs einzugestehen. Und wieder abzutauchen, der Strömung zu folgen, immer neue Absonderlichkeiten an die Oberfläche zu bringen, Betrachtung und Beschreibung, Kommentar und poetologische Selbstreflektion, Bitterkeit und sanften Humor, Idyll und Chaos fortwährend durchmischend. Der 1967 geborene Schriftsteller Navid Kermani sagt es so: "Jean Pauls Romane sind der permanente Verfremdungseffekt. Wie im epischen Theater, gleichwohl ohne Didaktik kommentiert der Romanschreiber das eigene Romanschreiben und stellt es somit in seiner Romanhaftigkeit aus."

Erstaunlich modern ist das Ergebnis.Ludwig Börne (1786-1837), Feuilleton-Prophet des Jungen Deutschland, formulierte schon kurz nach Jean Pauls Tod ein Versprechen für die Zukunft: "Nicht allen hat er gelebt! Aber eine Zeit wird kommen, da wird er allen geboren, und alle werden ihn beweinen. Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichend Volk ihm nachkomme."

Eine solche Kunstauffassung konnte den klassischen Dichterfürsten Schiller und Goethe nicht behagen, in deren Nachbarschaft Jean Paul einige Jahre lang in Weimar wohnte. Tatsächlich wurden die Klassiker und er schon von Zeitgenossen als Antipoden gehandelt. Der Jean-Paul-Verehrer Börne: "Seit ich fühle, habe ich Goethe gehaßt, seit ich denke, weiß ich warum". Und Schiller bekannte, Kollege Paul sei ihm "fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist". Für den Erfolg des Wunsiedlers hatten die Dichterfürsten keine Erklärung. Und erfolgreich, das war er.

1795 erschien "Hesperus oder 45 Hundsposttage". Das Buch machte den Autor Jean Paul über Nacht berühmt und wohlhabend und brachte ihn auf Augenhöhe mit dem Olympier Goethe: Kein anderer Roman verkaufte sich seit "Werther" besser. Wieland und Herder waren wie gelähmt vor Begeisterung - noch mehr war es die Damenwelt, die sich in Jean Pauls Bücher vergrub, wenn sie des Autors nicht selbst teilhaftig werden konnte. Um sich ihm zu Füßen zu legen oder gleich erotisch zu Diensten zu sein. Auch das mag der Geheimrat als Konkurrenz empfunden haben.

In der Nachwirkung fanden beide wieder zusammen. Gustav Mahler beispielsweise modellierte seine in Leipzig entstandene erste Sinfonie nach Jean Pauls "Titan" und reflektierte in der Achten Goethes "Faust". Wie überhaupt es ein Anliegen der Folgegeneration werden sollte, die Erhabenheit der Klassiker und die irisierende Herzenswärme und Geisteskraft, den Witz Jean Pauls zur zweiten Stufe der Romantik zusammenzubringen.

Uns Heutigen ist darüber das Werk selbst abhanden gekommen. Viele machen sich nicht mehr die lustvolle Mühe, sich auseinanderzusetzen mit dem "Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal. Eine Idylle" oder dem "Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelkästen gezogen; nebst einem Mustheil und einigen Jus de tablette" oder mit "Siebenkäs. Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktfleckchen Kuhschnappel." Werktitel, die so schillernd sind, wie die Geschichten dahinter. Man sollte sie mal wieder zur Hand nehmen.

Oder die schöne Jean-Paul-Stadt Bayreuth besuchen. Dort wurde das frisch renovierte Jean-Paul-Museum wiedereröffnet. Während das Wagner-Museum in der Villa Wahnfried im Wagner-Jahr Baustelle ist. Theodor Heuss würde das gefallen haben.

@www.jean-paul-2013.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 21.03.2013

Peter Korfmacher

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