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Zum Weinen schön

„Arabella“ in der Oper Leipzig Zum Weinen schön

In der Oper Leipzig feierte am Wochenende „Arabella“ umjubelte Premiere, die letzte gemeinsame Arbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Ulf Schirmer dirigierte, Jan Schmidt-Garre inszenierte, und Betsy Horne sang die Titel-Partie.

Jan-Hendrik Rootering als Graf Waldner, Renate Behle als seine Frau Adelaide, Tuomas Pursio als Madryka, Betsy Horne als Arabella, Markus Franke als Matteo und Olen Tokar als Zdenka (v. l.).

Quelle: Leipzig report

Leipzig. „Die schöne Musik!“, seufzt Octavian, „da muss man weinen“. Und weil er als Kammerzofe verkleidet ist, resümiert die Marschallin eine Intrigen-Drehung weiter: „War eine wienerische Maskerad’ – und weiter nichts“. Beide meinen selbstredend den „Rosenkavalier“, das Opus summum des Autoren-Gespanns Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Aber es trifft auch die letzte Zusammenarbeit der beiden gut: „Arabella“. Jedenfalls dann, wenn sie so auf die Bühne kommt und aus dem Graben wie seit Samstagabend in der Oper Leipzig, wo der Generalmusikdirektor-Intendant Ulf Schirmer mit dem Gewandhausorchester und vielen erstklassigen Sängern nach der Seele greift und Jan Schmidt-Garre als Regisseur ihm dabei hilft.

„Arabella“ hat nicht den besten Ruf. Viele Produktionen kranken daran, dass sie die vermeintlichen Schwächen dieses Werks zu übertünchen versuchen mit allerlei Deutungshuberei. Doch die Erfahrung lehrt: Das macht den unwahrscheinlichen Schwank nicht wahrscheinlicher, raubt dem das Mysterium schicksalhafter Liebe aber die Naivität, mit der der Sprachkünstler unter den Librettisten hier die Herzen ausleuchtet. In der Pause räumt Schmidt-Garre ein, dass bei „Arabella“ die Musik besser sei als der Text. Wohl weil er das so sieht, inszeniert er bisweilen ohne Not gegen die Worte. Da liest die Kartenaufschlägerin im Buch, statt aus Karten, da wundert sich Gräfin Walter, dem liebestollen Matteo „im Stiegenhaus“ zu begegnen, derweil sie ihn im Schlafgemach erwischt und dazwischen geschieht derlei immer wieder. Aber Schmidt Garre zeichnet so sensibel die inneren Konturen seiner Protagonisten nach, dass äußere Unschärfen gleichgültig scheinen.

So entgeht er allen drei Gefahren, denen sich „Arabella“ ausgesetzt sieht wie die Titel-Figur in seiner Inszenierung sich den düsteren Wänden am Ende des ersten Aktes: Operetten-Kitsch kommt nicht vor, weil Heike Scheeles Bühnenbild uns Hotel wie Ballsaal reduziert bis karg vor Augen führt und auch Thomas Kaisers Kostüme sich in eleganter Zurückhaltung üben. Klamauk kommt nicht vor, weil Schmidt-Garre den Witz eher unterschwellig serviert. Und Sentimentalität kommt nicht vor wegen seiner präzisen Personenzeichnung. Das ist, gerade weil es sich so weit zurücknimmt, eine in weiten Zügen große Regie, die das Schmuddelkind der Künstler-Ehe Strauss-Hofmannsthal in rückhaltloser Liebe ernstnimmt.

Was nur funktioniert, weil die Darsteller mitziehen. Betsy Horne stattet in melancholischer Grandezza Arabella mit der Weisheit und Würde einer Marschallin aus, und der kurzfristig eingesprungene Tuomas Pursio zeichnet Mandryka eben nicht als Ochs-Wiedergänger, sondern als ungeschliffen flirrenden Stürmer und Dränger. Olena Tokars Zdenka lässt auch in Jungs-Kleidern immer die Mädchen-Seele durchschimmern, und Jan Hendrik Rootering belässt dem spielsüchtigen Waldner den Herzens-Adel. Markus Franke driftet als hysterisch verliebter Matteo ebenso wenig ins Lachhafte ab wie Paul McNamara, Jürgen Kurth und Sejong Chang als Arabellas Galane Elemer, Dominik und Lamoral. Selbst der sonst nur robust zwitschernden Jodel-Folklore der Fiakermilli (noch kurzfristiger eingesprungen: Daniela Fally) gönnt Schmidt-Garre noch ein Relief. Da ist es auch verzeihlich, dass er mit dem Chor nichts anzufangen weiß.

Ohne Musik wäre das alles dennoch ein Treppenwitz der Musiktheater-Geschichte. Aber die Musik, sie ist zum Weinen schön in dieser Produktion. Weil Betsy Horne die weiten Bögen spannt, als seien sie nur ihr in die Kehle komponiert. Strauss war neben Puccini und Mozart der große Frauenversteher unter den großen Komponisten. Und so wie Horne singt, vom Richtigen, wenn’s einen gibt für sie auf dieser Welt, wie sie in zärtlichen Tönen ihre Verehrer entlässt und am Schluss ihre Enttäuschung und Verletztheit einflicht, dass Mandryka ihr nicht vertraut, versteht der Zuhörer ganz unmittelbar, warum verliebte Männer diesen schillernden Engel umschwirren. Kaum anders verhält es sich bei Olena Tokar als Zdenka. Sie ist eben nicht in einer Hosenrolle unterwegs und auch nicht als naives Schwesterlein. Sie singt das Mädchen, das als Junge verkleidet wird, weil es im Hause Waldner für zwei Mitgiften nicht reicht, mit sinnlichem Selbstbewusstsein, glasklarem Parlando und beseeltem Überschwang – wo die Partie lyrisch aufblüht.

Auch Pursio macht seine Sache ausgezeichnet. Das Ungestüme des entflammten Landedelmannes kauft man ihm vom ersten Ton an ab. Die ekstatische Verzückung sowieso. Die zärtliche Verliebtheit auch – so lange er in unteren bis mittleren Lagen bleibt. Geht es hoch hinaus, was oft genug der Fall ist in dieser mörderischen Partie, braucht er Kraft, um die Bögen zu schließen. Kann er die einsetzen, weil das dynamische Umfeld danach ist, singt er die Sterne vom Himmel. Sind allerdings Zwischentöne gefragt, wird das Ergebnis Mandrykas übergriffigem Charakter besser gerecht als Strauss’ Musik. Arabellas Freier klingen mit dem hell schmelzenden Tenor McNamaras, dem weichen Bariton Kurths und dem geschmeidig-sensiblen Bass Changs fabelhaft. Die Zwitscher-Koloraturen von Daniela Fally Fiakermilli sind ein beeindruckendes Naturereignis. Und mit Ausnahme des kraft- und farblosen Rootering sind selbst kleine Partien wie Renate Behles Adelaide und die Kartenaufschlägerin mit Karin Lovelius so grandios besetzt, wie es dieses herrliche Opern-Nichts verdient.

Womit wir beim Gewandhausorchester wären. „Wenn man ein solches Orchester hat,“ gab Schirmer im Vorfeld zu Protokoll, „muss man diese Musik einfach spielen“. Bliebe zu ergänzen: Wenn man einen solchen Chefdirigenten hat, muss man es erst recht. Von den ersten Tönen an, in denen Strauss in feinmechanischer Komplexität die Feder vorspannt, über den Rausch des Vorspiels zum dritten Aufzug und den sensualistischen Zauber des letzten Zwischenspiels bis zur knappen Triumph-Geste des Schlusses bleiben Schirmer und das Gewandhausorchester dieser Musik nichts schuldig. So feingliedrig, so schillernd, so subtil hat selbst der Instrumentations-Großmeister Strauss sein Orchester nicht oft behandelt. Dieses Gespinst macht einen erheblichen Teil der Wirkungsmacht von „Arabella“ aus. Und selten nur ist es – das ist das wohl größte Problem des unterschätzten Werks – so elegant oszillierend, so intensiv emotional, so subtil durchwirkt, so intim als groß besetzte Kammermusik aufgefasst zu hören wie aus dem Leipziger Graben.

Da graviert Konzertmeister Andreas Seidel als Erster unter Gleichen Gefühlsprotokolle in seine Soli. Da spricht die im Notenbild so ungeheuer komplexe Polyphonie ganz unmittelbar. Ob im ersten Akt die Hörner das Schlagen von Arabellas Herz hörbar machen oder das letzte Zwischenspiel im poetischen Ces-as-fes-des-Irgendwo letzte Zweifel ausräumt – in der Oper Leipzig findet diese wienerische Maskerad’ die Musiker, die sie zum Weinen schön spielen. Folgerichtig ist der Bravo-durchsetzte finale Jubel für Schirmer und fürs Orchester besonders exaltiert. Dicht gefolgt von dem für Horne, Pursio und Tokar – und noch immer gewaltig für den Rest vom Fest.

Vorstellung; 26. Juni. 18. September, 15. Oktober, 16. Dezember, 29 Januar, 14. Mai, und 16. Juni. Karten gibt’s im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl Leipzig, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050, auf der Internetseite www.lvz-ticket.de sowie an der Opernkasse oder unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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