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Zweite Wahl, aber vielversprechend

Am Montag beginnen mit „Parsifal“ die Bayreuther Festspiele Zweite Wahl, aber vielversprechend

Mit Uwe Eric Laufenbergs neuem „Parsifal“ beginnen am Montag die Bayreuther Festspiele. Es dirigiert Hartmut Haenchen, der den kurzfristig abgesprungenen designierten Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons ersetzt.

Sicherheits-Schleuse am Festspielhaus in Bayreuth.

Quelle: dpa

Leipzig. Natürlich wäre es schön für Leipzig gewesen, hätte der designierte Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons am Montag in Bayreuth zur Eröffnung der Bayreuther Festspiele Wagners „Parsifal“ dirigiert. Aber der 37-jährige Lette zog sich bekanntlich vor rund drei Wochen vom Grünen Hügel zurück – aus noch immer nicht geklärten Gründen. Wahrscheinlich ist, dass der Dresdner Kollege Christian Thielemann in seiner Eigenschaft als Musikalischer Oberleiter der Festspiele ihm eine Spur zu besserwisserisch ins Handwerk pfuschte. Aber nichts Genaues weiß man nicht, zumal Nelsons gar nichts sagt, Thielemann alle Schuld weit von sich weist und die Festspielleitung in Gestalt der Wagner-Urenkelin Katharina sich im konkreten Falle noch etwas schmallippiger ausschweigt als sonst ohnehin schon.

Immerhin: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Nelsons 2017 ins Fränkische zurückkehrt, und der 73-jährige Hartmut Haenchen, der nun für ihn einspringt, ist als ausgewiesener Wagner-Fachmann erstens beileibe keine Notlösung, und zweitens hat auch er eine Leipziger Vergangenheit: 2000 war er ebenfalls ein Designierter – allerdings auf der anderen Seite des Augustusplatzes. Udo Zimmermann wollte ihn zum Generalmusikdirektor der Oper machen. Es gab einen Vorvertrag, Haenchen hatte schon fertige Spielpläne in der Schublade – dann ging Zimmermann, und der Vertrag war das Papier nicht mehr wert, das die Unterschriften trug. Auch als es um die Zimmermann-Nachfolge ging, war Haenchen im Rennen – aber die Leipziger Oper noch nicht reif für einen dirigierenden Intendanten, wie sie ihn zehn Jahre später in Gestalt Uwe Schirmers erhielt.

Haenchen also und Wagner, eine Gleichung, die immer wieder aufging. Der „Ring“, den er gemeinsam mit dem Regisseur Pierre Audi in Amsterdam schmiedete, gehörte zu den aufregendsten der letzten Jahrzehnte, Gleiches gilt für seinen Parsifal, den er mit dem euro-scenen-Dauergast Romeo Castellucci in Brüssel produzierte. Haenchen ist kein Schwelger wie Nelsons, sondern ein skrupulöser Partitur-Verwirklicher mit Hang zu Akribie, Transparenz und Zügigkeit. Das ist zunächst einmal weder besser noch schlechter, sondern einfach nur anders – könnte sich aber gerade beim „Parsifal“ als Segen erweisen. Denn die Gefahr ist groß, dass Wagners „Bühnenweihfestspiel“, sein eigens fürs Bayreuther Festspielhaus komponiertes letztes Werk im Adagio-Weihrauch stecken bleibt. Und wer einmal viele Stunden auf dem Grünen Hügel verbracht hat, wo aufgrund verschärfter Sicherheitsmaßnahmen auch die Sitzkissen und Wasserflaschen verboten wurden, wird jede Minute dankbar zu würdigen wissen, die ein Dirigent rausholt.

Und es können viele sein, wie ein Blick auf die Extreme zeigt: Arturo Toscanini, der langsamste, brauchte 1931 vier Stunden und 40 Minuten, Pierre Boulez, der flotteste, war 1967 eine Stunde früher fertig. Bei der von Richard Wagner überwachten und von Hermann Levi dirigierten Uraufführung waren es übrigens vier Stunden – jeweils netto, versteht sich. Man wird sehen, wo Haenchen landet mit dem Festivalorchester im gedeckelten Graben, in dem allein 19 Musiker der Staatskapelle Dresden schwitzen und 14 Mitglieder des Gewandhausorchesters.

Auch bei der Regie gibt es bei der diesjährigen Neuproduktion nur zweite Wahl – aber wahrscheinlich ist Uwe Eric Laufenberg, 55, die bessere. Denn der ursprünglich als „Parsifal“-Regisseur vorgesehene Jonathan Meese war wohl nur deswegen auserkoren worden, weil seine Berufsbezeichnung „Skandal-Künstler“ lautet, von Opern-Regie jedenfalls hat er nicht die leiseste Ahnung. Und vielleicht lässt sein zeitiger Rauswurf 2014 hoffen, dass die Zeiten vorüber sind, in denen das Festspielhaus Bayreuth die teuerste Quereinsteiger-Debütanten-Bühne der Welt war. Laufenberg jedenfalls, heute Intendant in Wiebaden, machte die Oper in Köln wieder zu einer der ersten Adressen, bevor er sich mit der klüngelnden Stadtspitze überwarf. Er ist bekennender Wagnerianer, hat seit 1980 keine Produktion auf dem Hügel verpasst – und hatte für Köln schon ein fertiges „Parsifal“-Regiebuch in der Schublade, das er nun also in der Gralsburg der Wagnerianer verwirklichen kann.

Anders als bei Meese, von dem außer dem Skandal eher nichts zu erwarten stand, setzt er die Zeichen auf Werktreue und szenische Ernsthaftigkeit: „Wenn wir uns selbst dazu verurteilen“, sagte er gerade der „Frankfurter Rundschau“, „alles ständig mit Kontext zu lesen, und uns an das Eigentliche nicht mehr herantrauen, dann stimmt etwas nicht. Wenn ich ,Hamlet’ ankündige und spiele dann etwas, das damit nichts zu tun hat, dann ist das erstmal ein Etikettenschwindel. Was dabei herauskommt, kann stark sein, aber warum nenne ich den Text dann nicht anders? Das ist mir nicht ganz klar.“

Diese Sicht aufs Werk und die eigene Arbeit könnte manchen Wagnerianer wieder mit der Mutter aller Festspiele versöhnen. Denn ein Selbstläufer ist auch die mittlerweile nicht mehr. Der Mythos von der vielfachen Überbuchung ist verblasst: Es gibt durchaus noch Karten für den aktuellen Jahrgang. Allerdings hat die Sache zwei Haken: Erstens gibt es nur noch welche für Frank Castorfs krawalligen „Ring“. Und den muss man, zweitens, dann auch komplett kaufen.

„Hier gilt’s der Kunst“, hatte Richard Wagner seinen Festspielen einst ins Stammbuch geschrieben. Doch eigentlich hat man seit Jahren den Eindruck, dass es auf der Zielgeraden erst mal dem werbewirksamen Skandal gilt. Den gab es in diesem Jahr in Gestalt der Nelsons-Demission – dazu trat die Aufregung ums neue Sicherheitskonzept, das der globalen Terror-Bedrohung Rechnung tragen soll. Erstmals ist das Festspielhaus weiträumig eingezäunt, die familiäre Durchmischung von Vorstellungs-Besuchern und Zaungästen also erst einmal Geschichte, ebenso das hautnahe Promi-Gucken zur Eröffnungs-Premiere.

Das würde in diesem Jahr allerdings ohnehin weniger glanzvoll ausfallen als in der Vergangenheit: Die Kanzlerin beispielsweise, sonst treuer Stammgast, ist diesmal nicht von der Partie. Als Grund lässt sie Terminkollisionen angeben. Aber Sicherheitsbedenken werden wohl auch eine Rolle gespielt haben. Schließlich ist „Parsifal“ ein stark religiös aufgeladenes Werk.

Von Peter Korfmacher

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