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Zwischen Aufbäumen und Aufgabe - Rainer Behrs „Herbstzeitlose“ auf der euro-scene Leipzig

Zwischen Aufbäumen und Aufgabe - Rainer Behrs „Herbstzeitlose“ auf der euro-scene Leipzig

15 Jahre hat er für Pina Bausch getanzt, nun besuchte er Leipzig als Choreograf: Rainer Behr. Mit der Compagnie des Theaters Bielefeld präsentierte er sein Tanzstück „Herbstzeitlose“ auf der 22. euro-scene Leipzig, die dieses Jahr unter gleichem Namen stattfand.

Wohl auch deswegen galt das Gastspiel als einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals zeitgenössischen europäischen Theaters – und dem Schlussapplaus nach zu schließen konnte Behr die Erwartungen des Leipziger Publikums erfüllen.

Im dunklen Kirchenraum der Peterskirche bewegen sich die neun Tänzer in trister Kulisse vor und auf einem Schuttberg, versuchen den Zivilisationsschrott zu bezwingen und scheitern. Mutig, als ginge es um ihr Leben, tanzen sie barfuß auf spitzem Geröll, dass es einem bis in die Zuschauerränge weh tut. Rainer Behr entwirft ein Endzeitszenario und lässt die Bielefelder dagegen antanzen. Metaphorisch passt dazu der Titel der Inszenierung. Im Herbst, das drohende Jahresende vor Augen, liegt fast alles brach, sie aber fängt an zu blühen: Die Herbstzeitlose. Ein Symbol der Hoffnung in Form des bunten Herbstkrokusses und dennoch: Er ist giftig. Und so changiert der Abend zwischen Zuversicht und Verzweiflung. Unter einem braunen Kleid kommt ein leuchtend blauer Unterrock hervor, das kräftige Rot eines anderen Kleides aber wird durch ein braunes ersetzt.

Der Körper wird Projektionsfläche einer ganzen Gefühlswelt, deren Grenzen an diesem Abend ausgelotet werden: Zwischen Aufbäumen und Aufgabe, Widerstand und Erschöpfung. Zu harmonischer Musik oder Industrielärm werden die Bewegungen mal organisch, mal zittrig. Tänzer richten sich gegenseitig auf, stützen und verstoßen sich und wiederholen alles noch einmal. In solchen Bildern schwingt Pina Bauschs Arbeit unweigerlich mit. Plötzlich können Wände erklommen werden und im nächsten Moment ist kein Vorwärtskommen mehr. Originell sind diese Grenzgänge aber nicht – und so mag der Funke nicht so richtig überspringen. Wenn eine Tänzerin – wieder metaphorisch – androht: „Ich bin wie ein stiller Vulkan. Aber ich könnte jederzeit explodieren“, wartet man doch sehnsüchtig auf eine erzählerische Wendung, eine tänzerische Explosion. Diese Hoffnung wird nicht eingelöst.

Theresa Eisele

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