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Zwischen Boxring und Plattenbau: Neuer Leipzig-Kinofilm von Clemens Meyer

“Herbert“ Zwischen Boxring und Plattenbau: Neuer Leipzig-Kinofilm von Clemens Meyer

Er war Polizist in „Als wir träumten“, demnächst schlüpft Literatur-Star Clemens Meyer erneut in eine Mini-Rolle. Beim Film „Herbert“, der im März in die Kinos kommt, schrieb er auch am Drehbuch mit. Peter Kurth spielt darin einen Leipziger Ex-Boxer, der an ALS erkrankt.

Clemens Meyer als Ringsprecher und Peter Kurth als Ex-Boxer im Film „Herbert“, der am 17. März in die Kinos kommt.
 

Quelle: Wild Bunch Germany

Leipzig. Die Jahre im Knast hat er als Erinnerung zwischen die Schultern tätowiert. „Torgau“ steht in Großbuchstaben auf dem Rücken von Herbert Stamm (Peter Kurth). Als Boxer war das Schwergewicht einst der „Stolz von Leipzig“, doch der Ruhm ist wie viele seiner Tattoos inzwischen verblasst. Der gealterte Box-Trainer lebt in einer unsanierten Altbauwohnung, verdient seinen Lebensunterhalt als Geldeintreiber und Türsteher, bis ihn die Schockdiagnose erreicht: Er leidet an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS.

Das Drama, das am 17. März in den Kinos anläuft, ist nach der Roman-Verfilmung „Als wir träumten“ (2015, Regie: Andreas Dresen) der zweite Kinofilm von Clemens Meyer. Zusammen mit Regisseur Thomas Stuber hat der Leipziger Schriftsteller („Im Stein“) das Drehbuch verfasst. „Herbert“ sorgte bereits bei den Filmfestivals in Hof, Thessaloniki und Toronto für Aufsehen. Auch für die Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis 2016 wurde die Geschichte auf Grundlage eines Dramas von Paul Salisbury jüngst nominiert. Neben Kurth („Tatort“, „Whisky mit Wodka“) sind Lina Wendel („Silvi“) und Lena Lauzemis („Wer wenn nicht wir“) auf der Leinwand zu sehen.

Im Film "Herbert" spielt Peter Kurth einen gealterten Ex-Boxer aus Leipzig, der an ALS erkrankt. Auch Schriftsteller Clemens Meyer ist in einer Mini-Rolle zu sehen. Fotos: Wild Bunch

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Zwischen Grünauer Plattenbau und Gründerzeit-Ruinen

Nach seinem Kurzauftritt als Polizist in „Als wir träumten“ übernimmt Meyer auch wieder selbst eine Mini-Rolle – diesmal als Ringsprecher. Der etwa zweiminütige Cameo-Auftritt endet in einem Tumult, bei dem Herbert die Fäuste fliegen lässt. Gedreht wurde der Film bereits im Frühjahr 2014 in Leipzig und Halle, zwischen Grünauer Plattenbauten am Schönauer Ring, in der Eisenbahnstraße, am Uni-Klinikum und in verfallenen Altbau-Ruinen im Leipziger Osten.

Für das Team war es aufgrund des Sanierungsbooms nicht leicht, noch eine Wohngegend in Leipzig zu finden, die das raue Szene-Flair einfängt. In Herberts Wohnung scheint die Zeit vor mindestens 20 Jahren stehengeblieben zu sein. „Auch wenn die Stadt nur den Hintergrund darstellt, spielt sie eine wichtige Rolle“, erklärt Stuber. „Leipzig ist gegensätzlich: Es kann ein Moloch mit heruntergekommenen Vierteln sein oder eine Metropole. Vor allem ist es ein Ort, an dem ich mich auskenne und an dem ich Geschichten erzählen kann.“

Herberts letzter Kampf ist auch ein Ringen mit der Vergangenheit. Die Jahre im Knast konnte ihm seine Tochter Sandra, die er mit sechs Jahren verlassen musste und die heute LVB-Straßenbahnen durch Leipzig fährt, nicht verzeihen. Mit ihr will er sich vor seinem Tod versöhnen. Im Vergleich zum Sport steht die persönliche Geschichte deutlich stärker im Fokus. „Ich sehe Herbert nicht als klassischen Boxfilm“, sagt Stuber. Clemens Meyer ergänzt: „Herbert ist letztlich ein Film über Abschied und Sterben, über jemanden, der auf den letzten Metern verzweifelt versucht, Fehler in Ordnung zu bringen.“

Kurth nahm 15 Kilo zu – und dann wieder ab

Mit seinen emotionalen Bildern schafft es Stuber, anders als die Ice Bucket Challenge, die Leiden der tödlichen Nervenkrankheit ALS ins Bewusstsein schwappen zu lassen. Die Symptome kommen schleichend: Ein Zucken im Arm, Krämpfe unter der Dusche und schließlich ein Zusammenbruch in einer Bar machen Herbert klar, dass es mehr als ein „Tattriger“ ist, der in seinem Körper rumort.

Durch die Langsamkeit der Erzählung wird der Schmerz des Protagonisten greifbar, den Peter Kurth mit einer brillanten schauspielerischen Leistung ausfüllt. 15 Kilo musste er für seine Rolle als Box-Trainer zunehmen, während des Drehs wieder 13 Kilo abspecken, um den Verfall authentisch zu dokumentieren. „Herbert war nicht nur eine psychische, sondern auch eine physische Herausforderung, wie man sie nicht oft erlebt“, erzählt der Schauspieler. „Ich musste meine gewohnten Tagesrationen verdoppeln.“

Filmplakat zu „Herbert“, für das Thomas Stuber und Clemens Meyer das Drehbuch schrieben

Filmplakat zu „Herbert“, für das Thomas Stuber und Clemens Meyer das Drehbuch schrieben.

Quelle: Wild Bunch Germany

Boxtraining als Vorbereitung

Auch intensives Boxtraining sowie eine Begegnung mit dem ALS-Kranken Harry in der Schweiz gehörten für Kurth und Stuber zur akribischen Vorbereitung auf den Film. Meyers Part beschränkte sich vor allem auf das Schreiben – auch in seinen Storys wie in die „Die Nacht, die Lichter“ spielen Boxer immer wieder eine wichtige Rolle. Mit Stuber drehte der 38-Jährige bereits 2011 unter anderem auf der Galopprennbahn im Scheibenholz den Kurzfilm „Von Hunden und Pferden“, der auf einer seiner Kurzgeschichten basierte und einen Studenten-Oscar erhielt.

Auch für den neuen Dresden-„Tatort“ hatte sich das Leipziger Duo beworben, jedoch keinen Zuschlag erhalten. Ihr jüngstes gemeinsames Projekt ist „In den Gängen“, ebenfalls eine Buchgeschichte Meyers, die den Deutschen Drehbuchpreis 2015 gewann. Ausbauen will Meyer sein Engagement vor der Kamera aber nicht, er liebt die Kurzauftritte. „Ich bin kein Schauspieler, eine größere Rolle zu übernehmen, kann ich mir nicht vorstellen – das könnte ja Arbeit bedeuten!“

Von Robert Nößler

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