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Zwischen Sacre und "Schwarzer Milch": Am Dienstag beginnt die Euro-Scene

Zwischen Sacre und "Schwarzer Milch": Am Dienstag beginnt die Euro-Scene

Alle Facetten des zeitgenössischen europäischen Theaters beleuchtet die euro-scene Leipzig jedes Jahr im November. Trotz Delle im Budget ist das Angebot ähnlich breit gefächert wie in den vergangenen Jahren.

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Alvis Hermanis, einer der gefragtesten Regisseure in Europa, thematisiert in "Schwarze Milch" die Entfremdung des Menschen von der Natur.

Quelle: euroscene

Leipzig. Das ermöglicht auch die Kooperation mit dem Schauspiel, wo das Festival morgen beginnt.

Es gibt viel zu erleben für Theaterfreunde in Leipzig in diesen Wochen. Erst der Spielzeitauftakt unter Enrico Lübbe am Schauspiel mit neuen Regisseuren. Jetzt, einen Monat später, startet die 23. euro-scene und gibt Einblicke in Theater-Ästhetiken von Spanien bis Lettland, von Tanzperformances bis zu Sprechtheater. Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff kündigt zwölf Gastspiele aus elf Ländern an. Kommen die Tanzstücke ohne Sprache aus, so werden die übrigen Vorstellungen übertitelt.

Zum Beispiel "Melnais piens", zu deutsch "Schwarze Milch", vom lettischen Regisseur Alvis Hermanis. Hermanis, einer der bedeutendsten Regisseure der diesjährigen euro-scene, ist weltweit auf Festivals unterwegs. Gestern feierte an der Komischen Oper Berlin seine "Così fan tutte"-Inszenierung Premiere. Den Weg von Berlin nach Leipzig wird er selbst wohl nicht antreten. Sein Ensemble vom Neuen Theater Riga, dessen künstlerischer Leiter er seit 1997 ist, aber widmet sich im Schauspielhaus dem Wandel des Landlebens im Baltikum. Der Verlust von Traditionen und fast mythisch aufgeladener Naturverbundenheit wird thematisiert. Und Hexerei lässt eine Kuh schwarze Milch geben.

"Schwarze Milch" ist auch zum Festival-Motto geworden. Was als Klammer wenig hilfreich sein mag angesichts des heterogenen Programms. Die gedankliche Spur Richtung Paul Celans Todesfuge, die damit gelegt ist, verweist zumindest auf das Stück "Rechnitz (Der Würgeengel)". Elfriede Jelinek hat sich darin mit einem unfassbaren Verbrechen einer SS-Abendgesellschaft befasst, über das Beteiligte und Zeugen den Mantel des Schweigens hüllen. Ein Wegschauen, das Vergessen bringen soll. Enrico Lübbe hat das Stück bereits in Chemnitz auf die Bühne gebracht und zeigt die Leipzig-Premiere jetzt auf der Hinterbühne des Schauspiels. "Ein Stück, das an die Nieren geht", sagt Wolff. Und das im Nebenprogramm mit Filmen vertieft wird. In Kooperation mit Arte werden außerdem zwei Filme zum Festivalschwerpunkt "Le sacre du printemps" zu sehen sein - eine Dokumentation und eine Tanzaufzeichnung.

Der morgige Auftakt des Festivals dreht sich gleich um Igor Strawinskys "Le sacre du printemps", das vor 100 Jahren in Paris seine Uraufführung feierte. Damals mit seinen Dissonanzen und nicht frontal zum Publikum getanzten Choreografien musikalische und tänzerische Avantgarde - und damit ein Skandal. Heute ein Jahrhundertwerk, das drei Regisseure nacheinander im Schauspielhaus interpretieren: David Wampach, Tero Saarinen und Georges Momboye.

Außerdem versucht am Abschlusswochenende die Wiener Tanzperformance "DeSacre" eine Parallele vom damaligen Skandal zur Aktion von Pussy Riot zu ziehen.

In der Residenz in der Baumwollspinnerei - eine Kooperation mit dem Schauspiel - zeigt Constanza Macras mit ihrer Compagnie Dorkypark "Die Wahrheit über Monte Verità", eine performative Annäherung an die Tessiner Künstlerkolonie, die zum Fluchtort für Pazifisten und Fortschrittsmüde wurde.

Wolff freut sich, dass Lübbe das Haus wieder für die euro-scene öffnet. Das hat angesichts des nach dem Ausstieg des Hauptsponsors um rund zehn Prozent gesunkenen Etats auch handfeste finanzielle Vorteile. Die Peterskirche, zuletzt Hauptspielstätte der euro-scene, muss diese Jahr nicht angemietet werden. "Wir bezahlen natürlich auch im Schauspiel Miete", sagt Wolff. Unterm Strich bleibt dennoch eine deutliche Einsparung. Zweitens füllen die Schauspiel-Produktionen den euro-scene Spielplan auf den gewohnten Umfang. Dennoch musste Wolff auf die eine oder andere Großproduktion verzichten.

Zurück in die Garderobenhalle des Schauspiels kehrt auch der alle zwei Jahre ausgetragene Wettbewerb "Das beste deutsche Tanzsolo". Wolff nennt den ursprünglich vom Choreografen Alain Platel konzipierten und aus seiner flämischen Heimat mitgebrachten Wettbewerb einen "Schatz". Unter die 20 Finalisten hat es eine Leipziger Bewerbung geschafft.

Platel selbst, schon mehrfach zu Gast, fehlt in diesem Jahr. Doch die beiden Tänzer Miguel Moreira und Romeu Runa seiner Compagnie Les balletts C de la B gastieren mit der Deutschlandpremiere von "Der alte König". Spannender Tanz kommt auch aus Tschechien nach Leipzig. Andrea Miltnerová mit einem Solo und das Duett der Compagnie Nanohach malen faszinierende Bilder aus Bewegung, Kostümen und Licht.

Schon Ein- bis Zweijährige sollen "Gaias Garten", ein Stück des Teatro Pan aus Lugano, sinnlich erleben. "Das haben wir gezielt gesucht", sagt Wolff. Damit greift sie die Entwicklung in Europa auf, Theater schon für die Kleinsten anzubieten.

Den Schlusspunkt am kommenden Sonntag setzt Israel Galván, der in "La curva" einen tänzerischen Dialog mit der Pianistin Sylvie Courvoisier bestreitet. Galván geht den Weg der tänzerischen Abstraktion, um zum Kern des Flamenco vorzudringen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.11.2013

Dimo Rieß

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