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Zwischenstopp für Hirnbesitzer – die 236. Gewandhaus-Saison beginnt

Beethoven-Programm am Samstag Zwischenstopp für Hirnbesitzer – die 236. Gewandhaus-Saison beginnt

Am Samstag wird die 236. Gewandhaus-Saison mit einem reinen Beethoven-Programm eröffnet. Das Orchester ist selbst ohne amtierenden Gewandhauskapellmeister so gefragt wie eh und je. Auch wenn dem Spielzeit-Auftakt aus finanziellen Gründen das Open-Air auf dem Augustusplatz abhanden gekommen ist.

Ehrendirigent Herbert Blomstedt dirigiert sein Gewandhausorchester – und legt zu seinem 90. Geburtstag einen Beethoven-Zyklus vor.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Im Grunde ist es nur ein Zwischenstopp, wenn das Gewandhausorchester Samstagabend mit seinem Ehrendirigenten Herbert Blomstedt und dem gefeierten Klavier-Poeten András Schiff die 236. Gewandhaus-Saison eröffnet. Denn mit dem reinen Beethoven-Programm (2. Leonoren-Ouvertüre, 5. Klavierkonzert und 7. Sinfonie) setzte das älteste bürgerliche Orchester der Welt am Mittwoch erst einen Schlusspunkt hinter die Salzburger Festspiele 2016. Und am Montag bereits steht das erste von zwei Konzerten in Luzern an.

Diese Auftritte bei den wohl wichtigsten europäischen Musikfestivals zeigen mit Nachdruck: 100 Jahre nach der ersten Auslandsreise des Gewandhausorchesters – damals ging es, mitten im Ersten Weltkrieg, ebenfalls in die Schweiz – und selbst ohne amtierenden Gewandhauskapellmeister, ist das Orchester auch außerhalb Leipzigs gefragt wie eh und je. Weshalb es im November mit Blomstedt und dem originalen ersten Tournee-Programm (Werke von Beethoven, Strauß und Wagner) durch Deutschland tourt (Essen, Frankfurt) und im nächsten Mai unter der Leitung seines designierten Chefs Andris Nelsons durch Europa.

Dennoch, und obschon dem Spielzeit-Auftakt aus finanziellen Gründen das Open-Air auf dem Augustusplatz abhanden gekommen ist, zeigen die Musiker des Orchesters heute in ihrer Heimatstadt volle Präsenz: Bereits vor dem selbstredend ausverkauften ersten Großen Concert im großen Saal des Gewandhauses spielen sie in allen denkbaren Kammermusik-Formationen zum Gewandhaustag in der ganzen Innenstadt Musik aller denkbaren Epochen – und die Chöre des Hauses lassen sich auch nicht lumpen.

Danach ist das Orchester dann zwar erst einmal wieder aushäusig unterwegs, dennoch muss auch auf der Südseite des Augustusplatzes im September kein Klassik-Freund Mangelerscheinungen befürchten: Am Mittwoch präsentieren die Teilnehmer von Peter Schreiers internationalem Meisterkurs für Gesang das beim Über-Tenor Gelernte im Mendelssohn-Saal, am 9. September holen Über-Bariton Thomas Hampson und sein Klavierbegleiter Wolfgang Rieger den in der letzten Saison krankheitsbedingt ausgefallenen Liederabend im großen nach.

Am 15. September schließlich eröffnet Bach-Archiv-Präsident John Eliot Gardiner mit seinem sensationellen Monteverdi Choir, dem Gewandhausorchester und dem Lobgesang sowie dem Psalm „Wie der Hirsch schreit“ die Mendelssohn-Festtage, die in diesem Jahr unter dem Motto „Mendelssohn in Leipzig – auf dem Gipfel des Ruhmes“ stehen. Tatsächlich war Mendelssohn in den Jahren, in denen er an der Spitze des Gewandhausorchesters stand (1835 bis zu seinem allzu frühen Tod 1847) eine der zentralen Gestalten des europäischen Musiklebens, als Komponist ein Gigant, als Macher omnipräsent – und der erste reisende Superstar am Pult.

Die ihm gewidmeten Festtage in der Stadt, die diesem Universalgenie so viel verdankt, stehen indes nicht auf dem Gipfel des Ruhmes, sondern kurz vor dem Ableben: Der nun beginnende Jahrgang wird der letzte sein. Ab 2016 soll die Pflege von Mendelssohns Andenken in Leipzig aufgehen im Bachfest. Hintergrund ist die im Prinzip richtige Ansicht im Rathaus, dass es angesichts klammer Kassen besser ist, sich mit Nachdruck auf ein Festival zu konzentrieren, als sich mit zweien zu verzetteln. Allerdings scheint es, als sei mit der Einstellung der Mendelssohn-Festtage der zweite Schritt vor dem ersten getan. Denn wie die Eingliederung der Blüte der Leipziger Romantik unter der Dachmarke „Bach“ konkret und auf Dauer aussehen soll, das ist noch keineswegs geklärt.

Wie auch immer – los geht es heute mit Beethoven, einem Komponisten, der in den Programmen der Großen Concerte seit seinen Lebzeiten durchgehend so präsent ist wie kein zweiter. Dem Ehrendirigenten Herbert Blomstedt, seines Zeichens Gewandhauskapellmeister von 1997 bis 2005, liegt das Schaffen des Bonners ebenfalls besonders am Herzen. „Beethoven ist etwas für Hirnbesitzer“, wird er nicht müde zu betonen. Und zu seinem 90. Geburtstag im Juli löst er nun endlich ein Versprechen ein, das er schon zu seinem Amtsantritt 1997 formulierte: „Wir spielen später auch einen Beethoven-Zyklus ein.“

Das sollte für sein damaliges Stammlabel Decca geschehen, doch da Decca in der Zwischenzeit mit seinem Nachfolger Riccardo Chailly einen grandiosen und international mit Preisen überhäuften Beethoven-Zyklus produzierte, wird Blomstedts Pendant bei Accentus in Leipzig erscheinen. Die bisherigen Konzerte gerieten in ihrer weisen Präzision, Wärme und Schönheit mehr als vielversprechend. Und da die Blomstedt-Konzerte der heute beginnenden Spielzeit durch die Bank bestens gebucht bis ausverkauft sind, können sich all die, die keine Karten mehr bekommen, mit der Vorfreude auf die Accentus-Box trösten.

Und damit, dass „Endlich September!“ ist, folglich eine Saison beginnt, die 69 Große Concerte im Gewandhaus verspricht, dirigiert vom Ex-Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt (zehn Abende), vom designierten Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons (zwölf Abende) und von internationalen Stars der Szene: von Gatti über Gilbert bis Gardiner, von Bychkov bis Belohlavek, von Manze über Pinnock bis Welser-Möst.

Peter Korfmacher

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