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euro-scene Leipzig: Performerin Constanza Macras zwischen Film und Tanz

euro-scene Leipzig: Performerin Constanza Macras zwischen Film und Tanz

Um den Monte Verità sollte es gehen am Mittwochabend bei der Performance von Constanza Macras und ihrer Gruppe Dorkypark in der Residenz der Baumwollspinnerei, in Kooperation von euro-scene und Schauspiel Leipzig auf die Bühne gebracht.

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Quelle: Rolf Arnold

Den Berg im Tessin also, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Rückzugsort wurde für Pazifisten und Vegetarier, Zivilisationsmüde und Romantiker, Mystiker, Sonnenanbeter und Prediger der freien Liebe. Und für Tänzer. Rudolf von Laban, und daran schließt das Stück physisch an, begründete hier den Ausdruckstanz. Ein Sammelsurium der Alternativ-Bewegungen auf der Suche nach Wahrheiten. Und wer, wie der Titel des Abends vorgibt, die "Wahrheit über Monte Verità" verkündet, der meint das bestenfalls ironisch.

Dorkypark hält sich auch nicht auf mit Wahrheiten, sondern taucht in dem zweigeteilten Abend ein in eine erst filmische dann tänzerische Annäherung an die Kräfte, die vor 100 Jahren am Menschen zerrten, um die künstlerische Moderne einzuleiten. Und das fügt sich, trotz einiger Wiederholungsschleifen zu unterhaltsamen, aufwendig produzierten 80 Minuten. Zu einer opulenten Choreographie mit elf Tänzern und Musikerinnen, die - und das zeichnet die Berliner Truppe vor allem aus - spielerische Leichtigkeit ausstrahlen, ohne an Präzision zu verlieren.

Leider beginnt alles mit kollektiver Sitzgymnastik. Die Stahlträger zwischen Publikumspodest und papierener Leinwand zwingen auf den Randplätzen zu Verrenkungen, wollen die eingeblendeten Texte gelesen werden. "Verbrennt die Bibliotheken", heißt es da, damit wieder ein "Zeitalter der Legenden" beginne. Oder auch mal "Püppchen Schüppchen". Und dann lässt man das mit dem Verrenken, weil es nicht um jedes Wort geht, sondern um den expressionistischen Eindruck. Um die Stummfilm-Ästhetik zu live eingespieltem Schlagzeug, tosendem Becken und Dissonanzen. Um Liebe und Tod, um Anziehungskraft und Abstoßung.

Ein Spiel, das seine Fortsetzung findet, als die Leinwand zerreißt und sich eine Bühne auftut aus schrägen Wänden und alten Möbeln. Alt genug, um von vergangenen Zeiten zu erzählen. Aus ihnen winden sich die Toten, die Zombies. Nosferatu-Finger krümmen sich im Schattenspiel, die Sprache verliert sich in dadaistischen Formen, der Tanz spiegelt die Zerrissenheit der Zeit, wogt zwischen Innigkeit und Kampf.

Gegen Ende beißt die Tänzerin Miki Shoji in einer Videosequenz in einen Apfel. Wenn es der Apfel der Erkenntnis ist, der fällt an diesem Abend nicht weit vom Stamm. Das macht nichts, denn in der von Momenten der Komik durchwobenen Choreographie finden sich Anspielungen auf Ästhetiken, die vor einem Jahrhundert ihren Ausgang nahmen. Und bei all den Erwürgten und Wiedergängern erinnert man sich an Keynes Gewissheit, dass wir auf lange Sicht sowieso alle tot sind. Stimmt, scheint Macras zu sagen, aber die Ideen bleiben. Dimo Rieß

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 08.11.2013

Dimmo Rieß

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