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Mag sein, dass zwischen den 800 da unten und den sechs da oben zunächst ein Missverständnis besteht. Etliche haben am Freitagabend im Clara-Zetkin-Park mit alten Ost-Hits gerechnet, schließlich ist "Soundtrack meiner Kindheit" auf die Eintrittskarte gedruckt.

Und Jan Josef Liefers wundert sich, wie er bald sagt, über die Stühle vor ihm. Er empfiehlt, sie rock'n'roll-mäßig umher zu schmeißen.

Dass das Mobiliar heil bleibt, bedeutet aber keineswegs, dass Liefers die Leute nicht mitgerissen hätte, im Gegenteil. Und das, obwohl man sein Unterfangen als mutig bezeichnen darf. Der 49-Jährige, vor allem als Schauspieler und Teil eines Promi-Paars bekannt, bestückt sein Konzert überwiegend mit Eigenkompositionen, die nicht mal veröffentlicht sind.

Okay, manche erliegen ihm, egal, was er tut. Um sich beliebt zu machen, müsste der gebürtige Dresdner gar nicht witzeln, aus "so einem Vorort von Leipzig" zu stammen. Hilft natürlich zusätzlich. Zuerst sind es aber die vermeintlichen Nebendarsteller namens Oblivion, die unüberhörbar überzeugen, als die Haupt- figur noch fünf Minuten hinter der Bühne verharrt: Was für eine Band!

Erdiger, psychedelischer Grunge-Rock, den Gitarrist Johann Weiß mit einem bluesigen Solo zersägt. Und wie wild wirbelt bitteschön Bassist Christian Adameit auf seinen fünf Saiten? Nachdem sich Liefers den Weg durch die Kollegen gebahnt hat, singt er über "Rückenwind". Liedzeilen wie "Der Weg ist das Ziel, doch dann steht das Ziel im Weg" könnten von einer DDR-Band rühren. Es ist aber ein Text Liefers', der bald erklärt, dass Walter Ulbricht ein wenig wie sein TV-Rechtsmediziner Boerne ausschaue.

"Radio Doria" ist die neue Überschrift, auch sie hat jedoch irgendwie mit der DDR zu tun. Nachts, wenn der Kurzwellen-Empfang besser sei, höre er unter der Bettdecke diesen Sender, erklärt Liefers, "die freie Stimme der Schlaflosigkeit". In "Kleine Kreise" singt er von einer Sehnsucht, die "längst vereist" sei, "manchmal schickt sie uns Ansichtskarten". Feine Texte, die auch 30 Jahre alt sein könnten.

Als Musiker mag Liefers, der nicht jeden Ton trifft, den Kollegen unterlegen sein. Aber das macht er mit Bühnenpräsenz, Charme und erlesenem Geschmack wett: Zum Klavier trägt er Antek Krönungs Gedicht "Drei Teile Gold" vor, und bevor er für eine Zuschauerin namens Anne Karats "Und ich liebe dich" schmachtet, schauspielern die beiden Heiner Müllers "Herzstück". Nach zwei Stunden sitzt zu Sillys "Wo bist du?" niemand mehr. Tanzen lässt sich auch zwischen den Stühlen.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 09.09.2013

Mathias Wöbking

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