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60 Jahre Staatsarchiv: Auf fünf Etagen ruht Geschichte bei 18 Grad

60 Jahre Staatsarchiv: Auf fünf Etagen ruht Geschichte bei 18 Grad

60 Jahre sächsisches Staatsarchiv in Leipzig: Die Fassade des 1995 bezogenen Domizils in der Schongauer Straße wird gerade auf Vordermann gebracht, drinnen ist alles vom Feinsten.

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Birgit Richter (rechts) erklärt einer Besuchergruppe die Magazinbestände im sächsischen Staatsarchiv Leipzig.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Modern ausgestattete Lesesäle, klimatisierte Magazine auf fünf Etagen, eine Restaurierungswerkstatt. Kein Vergleich zum Quartier zu DDR-Zeiten, wo seit 1954 die Sachwalter von Dokumenten, die bis ins Mittelalter zurückreichen, im einstigen Reichsgerichtsgebäude zu Hause waren. Da ging es eng zu.

Birgit Richter, seit 1986 Mitarbeiterin der Einrichtung, ist Archivarin mit Leib und Seele, kennt sich bestens in den Beständen aus und führt regelmäßig Besucher durchs Haus. "Wir sind in erster Linie Dienstleister für die Bürger, die Verwaltung und die Wissenschaft, weihen aber auch gern Gäste in unsere Arbeit ein und lassen hinter die Kulissen blicken." Diesmal ist die Gruppe der Neugierigen überschaubar. Sechs Wissendurstige begrüßt Richter, erläutert kurz die Zuständigkeiten des Archivs. Verwahrt und erschlossen wird vor allem das Schriftgut von Landesbehörden und Gerichten aus Vergangenheit und Gegenwart.

Angeschwollen ist der nach der Provenienz - also der Herkunft - geordnete Fundus mittlerweile auf 22 000 laufende Meter Akten. Mehrere Millionen Fotos sind ebenso deponiert, rund 60 000 Karten und Pläne, etwa 800 Urkunden, die älteste datiert von 1285. Sogenannte Findbücher erleichtern die Recherche, viele Quellen und Unterlagen sind bereits online verfügbar. "Zur Zeit sind wir dabei, sächsische Gerichtsbücher vom 15. bis zum 19. Jahrhundert für eine Datenbank aufzubereiten", erklärt Richter beim Rundgang.

Dann öffnet sie eine schwere Brandschutztür, hinter der ein Arsenal an Regalen steht. Konstant 18 Grad Celsius herrschen hier und 50 Prozent Luftfeuchte: eine konservierende Wohlfühlatmosphäre für die Archivalien. Leipzigs Einwohnermeldekartei von 1911 bis 1950 beansprucht in diesem Magazin reichlich Platz. Ob Akten von vor oder nach 1920 stammen, lässt sich oft an der Machart ablesen. Damals gab es eine Büroreform zur Stärkung des Registraturwesens. Handschriftliches verschwand und die Schreibmaschine gewann die Oberhand. Damit setzte sich auch das A-4-Format durch, während davor verfasste Dokumente meist großformatiger waren.

"Wenn es sich anbietet, gestalten wir zu ausgewählten Themen auch Ausstellungen", sagt Richter in die Runde. Die aktuelle Schau folgt dem Motto "Ein Haus voller Geschichte". Bei gedämpften Licht geht es für die Besucher nun auf eine Zeitreise, beginnend mit Exponaten aus dem Rittergutsbestand. Hinter Glas wird eine prunkvolle Urkunde präsentiert, durch die anno 1742 Thomas von Fritsch in den Freiherrenstand erhoben wurde. Der Sohn eines Leipziger Verlagsbuchhändlers residierte meist im Gut Seerhausen bei Riesa, korrespondierte emsig mit Johann Wolfgang von Goethe und anderen Weimarer Dichtern. Einige der Briefe finden sich in der Ausstellung. Eingetaucht wird ebenso in die Historie von Leipziger Messe, Agra und Verlagen. Und dann kommen die langen Schatten der Vergangenheit - Zeugnisse der Judenverfolgung und des Euthanasie-Programms, bei dem die Nazis unter der Kennung "T 4" psychisch Kranke und geistig Behinderte umbrachten.

"Sie können sich gerne an den ausgelegten Publikationen bedienen", meint Richter zum Schluss. Die Besucher langen zu, vor allem die jüngste Ausgabe des Archivblattes ist gefragt. Ein Beitrag darin rankt sich um die Arbeit der einstigen Pionierfilmstudios in Leipzig. Vieles von dem Filmmaterial ist erhalten und gehört zu den audio-visuellen Schätzen des sächsischen Staatsarchives.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.09.2014

Mario Beck

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