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Ärztin ohne Grenzen: Sarah Bruckmann half unterernährten Kindern im Tschad

Ärztin ohne Grenzen: Sarah Bruckmann half unterernährten Kindern im Tschad

Ärzte ohne Grenzen: Die weltweit tätige Hilfsorganisation war für Sarah Bruckmann "ein Grund, Medizin zu studieren", sagt die gebürtige Darmstädterin, die seit 2011 an der Leipziger Universitätskinderklinik als Assistenzärztin arbeitet.

Leipzig. "Früher habe ich viel mit meinem Vater über die Ungerechtigkeiten in der Welt diskutiert. Die ungerechte Verteilung medizinischer Versorgung empfand ich mit am schlimmsten", erzählt sie. Vom 24. Juli vorigen bis 23. Januar dieses Jahres bestritt sie nun ihren ersten Einsatz für die Hilfsorganisation: im Tschad.

"Als ich ankam, war gerade Regenzeit. Ich stieg nachts in der Hauptstadt N'Djamena aus dem Flugzeug und wurde zunächst von Scharen riesiger Käfer begrüßt, die auf meinem Rucksack landeten. Dann ging es rund 400 Kilometer durch eine Steppenlandschaft Richtung Osten. Nach Bokoro. In der Stadt gibt es nur eine geteerte Straße und vornehmlich Lehmhütten. Nur die Moschee, die Schule und das Krankenhaus sind aus Stein."

Nach ihrem Eintreffen wurde ihr ein Zimmer zugeteilt. "Ein kahler Raum mit einem Bett", berichtet die 31-Jährige schmunzelnd. Und ein Tuch bekam sie übergeworfen. "Das Land ist muslimisch und ich hatte alle Nachbarn zu besuchen. Es war immerhin der letzte Tag des Ramadan, ein Feiertag. Da bekundet man sich so gegenseitig Respekt. Also, es war schon eine geballte Ladung Fremdes, das da über mich kam."

Das kleine Krankenhaus, in dem das Ärzte-ohne-Grenzen-Team arbeitete, bestand weitgehend aus Holzgebälk und Plastik. "Es gab kein fließendes Wasser. Strom lieferte in erster Linie ein Generator. Milch für die Kinder wurde auf einem Gaskocher gekocht. Zwei angestellte Köchinnen bereiteten das Essen für die Mütter über offenem Feuer zu", sagt Bruckmann. Die Verständigung sei auch nicht leicht gewesen. "Mit meinem Französisch kam ich in der früheren französischen Kolonie nicht weit. Im Tschad gibt es mehr als 120 Landessprachen. Nur einige Menschen sprechen auch Arabisch." Doch irgendwie habe alles funktioniert. "Ich bin immer noch beeindruckt, mit welch' minimalsten Mitteln so eine Klinik arbeiten kann."

Medizinisch versorgt wurden vor Ort in einem Nothilfe-Programm explizit unterernährte Kinder von null bis fünf Jahren. Denn sehr viele hätten in dieser Region - aufgrund großer Dürren oder der tradierten Hierarchie, wonach sich zunächst der Mann satt essen muss - nicht ausreichend Nahrung und würden in der Folge oft lebensbedrohlich erkranken. "In Bokoro habe ich im Team mit fünf internationalen Mitarbeitern und mehr als 50 tschadischen Kollegen gearbeitet. Unsere mobilen Teams steuerten wöchentlich zehn Ortschaften im Distrikt an, die bis zu 130 Kilometer entfernt waren, um Kinder zu untersuchen. Waren sie mangelernährt, erhielten sie therapeutische Fertignahrung. Eine Erdnusspaste, die alle wichtigen Nährstoffe und viele Kalorien enthält", schildert Bruckmann.

Schwer Erkrankte mit medizinischen Komplikationen, etwa mit beträchtlichen Wassereinlagerungen, hätten die Teams dann mit ins Krankenhaus nach Bokoro gebracht. Den kleinen Ali etwa, der zudem an einer heftigen Malaria litt. Mit den verfügbaren Mitteln sei ihm nicht zu helfen gewesen, erzählt die Ärztin. "Einzig eine Bluttransfusion konnte ihn noch retten. Nur leider gab es in dem Krankenhaus keine Blutbank. Da nachts kein Strom anlag, ließen sich keine Blutkonserven gekühlt lagern." Die Eltern schieden für eine Transfusion dann leider auch aus. Erst nach intensiver Suche habe sich ein entfernter Verwandter mit passender Blutgruppe gefunden. Und Ali, zuvor immer schwächer werdend, habe bereits am Tag nach der Transfusion im Bett gesessen. Und gestrahlt. "Ich kann gar nicht sagen, welches Lächeln strahlender war - das von Ali, das seiner Mutter oder meines", erzählt Bruckmann.

Leider habe sie während ihres Aufenthaltes aber auch miterleben müssen, wie weitaus mehr Kinder starben als in einem ganzen Jahr auf einer deutschen Intensivstation. "Zu schaffen macht das einem vor allem, wenn man weiß, in einem modernen deutschen Krankenhaus hätte so ein Kind eine Chance gehabt. Aber man hat in der Bokoroer Klinik eben keinen Ultraschall, um mal ins Bäuchlein zu schauen. Man hat kein Labor, kann kein Blutbild machen." Nicht selten habe man bei den Kindern auch eine Vergiftung ausgemacht. "Wenn die Kleinen krank werden, gehen viele Mütter im Tschad eben immer zuerst zum traditionellen Heiler. Und manche von denen mixen dann etwas zusammen, wo es den Kindern nur noch schlechter geht. Teils macht einen traurig, dass es noch so viele Orte auf der Welt gibt, wo es an Bildung mangelt. Teils macht mich so etwas aber auch wütend, weil es einfach so unnötig ist", sagt Bruckmann.

Immerhin: In dem halben Jahr ihres Aufenthaltes half auch sie ein gutes Stück mit, in Bokoro mehr als 5000 Kinder ambulant und 500 stationär zu versorgen. In der Heimat hatte die junge Medizinerin Rückhalt bei Familie und Partner. "Auch die Leitung der Uni-Kinderklinik, meine Oberärztin und Kollegen haben mich sehr unterstützt. An sie konnte ich jeder Zeit aus Bokoro eine SOS-Mail senden, wenn ich in irgendeiner Sache nicht weiterkam und einen Rat brauchte", sagt Sarah Bruckmann, die irgendwann noch einmal als Ärztin ohne Grenzen in die Fremde ziehen will.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 25.02.2015

Angelika Raulien

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