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Bildung Behinderte Studenten kritisieren Bedingungen im Neubau der Universität Leipzig
Leipzig Bildung Behinderte Studenten kritisieren Bedingungen im Neubau der Universität Leipzig
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13:39 28.03.2012
Amerikanistik-Student Thomas Lehmann am Eingang zur Campus-Bibliothek. Quelle: Andreas Doering
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Leipzig

Thomas kam zwei Monate zu früh zur Welt, das hat den Abwehrkräften seines Körpers geschadet. An Tagen wie diesem, wenn seine Gesundheit nicht mitspielt, kann er nicht an seinen Uni-Kursen teilnehmen. Doch solche Fehlzeiten können schnell zum Problem werden, seitdem an deutschen Universitäten die Abschlüsse Bachelor und Master heißen. Manche Studiengänge haben rigide Anwesenheitspflichten eingeführt.

Auf den obersten politischen Ebenen hat sich spätestens seit der Verabschiedung der UN-Behindertenrechts-Konvention die Einsicht durchgesetzt: Niemand darf aufgrund einer körperlichen, seelischen oder geistigen Einschränkung aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die neue Strategie lautet Inklusion: Wo es möglich ist, sollen Rahmenbedingungen so verändert werden, dass auch Menschen mit Behinderung am öffentlichen Leben teilhaben können. Universitäten sind ein Hauptadressat dieser Forderung.

Die Konferenz der Hochschulrektoren (HRK) hat deswegen schon 2009 in ihrem Papier „Eine Hochschule für alle“ eine Reihe von Maßnahmen empfohlen, wie das Studium Behinderten-freundlicher werden kann. Doch davon ist in Leipzig im Gegensatz zu den Nachbaruniversitäten Halle und Dresden bislang wenig angekommen, bemängeln viele Betroffene. Das Netzwerk an Hilfsangeboten finden sie vielfach undurschaubar. Einzelne Unterstützer seien zwar sehr hilfsbereit, aber der Durchsetzungswille zu generellen Veränderungen fehle.

Lehmann sitzt im Rollstuhl und das ist in gewisser Weise sein Glück, denn er fällt auf. So traf er schnell auf andere Studenten, die sein Schicksal teilen und konnte sich mit deren Tipps und Wissen oftmals selbst helfen. Die deutlich größere und zumeist unsichtbare Gruppe, die unter den Bedingungen an der Universität leidet, sind chronisch kranke Studenten – etwa Diabetiker. Manche von ihnen müssen durch Krankheitsphasen ihr Studium zeitweise unterbrechen.

Anna Heinemann* (Name geändert) ist während ihres Studiums an einer schweren Depression erkrankt. Das machte zeitweise schon den Einkauf im Supermarkt zum Problem. Daran, vierstündige Klausuren zu schreiben, war nicht zu denken. Formal besteht in den meisten Fachbereichen der Leipziger Universität die Möglichkeit zum Ausgleich von Nachteilen, die durch Behinderung oder chronische Erkrankung entstehen. Doch Heinemann erfuhr erst durch eine Selbsthilfegruppe von psychisch erkrankten Studenten, dass auch sie ein Recht auf diese Nachteilsausgleiche hat.

So hätte sie beispielsweise zusätzliche Urlaubssemester nehmen können oder auch Vereinfachungen beim Nachweis von Studienleistungen beantragen können. Von den Beratungsangeboten der Universität in Form des Behindertenbeauftragten fühlte sie sich aber zunächst nicht angesprochen, sie ist schließlich nicht behindert. Doch Unterstützung bei der Organisation eines Studiums unter den Bedingungen einer Krankheit brauchen Studenten wie Heinemann dringend. Gerade wer psychisch erkrankt ist, geht damit nicht gerne hausieren und möchte nicht jedem Dozenten von vorn erklären müssen, was die Krankheit bedeutet.

Zuständig für solche Probleme ist eigentlich der Behindertenbeauftragte der Universität, der Theologe Michael Beyer. Er kann beraten, weiß Wege und setzt sich bei den Verantwortlichen der Studiengänge für die Belange von Behinderten und chronisch Kranken ein. Doch Beyer ist schwer zu finden. Eine zentrale Beratungsstelle, in der man ihn bei Sprechstunden antreffen könnte, gibt es nicht. Beyers Büro im Institut für Theologie befindet sich fernab vom zentralen Campus. Selbst auf der Internetseite der Universität erhalten Betroffene den Kontakt zu ihm nur durch Suchmaschinen-Abfrage oder mühsames Klicken durch zahlreiche Unterseiten der Studienberatung.

Leichter zu finden ist Regina Engelhardt vom Studentenwerk in der Goethestraße. Ihr Büro liegt direkt neben der allgemeinen Studienberatung. Allerdings ist Engelhardt nicht für die Organisation des Studiums zuständig, sondern für Fragen rund um Bafög und Wohnen. Wenn es um unerreichbare Lehrstätten oder die inhaltliche Planung des eigenen Studiums geht, kann sie nur weiter vermitteln.

Die schlechte Erreichbarkeit der verschiedenen Berater ist nur eine Seite des Problems. Die andere ist, dass der Behindertenbeauftragte nur spärlich mit der Verwaltung vernetzt ist. Das führt immer wieder zu absurden Problemen. Als Lehmann 2004 nach Leipzig kam, um Amerikanistik zu studieren, scheiterte er häufig an den physischen Barrieren. „Es gab dieses Ausweichgebäude am Brühl. Mein Seminar sollte im zehnten Stock stattfinden. Der Aufzug fuhr allerdings nur bis in die neunte Etage.“ Später, als der neu gebaute Campus am Augustusplatz endlich fertig war – die Räume im Gebäude sollten nun problemlos auch für Rollstuhl oder blinde Studenten benutzbar sein – tauchten plötzlich neue Hürden auf.

„Die elektrischen Türöffner waren nur mit einer Fernbedienung zu betätigen. Das ist allerdings total unpraktisch, weil so niemand einem die Türen öffnen kann, wenn man die Hände voll hat. Auch wusste zunächst niemand, wo ich diese Fernbedienung überhaupt bekommen konnte“, schildert Lehmann. An solchen Problemen zeigt sich: Bei den Entscheidungsträgern der Universität gibt es nur spärliches Wissen über die Bedürfnisse der Studierenden mit Behindern. Deshalb hat es weitere zwei Jahre gedauert, bis die unpraktikablen Türöffner durch bessere ersetzt wurden.

Das finden nicht nur die Betroffenen umständlich. Vor knapp einem Jahr hat der Studentenrat (StuRa) von der Universität eine Grundsatzentscheidung in Sachen Studium mit Behinderung und chronischen Krankheiten gefordert. Rektorat und Senat sollten eine Integrationsvereinbarung ausarbeiten. Nach der StuRa-Idee hätte das Papier die Zuständigkeiten der verschiedenen Hilfsstellen klar regeln und ihre Vernetzung verbessern sollen. Zudem wären konkrete Schritte zur Verbesserung der Lage behinderter Studierender beschrieben worden.

Doch statt einer Vereinbarung gab es erst einmal Streit. Theologe Michael Beyer hält überhaupt nichts von zusätzlichen Schriftstücken. „Das schafft doch lediglich mehr Bürokratie“, meint er. Er möchte die drei Stunden, die ihm für die Belange behinderter Studenten wöchentlich zur Verfügung stehen, lieber für die Betroffenen verwenden. Mit rund 30 Fällen hat Beyer in der Regel parallel zu tun. Wer bis zu ihm vorgedrungen ist, berichtet hinterher, dass der Behindertenbeauftragte tatsächlich keine Mühen scheut, um zu helfen.

Nur von einem großen Rundumschlag gegen unsensible Universitätsstrukturen will er nichts wissen. „Wenn ich politisch etwas ändern könnte, dann, dass Leute ein bisschen mehr Barmherzigkeit zeigen“, sagt Beyer. Der Rollstuhlfahrer Lehmann kritisiert das: „Man hat häufig das Gefühl, dass Barrierefreiheit auf der Liste der Probleme an der Universität unterste Priorität hat. Darüber gesprochen wird nur dann, wenn es gerade nichts anderes zu verhandeln gibt. Und wenn Verbesserungen erfolgen, wird so getan, als sei das vor allem ein Akt von Gutmenschentum.“

Eine grundsätzlich andere Haltung demonstriert Monika Lücke an der Martin-Luther-Universität im benachbarten Halle. Die Historikerin, die deren Stelle zur Hälfte für die Vertretung schwerbehinderter Mitarbeiter der Universität frei gestellt ist, ist überzeugt: Eine grundsätzliche Verbesserung für de Lage behinderter Universitätsangehöriger erfordert Kampfgeist und den Willen zur politischen Durchsetzung. Die Integrationsvereinbarung habe dabei sehr geholfen: „Wir haben so ein rechtlich verbindendes Dokument, auf das wir uns stützen können, wenn wir mit Fachbereichen beispielsweise über Nachteilsausgleiche verhandeln. Deshalb sind wir sehr stolz darauf, dass wir es geschafft haben, auch die Studenten in die Vereinbarung einzubeziehen.“

In Halle sind die Hilfsangebote gebündelt, die in Leipzig verstreut vor sich hinarbeiten. Im zentralen Kompetenzzentrum in der Barfüßerstraße 17 in Halle arbeitet neben Lücke auch Christfried Rausch. Er hat eine halbe Stelle als Assistent des ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten des Senats der MLU und kümmert sich vor allem um die Studenten.

Gemeinsame Themen gibt es reichlich und so stimmen sich Lücke und Rausch ab. Lücke ist in allen wichtigen Uni-Gremien vertreten, und kann sie so beraten bei Belangen, die Menschen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten betreffen. Das ist bei Haushaltsfragen der Fall, bei Neu- und Umbauten von Gebäuden oder bei Rahmenregelungen von Studienordnungen. Bei der Studentenberatung nutzt Rausch das bereits existierende Netzwerk des Kompetenzzentrums. „Ich gehe auf die Prüfungsausschüsse zu und berate deren Vorsitzende. Der betroffene Student stellt einen formlosen Antrag und ich schreibe dazu eine Stellungnahme. In der Regel werden solche Anträge dann bewilligt, der Student bekommt einen schriftlichen Bescheid und die Sache ist geklärt.“

Die formelle Regelung solche Abläufe hat in Halle die Arbeit mit Betroffenen effektiver gemacht, darin sind sich Lücke und Rausch einig. Auch die anderen Stellen, die für die Betreuung von Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten zuständig sind, wie etwa die Sozialberaterin des Hallenser Studentenwerks, haben Sprechstunden in der Barfüßerstraße. Die barrierefrei erreichbaren Räumlichkeiten können auch von Studierenden mit Behinderung genutzt werden, wenn sie hier eine Klausur nachschreiben wollen. Das Zentrum bietet auf diese Weise nicht nur Service für die Studenten sondern auch für die Universität. „Es wird sich zu einem Qualitätsmerkmal entwickeln, wie eine Hochschule mit ihren behinderten Angehörigen umgeht“, davon ist Lücke überzeugt.

Im kommenden Sommersemester wird die Hochschulrektorenkonferenz evaluieren, inwiefern diese Empfehlung an den Universitäten und Hochschulen umgesetzt wurde. Hinter vorgehaltener Hand ist die Rede davon, dass man in Leipzig deswegen bereits ein wenig nervös wird. Immerhin: Inzwischen hat man auch hier erkannt, das mehr Vernetzung notwendig ist. Deshalb hat es ganze zwei Treffen vergangenen halben Jahr gegeben, bei denen neben dem Behindertenbeauftragten Beyer und Regina Engelhardt vom Studentenwerk, auch der Vertreter der schwerbehinderten Mitarbeiter Tino Kühlewind anwesend war. Ausgetauscht wurde sich erst einmal über grundsätzliches - Mittel und Wege der Arbeit für Studenten mit Behinderungen und chronischen Krankheiten.

Thomas Lehmann träumt derweil von Amerika. „Seit es dort das Gesetz „Americans with Disabilities Act“ gibt, ist es völlig undenkbar geworden, dass Menschen aufgrund von Behinderung diskriminiert werden können. Wer das dennoch tut läuft Gefahr, millionenschwer verklagt zu werden.“ Eigentlich hätte Lehmann seine Abschlussarbeit gerne über amerikanische Literatur geschrieben. Doch angesichts des Umstandes, dass sich beim Thema Barrierefreiheit so wenig tut, meint er: „Ich werde wohl doch über das Studieren mit Behinderung schreiben. Sonst tut sich da nie etwas.“

Clemens Haug

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