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Den Geheimnissen der Gliederpuppe im Leipziger Grassi-Museum auf der Spur

Den Geheimnissen der Gliederpuppe im Leipziger Grassi-Museum auf der Spur

Diese Dame ist klein von Wuchs, rund 500 Jahre alt und hat es in sich. Im  Grassi Museum für Angewandte Kunst steht sie in einer Vitrine, daneben läuft seit kurzem eine Computeranimation und offenbart, was in der nur 23 Zentimeter großen, hölzernen Gliederpuppe verborgen ist.

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Die Gliederpuppe aus dem Grassi-Museum.

Quelle: André Kempner

Leipzig. "Viele Geheimnisse hat sie, einige konnten wir lüften", erklärt Chefrestaurator Christian Jürgens. Und Emeritus Professor Klaus Bente, der viele Jahre das hiesige Uni-Institut für Mineralogie, Kristallographie und Materialwissenschaft leitete, merkt an: "Die Besucher können nun nicht mehr nur den äußeren Schein, also das Objekt an sich besichtigen, sondern es auch virtuell durchreisen." Die Fahrt ins Reich des normalerweise Unsichtbaren basiert auf viel wissenschaftlichem Know-how. Per Computer-Tomograf sorgte Bente bei dem zusammen mit Jürgens betriebenen Projekt für einen dreidimensionalen Röntgendurchblick der Miniatur, die ein Meisterwerk der Feinmechanik darstellt. Aus 55 Teilen besteht die Aktfigur, ihre Extremitäten lassen sich bewegen.

 Bilder mit einer Auflösung von 40 Mikrometern konnten aus ihrem Innenleben gewonnen werden. Das filigrane Gelenksystem kam dabei ebenso ans Licht wie dessen Verknüpfung mit aus Tierdarm gefertigten Fäden. Sie ziehen sich in acht Strängen durch den Korpus, sind das Netzwerk für die 14 Gelenke und enden in zwei Knebeln im Kopf. "Genial", schwärmt Jürgens, der einen Vergleich mit dem 1528 von Albrecht Dürer beschriebenen optimalen Proportionsmodell des menschlichen Körpers anstellte. Mit Dürers Darstellung ist die Puppe exakt stimmig, so der Chefrestaurator. Nur die Füße sind etwas groß: "Umgerechnet hätte sie die Schuhgröße 44."

 Mit der Historie der flexiblen Eva kennt sich Jürgens bestens aus. Allerdings nur von jener Zeit an, als sie nach Leipzig kam. Anno 1725 wurde das Kleinod zusammen mit einem männlichen Exemplar von der Stadt angekauft. Beide kamen in den Ratsschatz, der Herr des Paares verließ schon im 18. Jahrhundert wieder die hiesigen Gefilde. Wohin ist unklar. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gebe es heute jedenfalls ein "vergleichbares männliches Pendant", wie Jürgens erklärt. Auch das Gliederfräulein blieb nicht durchgängig an der Pleiße, sondern weilte von 1886 bis 1912 in New York, konnte dann aus dem Privatbesitz in Übersee wieder zurückgekauft werden. Zuschreiben lässt sie sich vermutlich einem Schöpfer mit dem Monogramm I.P., datiert wird ihre Fertigung auf die 1520er-Jahre, in der auch Dürer seine Proportionsstudien anstellte. Für wen genau die Initialen stehen, liegt im Dunkeln, die Bildhauerwerkstatt könnte eine der so genannten Donauschulen gewesen sein.

 Eine der Theorien geht davon aus, dass solche Puppen im Zuge der Renaissance in größeren Stückzahlen entstanden, vielleicht als erotische Spielzeuge, Studienobjekte oder Schaustücke dienten. Nur sechs sind weltweit noch vorhanden, verteilt in Deutschland, Österreich und Spanien. "Alle ebenso intensiv wie unsere zu sondieren und gemeinsam auszustellen, wäre ein Traum", meint Jürgens. Zu jener aus dem Bode-Museum in Berlin konnte Bente schon Untersuchungen anstellen. Die ersten Ergebnisse zeigen viele Übereinstimmungen der inneren Konfiguration mit dem Leipziger Exemplar. Von dem hat Jürgens ein Fadenpröbchen entnommen und zur DNA-Analyse an ein Münchner Institut geschickt. Mit Spannung erwartet er das Resultat. "Zu ermitteln gilt es, von welcher Tierart das Darm-Material stammt." Schafe oder Katzen gelten als Hauptkandidaten. Wenn es einen Befund gibt und auch die anderen Puppen dementsprechend gecheckt würden, könnte sich eine weitere Spur zu den Ursprüngen auftun. Die Frage, aus welchem Holz das Grassi-Figur geschnitzt ist, bleibt bisher unbeantwortet - die zerstörungsfreie Bildauflösung ist zu gering. Bente und Jürgens tippen auf Birnbaum, auch Buchsbaum wäre möglich.

 Bald kommt es zum Treffen der Leipzigerin und des Hamburgers in Frankfurt am Main - das Paar wird im Städel-Museum bei einer Ausstellung vereint. Wenn die Annahme stimmt, dass Letzterer auch einst zum hiesigen Ratsschatz gehörte, wäre es das erste Wiedersehen nach fast 300 Jahren. Jürgens: "Wir steuern die Kostbarkeit gerne für die große Dürer-Schau bei." Bis zum Februar wird die entsprechende Vitrine im Grassi dann verwaist sein. Aber durch den virtuellen Auftritt bleibt die Gliederfrau fürs Publikum präsent. Sie reckt sich und streckt sich, gibt sich wie eine Diva in dem Animationsfilm, den Sebastion König von der 3 D-Zentrale Leipzig schuf. Auf vier Minuten gerafft und gekonnt in Szene gesetzt, lässt sich auch verfolgen, wie die Erkundung der kleinen Hauptakteurin ablief, die vor vier Jahren in Kooperation von Uni und Museum begann.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 14.10.2013

Mario Beck

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