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Bildung Depressionen auf dem Campus: Leipziger Studenten fühlen sich überfordert
Leipzig Bildung Depressionen auf dem Campus: Leipziger Studenten fühlen sich überfordert
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17:32 14.05.2012
Das verschulte Bachelor-Master-System bringt immer mehr Studenten zur Verzweiflung. Quelle: dpa
Leipzig

„Das, was wir in unserer Berufspraxis mitbekommen, erschreckt uns schon“, sagt Solvejg Rhinow von der Studienberatung. Die Sorgen reichen von finanziellen Engpässen bis hin zu Seelenleiden wie Depressionen oder Burn-Out.

 

Der 26-jährige David erinnert sich noch gut an seinen früheren Tagesablauf als Master-Student. Im Schnitt war er von 9.15 Uhr bis 16 Uhr durchgehend an der Uni. Hinterher büffelte der ehemalige Wirtschaftsstudent zu Hause am Schreibtisch weiter. Vier Stunden am Tag gingen fürs Selbststudium drauf. Macht summa summarum einen Arbeitstag von rund elf Stunden. Viel Zeit für Nebenjobs oder Hobbys blieb da nicht mehr.

Diplom-Psychologe Kay-Uwe Solisch von der Psychosozialen Beratung des Studentenwerks hat immer wieder Fälle von Burnout und Depressionen unter den Hilfesuchenden. Er zählt daneben eine lange Liste mit weiteren Problemen seiner Patienten auf, unter anderem nennt er Prüfungsangst, Arbeitsorganisation und Stressbewältigung als Stichworte. Burnout hält er grundsätzlich für einen Modebegriff und bezeichnet es als „die Krankheit der Tüchtigen“. Einige, die Depressionen haben, würden sich darauf berufen, weil es in der Gesellschaft angesehener sei. Dennoch gebe es Fälle von Burnout auch unter Studenten.

Dass insgesamt die Anforderungen im Studium und im Berufsleben höher geworden sind, hat auch er beobachtet. Der Druck nehme zu und eine ständige Überforderung führe zu Stress. Nicht selten rufen bei ihm Studenten an, die wegen ihrer Sorgen Schlafstörungen oder Magen-Darm-Probleme haben.

Studium seit Bologna-Reform straffer organisiert

Ein Grund für den zunehmenden Beratungswunsch der Studierenden könnte das Bachelor- Master-System sein. „Das Studium ist straffer organisiert als früher, die Studenten stehen mehr unter Druck, fertig zu werden“, erklärt Solvejg Rhinow. Deshalb habe die Uni auch das studentische Sorgentelefon Nightline ins Leben gerufen.

Alles eine Frage der Organisation, finden die Afrikanistik-Studentinnen Judith (21) und Katerina (26), die ebenfalls nur ihre Vornamen nennen wollen. „Ich habe bisher nicht das Gefühl, dass mich der Bachelor ansatzweise überfordert“, meint die Jüngere der beiden. Das sei aber von Studiengang zu Studiengang unterschiedlich.

Ein typischer Uni-Tag beginnt bei Judith um neun Uhr, um elf trifft sie sich mit einer Freundin und bereitet die Hausaufgaben fürs nächste Seminar um 13 Uhr vor. Um 15 Uhr hat sie Schluss. Eigentlich. Denn dann stehen Vorbereitungen für eine der zwei umfangreichen Projektarbeiten an. So trifft sie sich anschließend bis 17 Uhr mit einem Kommilitonen, um ein Konzept auszuarbeiten. Hinterher geht die 21-Jährige privat zur Theaterprobe, um sich dann bis in die Nacht mit einem Essay zu beschäftigen, der bis zum nächsten Tag fertig sein muss.

Bei Verzögerung drohen sechs Monate Leerlauf

Das Studium sei in der Regelzeit zu schaffen, meint Solvejg Rhinow. „Viele wollen das dann aber auch unbedingt“, sagt die Leiterin der Studienberatung aus Erfahrung. Bei einer Verzögerung um nur ein halbes Jahr entstehe das nächste Problem: Die anschließenden Masterstudiengänge werden nur zum Wintersemester angeboten. Wer also zum Sommersemester den Bachelor abschließt, hat sechs Monate Leerlauf.

„Ich bin keiner, der den Bachelor/Master verteufelt“, erklärt Kay-Uwe Solisch. „Aber da ist uns etwas aufgedrängt worden und das Niveau weist nicht unbedingt nur nach oben.“ Allein mit einem Bachelor sei nichts anzufangen, bemängelt er. Man brauche mindestens den Master, um einen Job zu finden. Schon die Zeit von lediglich drei Jahren, die einer einfachen Fachausbildung gleichkommt, sei eine Minderwertschätzung. Nicht umsonst würden die Lehramtsstudiengänge zum Wintersemester 2012/2013 vom Bachelor/Master wieder zurückgedreht zum Staatsexamen.

Größtes Problem sind finanzielle Sorgen

Aber auch finanzielle Sorgen rücken mit dem angepassten Studiengang zunehmend in den Vordergrund. Gerade für diejenigen, die selbst ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, sei das neben einem vollen Stundenplan ziemlich stressig. So zum Beispiel für die Afrikanistik-Studentin Katerine. Sie ist montags von 9 bis 17 Uhr an der Uni, hat ansonsten aber nur ein bis zwei Seminare am Tag. Jeden zweiten Abend geht sie bis in die Nacht arbeiten. Und Freizeit? „Die schafft man sich“, sagt sie. Meist dann, wenn sie eigentlich lernen sollte. „Wenn man ordentlich organisieren kann, kriegt man das auf die Reihe.“

So relaxt sieht das nicht jeder. „Es wird immer schwieriger, nebenher arbeiten zu gehen“, weiß Psychologe Kay-Uwe Solisch aus Gesprächen mit Studenten. Auf der sicheren Seite sind diejenigen, die BAFöG bekommen. Es gibt aber auch genügend unter ihnen, die auf die Hilfe ihrer Eltern angewiesen sind und deshalb von außen Druck bekommen. Und nicht alle seien in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. „Aber wer verklagt schon seine Eltern, um die gesetzlich vorgeschriebenen Zahlungen in Anspruch zu nehmen“, fragt Solisch rein rhetorisch.

All dem entgegenzuwirken, sei nicht leicht. „Wenn es einen Königsweg gäbe, hätten wir kein Problem in der Gesellschaft“, ist der Psychologe ratlos. Allein damit, den Bachelor/Master abzuschaffen, sei es nicht getan. „Es wäre aber ein Schritt.“ Solisch rät überforderten Betroffenen außerdem dazu, zu bestimmten Dingen einfach „nein“ zu sagen und sich stattdessen etwas mehr Freizeit zu gönnen. Zur Not müsse eben mal ein Seminar aufs nächste Semester verschoben werden.

Frauke Sievers

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