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Dirk Hofmeister erkundet Motive auf und Motivationen für Tätowierungen

Uni-Psychologe aus Leipzig Dirk Hofmeister erkundet Motive auf und Motivationen für Tätowierungen

Dirk Hofmeister arbeitet in der Abteilung für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie der Leipziger Uni. Wissenschaftlich befasst er sich schon länger mit Tätowierungen und Piercings, seine Doktorarbeit schreibt der 43-Jährige über Fußballfans und Tattoos.

Dirk Hofmeister erkundet Motive auf und Motivationen für Tätowierungen.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Dirk Hofmeister arbeitet in der Abteilung für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie der Leipziger Uni. Wissenschaftlich befasst er sich schon länger mit Tätowierungen und Piercings, seine Doktorarbeit schreibt der 43-Jährige über Fußballfans und Tattoos.

Sie befassen sich wissenschaftlich mit Tattoos. Haben Sie selbst eine Tätowierung?

Das fragen mich viele. Aber nein, ich habe keine. Das ist auch gar nicht nötig. Ein Polarforscher muss ja auch kein Eisbär sein. Oft tut Distanz zum Forschungsfeld sogar ganz gut.

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

A
ls Psychologe beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren mit Körpermodifikationen, also Piercings, Körperbehaarungen und Tattoos. Ein Kollege von der Uni Würzburg hat mich deshalb gefragt, ob ich einen Beitrag zu einem w
issenschaftlichen Buch zur Fußballfankultur der „Ultras“ liefern möchte. Ich fand die Fragestellung spannend. Wir haben in der Forschung in den vergangenen Jahren versucht, Aussagen über alle Tätowierte zu treffen. Das ist wegen der Heterogenität der Untersuchungsgruppe aber gar nicht leicht. Differenzierte Aussagen lassen sich eher treffen, wenn wir von der Allgemeinheit wieder in die Subgruppen gehen. Und Fußballfans sind da unter anderem wegen der Öffentlichkeit ihres Auftretens eine sehr spannende Gruppe. Ich muss aber auch gestehen, dass ich mir das am Anfang einfacher vorgestellt habe.

Inwiefern?

Erst bei der Literaturrecherche ist mir aufgefallen, dass es so gut wie keine Daten zu Fußballfans und Tätowierungen gibt. Ich habe dann eben selber die Studie durchgeführt. Das hat letztlich ein ganzes Jahr gedauert.

Wie sind Sie vorgegangen?

Mit einem Online-Fragebogen und qualitativen Interviews. In Fußball-Internetforen der Erst-, Zweit- und Drittligisten habe ich für die Teilnahme an der Befragung geworben. Das war manchmal gar nicht so leicht. Von 64 Fußballforen haben immerhin 44 meine Anfrage zugelassen. An der Befragung teilgenommen haben etwa 1000 Fans.

Was haben Sie herausgefunden?

Einige Ergebnisse sind wenig überraschend: Tätowierungen sind bei Fußballfans beliebt, so wie in der gesamten Bevölkerung. Tätowierungen werden bei Fußballfans aus ähnlichen Gründen getragen wie in der so genannten Normalbevölkerung: Um die eigene Attraktivität zu erhöhen, den Körper künstlerisch zu gestalten und die eigene Individualität zu betonen. Differenzierungen zeigen sich beim Blick auf fußballspezifische Tätowierungen.

Welche Motive sind bei fußballspezifischen Tattoos häufig ins Bild gesetzt?

Es geht dabei zumeist nicht um den Fußball allgemein, die Tattoos stehen fast immer in Verbindung zum Lieblingsverein: Oft das Emblem, aber auch das Gründungsjahr, bedeutsame Ereignisse wie Meisterschaften oder das Wappentier. Aber auch der Name der Ultra-Gruppierung oder des Fanclubs.

Wie deuten Sie das?

Das fand ich schon bemerkenswert. Wie schon angedeutet werden Tätowierungen oft als Ausdruck der eigenen Individualität getragen. Das ist bei den Fußballtattoos anders, ja sogar das Gegenteil scheint der Fall. Es geht nicht um Individualität, sondern um Gruppenzugehörigkeit. Das ist interessant, weil hier auch an ein archaisches Erbe von Tätowierungen in der Menschheitsgeschichte angeknüpft wird. Tattoos sind schon seit jeher ein Bekenntnis zur Gruppe und dienen der Stärkung des Ich durch soziale Einbindung des Einzelnen in eine größere Gemeinschaft.

Haben Leipziger Fans an der Studie teilgenommen?

Konkret geworben habe ich im Fanforum von RB Leipzig, zudem haben zwei Lok-Leipzig-Fans und ein Chemie-Leipzig-Fan teilgenommen. 18 Teilnehmer fühlen sich RB zugehörig, die Hälfte davon tätowiert, zwei Befragte trugen fußballspezifische Tätowierungen, einer sogar das RB-Leipzig-Emblem. Für eine gute statistische Auswertung ist die Zahl der Teilnehmer zu gering. Aus einem qualitativen Interview geht aber hervor, dass in der RB-Szene durchaus reflektiert wird, dass es wegen der Anfeindungen gegen den Klub vermutlich eher zu Problemen führen könnte, ein RB-Leipzig-Tattoo zu tragen.

Sind Tattoos heute akzeptierter im Beruf als früher?

Untersuchungen zeigen, dass im Schnitt 25 bis 35 Prozent der jungen Erwachsenen in der westlichen Welt ein Tattoo haben. Rechnerisch müsste also in jeder Familie mindestens eine Person mit einem Tattoo sein. Und auch im Beruf scheinen Tattoos akzeptierter zu werden: Vor 15 Jahren war es kaum vorstellbar, dass zum Beispiel eine Kassiererin oder ein Kassierer öffentlich ein Tattoo zeigen. Heute ist der Umgang damit liberaler. Dennoch sind Tattoos weiterhin mit Vorurteilen belastet. Eine jüngere Studie aus England zeigt, dass Tätowierte als weniger intelligent eingeschätzt werden. Auch in unserer Untersuchung fanden wir ähnliche Ergebnisse. Demnach schätzen Nicht-Tätowierte die Menschen mit Tätowierungen als weniger zuverlässig, weniger attraktiv, weniger sympathisch und weniger humorvoll ein.

Haben Sie die Fußballfans dazu befragt?

21 Prozent derjenigen mit allgemeinen Tätowierungen gaben an, dass sie Stigmatisierungen erlebt haben, bei fußballspezifischen Tätowierungen sind es sogar 34 Prozent. Zumeist sind das abwertende Blicke oder abfällige Bemerkungen, einige haben aber auch schon körperliche Gewalt wegen ihrer Tätowierungen erlebt.

Mehr zum Thema gibt es im Internet auf LVZ Reportage unter blog.lvz.de/reportage.

Von Theresa Hellwig

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