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Bildung Endstation Bildungsagentur: Beststudent bekommt keinen Job
Leipzig Bildung Endstation Bildungsagentur: Beststudent bekommt keinen Job
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17:40 19.05.2015
Beststudent und Top-Referendar: Marco Schöber. Quelle: Volkmar Heinz

Genützt haben ihm die glänzenden Leistungen für seine Bewerbung um eine Anstellung im Schulamtsbezirk Leipzig nichts - jetzt sieht er sich in anderen Bundesländern um.

Neue Pädagogen braucht das Land - an den Schulen im Freistaat steht ein Generationswechsel an, weil die Lehrerkollegien überaltert sind. Marco Schöber ist jung und Primus unter jenen 56 Referendaren, die am 28. Januar in Dresden ihre Zeugnisse bekamen und zum zweiten Schulhalbjahr ins Berufsleben starten sollten. Eine Stellenausschreibung gab es dafür nicht, die Jobs wurden bedarfsorientiert in einem "kleinen Einstellungsverfahren" vermittelt und dabei Leistungskennzahlen zu Rate gezogen. Letztere bilden sich aus den Noten und dem gewünschten Einsatzort des jeweiligen Bewerbers.

"Für mich war klar, dass das kein Wunschkonzert ist", erzählt der frischgebackene Lehrer. Deshalb hatte der gebürtige Lausitzer und Wahl-Leipziger bei der hiesigen Bildungsagentur auch Flexibilität signalisiert. "Mit einer beruflichen Perspektive im ländlichen Raum, egal ob in Eilenburg, Bad Düben oder anderswo im Regierungsbezirk, wäre ich zufrieden gewesen." Damit glaubte er sich auf der sicheren Seite, denn die Bereitschaft, abseits der Großstadt tätig zu werden, würde neben seinem klasse Studienabschluss wohl zusätzlich positiv zu Buche schlagen. Auch bei der Schulform zeigte Schöber sich kompromissbereit - wäre notfalls an einer Grundschule eingestiegen, obwohl da Geschichte nicht auf dem Stundenplan steht und er fachfremd hätte unterrichten müssen.

Im Januar nahm dann jene Kette der Fragwürdigkeiten ihren Lauf, die ihn letztlich am sächsischen System der Lehrergewinnung zweifeln lässt. "Zum damaligen Zeitpunkt standen noch Prüfungen bevor, aber einige der Referendare hatten plötzlich schon ihren Anstellungsvertrag mit dem Freistaat in der Tasche. Die konnten mit weniger Stress in die Prüfungen gehen als jene, die keinen hatten." Fair sei das nicht. Endlich kam auch für ihn der ersehnte Anruf, nachdem sich die Kultusbehörden ausbedungen hatten, dass sich die Absolventen zunächst bis zum 28. Januar für eine Rückmeldung bereit halten sollten. Stutzig wurde Schöber, als auf seinem Handydisplay nicht die Nummer der Leipziger Bildungsagentur auftauchte, sondern eine ihm unbekannte. "Das war am 25. Januar kurz nach Unterrichtsschluss am Gymnasium in Taucha, wo ich mein Referendariat absolviert habe."

Angewählt wurde er vom Leiter der Bildungsagentur in Chemnitz - und die von ihm gemachte Anstellungsofferte bezog sich "auf den oberen Erzgebirgsbereich". Nach Schöbers Bitte um Konkretisierung, hieß es, der Einsatz als Grundschullehrer in Schwarzenberg oder Schneeberg wäre möglich, "Ich habe um Bedenkzeit übers Wochenende gebeten und schließlich dankend abgelehnt, weil gleich beides - Schultyp und Örtlichkeit - nicht mit meiner Bewerbung korrespondierten". Irritiert sei er auch gewesen, dass seine Unterlagen von der Leipziger an die Chemnitzer Bildungsagentur durchgereicht worden waren, ohne sein Einverständnis einzuholen. Danach herrschte Funkstille. Für Schöber, der während seines Studiums in der vorlesungsfreien Zeit dreimal in Großbritannien an renommierten Bildungsstätten Deutsch als Fremdsprache lehrte und Englisch-Kurse für Chinesen, Russen und Araber gab, hatte sich der Einstellungskorridor in Sachsen geschlossen. Für wie viele andere Absolventen aus seinem Jahrgang das auch zutraf, ist unklar. Zur Vermittlungsquote konntedas Kultusministerium auf Anfragekeine Angaben machen. "Diese Daten liegen noch nicht vor", hieß es.

Weil sich im Freistaat, der ein mil-lionenschweres Programm zur Forcierung der Lehrerausbildung aufgelegt hat, keine berufliche Zukunft an einer staatlichen Schule bot, verschickt Schöber nun viele Bewerbungen: An freie Gymnasien im Leipziger Raum und in andere Bundesländer. Als Problem könnte sich dabei erweisen, dass er nur ein einjähriges Referendariat absolviert hat. Üblich sind zwei Jahre. In Sachsen war diese Phase der so genannten Dienstvorbereitung gekürzt worden, weil es angeblich einen generellen Trend in diese Richtung gebe - in den meisten Bundesländern wird aber nach wie vor ein zweijähriges Referendariat vorausgesetzt, um in den Schuldienst übernommen zu werden. Eine nur zwölfmonatige Dienstvorbereitung ist derzeit eine sächsische Solo-Nummer. "Vielleicht gibt es ja trotzdem ein Entgegenkommen für mich in den anderen Bundesländern", hofft Schöber. Die nächsten Monate muss er überbrücken, erst zum kommenden Schuljahr werden bundesweit wieder Lehrer eingestellt. "Bis dahin muss es ja irgendwie weitergehen, auch finanziell".

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.03.2013

Mario Beck

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