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Enorme Erwartungshaltung: Mendelssohns Paulus in der Thomaskirche

Junge Reporter beim Bachfest – Teil 4 Enorme Erwartungshaltung: Mendelssohns Paulus in der Thomaskirche

Das Bachfest verbindet alle Generationen - und in diesem Jahr berichten junge Leute, wie sie die Festtage der Hochkultur erlebt haben. Johannes Hildebrandt aus der Leipziger Thomasschule hat sich Mendelssohns "Paulus" in der Thomaskirche angehört - zwischen Hust-Arien und imposantem Klang. (Junge Reporter - Teil 4)

Musiker der "Paulus"-Aufführung zum Bachfest in der Thomaskirche.

Quelle: Gerd Mothes

Leipzig. Das Bachfest verbindet alle Generationen - und in diesem Jahr berichten junge Leute, wie sie die Festtage der Hochkultur erlebt haben. Johannes Hildebrandt aus der Leipziger Thomasschule hat sich Mendelssohns "Paulus" in der Thomaskirche angehört - und war zu Anfang gar nicht so entzückt. (Junge Reporter - Teil 4)

Schon Sekunden nach Durchschreiten des altehrwürdigen Mendelssohn-Portals der Thomaskirche ist die enorme Erwartungshaltung des Publikums merklich spürbar. Schließlich wird mit dem Paulus-Oratorium eines der imposantesten und komplexesten Werke des Komponisten aufgeführt. So ist es kaum verwunderlich, dass schon Minuten vor Konzertbeginn unter den Zuhörenden weitestgehend Stille eingekehrt ist. Und das aus gutem Grund. Schon in den ersten Momenten der Sinfonia fesseln der samtig-weiche Klang der Streicher und das sich langsam in allen Instrumentengruppen auffächernde Thema, die Melodie des himmlischen Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, sodass man sich sogleich mit geschlossenen Augen und weit geöffnetem Ohr nach hinten lehnen möchte, um sich vollends von der Musik durchfließen zu lassen.

Doch dieser Versuch scheitert nicht nur an den wohl als exemplarische Antithese des Komforts geschaffenen Sitzbänken im Kirchenschiff, sondern vor allem an der in jeden Winkel ausstrahlenden Festbeleuchtung, welche während der Aufführung nicht einmal gedimmt wird. So wird es einem reichlich schwer gemacht, sich ganz dem exzellenten Klang des Kleinen Konzerts zu widmen, sodass die traditionellen Hust-Arien vieler Zuhörender den faden Anfangseindruck lediglich abzurunden vermögen.

Traumhafte Tonfärbung

Aller Unmut verschwindet jedoch mit dem imposanten ersten Chorsatz, der das Publikum bis auf den letzten Platz zu fesseln vermag. Er gibt nicht nur einen Vorgeschmack auf die ungeheure Vielschichtigkeit und Variabilität, mit der Mendelssohn die Geschichte des Apostels erzählt, sondern zeigt ebenso eindrucksvoll, wie Dirigent Hermann Max und das von ihm gegründete Chor- und Orchesterensemble bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmt sind. Trotz der zweistündigen Länge des Werks, welches den Prozess der Verwandlung des Christenverfolgers Saulus zum Apostel Paulus in mehreren Szenen erzählt, treibt Max die Handlung unaufhörlich voran, was dafür sorgt, dass das Mendelssohnsche Epos über seine gesamte Länge zu keinem Zeitpunkt zum Stillstand kommt und teilweise einige Sekunden Ruhepause zwischen den Stücken fehlen, um unglaubliche Musik auf sich wirken zu lassen. 

Die Rheinische Kantorei glänzt vor allem in den Chorälen, verschmilzt dort mit dem Orchester zu einem bewundernswerten Klangkörper, welcher die lauschenden Zuhörer durch wohlig-warmes Timbre und zärtliche Textgestaltung zum Innehalten bringt. Begeisternd ist außerdem, dass die Rheinische Kantorei in einer Besetzung von nur knapp 30 Sängerrinnen und Sängern musiziert und dennoch für einen wohltemperierten, homogenen Klang sorgt und darüber hinaus in der Damaskus-Szene solistisch zu überzeugen weiß. Allerdings fehlt es der Rheinischen Kantorei teilweise in  den gewaltigen Chören an Durchschlagskraft, was aber lediglich der Quantität der Musizierenden geschuldet ist. So aber müssen sich Blechbläser und Pauke häufig zurücknehmen, um den Chor nicht gänzlich zu erdrücken. Über diesen Umstand trösten jedoch die wiederum exzellent umgesetzten ruhigen Teilstücke, in denen Chor und Orchester in hingebungsvollem Zusammenspiel und traumhafter Tonfärbung das Innerste des Publikums erreichen.

Endlich mehr Präsenz für Mendelssohn

Auch die Solisten vermögen durchaus zu entzücken. So glänzt die Sopranistin Veronika Winter in Rezitativen wie Arien, ganz besonders sticht die herrliche Interpretation der Solopartie „Jerusalem, die du tötest die Propheten“ hervor, welche im Werk unmittelbar nach der Steinigung des Stephanus angesiedelt ist und einen herzerweichend sanftmütigen Gegensatz zur vorherigen Dramatik bildet. Auch Margot Oitzinger fügt sich mit dem samtig-warmen Timbre ihrer Arien wunderbar in das orchestrale Klangbild ein, auch die Rezitative weiß sie abwechslungsreich zu gestalten. Jochen Kupfer, der Paulus mit teils durchschlagender Stimmgewalt in einer beeindruckenden Art und Weise verkörpert, scheint diese Rolle wie auf die Stimme geschneidert zu sein. Lediglich den drei zentralen Arien vor, während und nach der dreitägigen Blindheit des Paulus fehlt es ein wenig an Kontrastierung. Nur Tenor Markus Schäfer, der im Verlaufe des Werks eine Masse an verschiedenen Charakteren verkörpern muss, kann dieser komplizierten Aufgabe, die besondere stimmliche Flexibilität erfordert, nicht wirklich gerecht werden. Ein wenig zäh, gequält und zu vibrato-lastig wirken seine Arienpartien zumeist und auch in den Rezitativen gelingt es ihm nicht wirklich, den verschiedenen Personen eine besondere Charakteristik zu verpassen oder das Geschehen abwechslungsreich zu rezitieren.

Insgesamt gesehen war diese Interpretation des Paulus einem Bachfest mehr als würdig, genauso wie das Werk selbst. Es ist außerordentlich erfreulich, dass den Werken des Felix Mendelssohn beim diesjährigen Bachfest endlich ein größerer Teil der Bühnenpräsenz zuteil wird, welche sie absolut verdient haben, wie dieses Konzert einmal mehr bewies.  

Johannes Hildebrandt, Thomasschule, 10. Klasse

Eine Kooperation mit dem Bachfest Leipzig

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