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Es geht seinen Gang: Uni Leipzig will das Vermächtnis von Erich Loest erfüllen

Es geht seinen Gang: Uni Leipzig will das Vermächtnis von Erich Loest erfüllen

Nach acht Jahren steht eines der in Leipzig meistdiskutierten Kunstwerke vor der Vollendung: Maler Reinhard Minkewitz arbeitet an dem Gemälde "Aufrecht stehen", das Schriftsteller Erich Loest in Auftrag gegeben hatte.

Leipzig. Es erinnert an ein dunkles Nachkriegskapitel der Leipziger Universitätsgeschichte. Die Uni ist inzwischen bereit, das Bild öffentlich zu zeigen.

Das letzte Foto, das Erich Loest in seinem Leben sieht, zeigt eine große leere Leinwand. Seine Frau Linde Rotta (77) sitzt am 12. September 2013 an seinem Bett in der Leipziger Uniklinik und legt dem schwerkranken Schriftsteller (unter anderem "Nikolaikirche", "Durch die Erde ein Riss") den Vertragsentwurf für die Fertigstellung des Bildes "Aufrecht stehen" vor.

Der Maler und Loest-Freund Reinhard Minkewitz (57) hat unterschrieben, dass er die Betrachtung über ein dunkles Nachkriegskapitel der Leipziger Universitätsgeschichte im Geiste des Schriftstellers umsetzen wird. Als Beweis für seine Verlässlichkeit schickt er Loest das Foto aus seinem neuen Atelier ans Krankenbett. Die Aufnahme zeigt die frisch aufgespannte Leinwand mit der gewaltigen Fläche von 9,2 Metern Breite und 2,6 Metern Höhe. Loest ist gerührt, auch er unterschreibt den Vertrag. Er weiß in diesem Augenblick, dass er seinen letzten Kampf posthum doch gewinnen kann. Wenige Stunden danach lässt der 87-Jährige los und scheidet aus dem Leben.

Ein Jahr später führen Linde Rotta und der Künstler stolz durch das Atelier im Leipziger Stadtteil Schleußig. Loests Vermächtnis hat sich fast erfüllt, die riesige Leinwand ist mit Figuren belebt, Minkewitz arbeitet in diesen Tagen an einer speziellen gelb-grauen Pigmentierung des Wandbildes. Nach acht Jahren steht eines der in Leipzig meistdiskutierten Kunstwerke vor der Vollendung. "Aufrecht stehen" - um das Gemälde hatte es zwischen Loest und der Leipziger Uni jahrelang Streit gegeben. Vor der Uni-Kirche und dem alten Augusteum, die beide 1968 gesprengt wurden, sind stehend die Studenten Werner Ihmels, Herbert Belter, Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler und der Studentenratsvorsitzende Wolfgang Natonek zu sehen. Dazu die Professoren Hans Mayer und Ernst Bloch, die mit einer Loest nachempfundenen Figur diskutieren. Wie Loest selbst waren auch die Studenten in DDR-Gefängnissen inhaftiert, Ihmels starb 1949 in Bautzen, Belter wurde 1951 in Moskau hingerichtet.

Loest wollte noch erleben, dass das von ihm bei Minkewitz in Auftrag gegebene Gemälde einen repräsentativen Platz in der Leipziger Uni findet. Doch die frühere Uni-Chefetage spielte auf Zeit, brachte ideologische Spitzfindigkeiten ins Spiel. Hauptvorwurf: Die künstlerische Gleichstellung der Studenten mit den beiden Professoren, die im DDR-Sozialismus durchaus privilegiert waren. Die Forderung, dass Hans Mayer nicht auf dem Bild erscheinen dürfe, interpretierte Loest als Unverschämtheit. Die Germanistik-Legende Mayer hatte vor rund 50 Jahren als einer der wenigen den Mut gefunden, Loests Familie in Leipzig zu unterstützen, während der Autor in Bautzen inhaftiert war. Zudem betrachtete Loest das Minkewitz-Bild als bewussten Gegenentwurf zum Werner-Tübke-Gemälde "Arbeiterklasse und Intelligenz", das einen stark propagandistischen Anstrich hat. In Tübkes Monumentalwerk (14 mal 3 Meter) von 1973 mit über 100 Studenten, Professoren und Denkern findet sich auch Ex-SED-Bezirkschef Paul Fröhlich wieder, der 1968 die Leipziger Universitätskirche sprengen ließ. "Diese historische Gleichschaltung hat meinen Mann furchtbar aufgeregt", sagt Linde Rotta.

Nach Loests Tod kommt wieder Bewegung in das Projekt. Es ist seine Witwe, die mit seinem Vermächtnis im Herzen die Dinge vorantreibt. Sie gewinnt Oberbürgermeister Burkhard Jung für das Projekt, die Stiftung Friedliche Revolution kommt als künftiger Besitzer ins Spiel, die Universität zeigt Entgegenkommen. Minkewitz kann das Bild wie von Loest gewünscht und ohne künstlerische Einschränkungen malen, nach einer fast viermonatigen Pause arbeitet er im Januar wieder im Atelier. "Das Bild ist unterwegs, die Komposition steht", sagt der Maler. Man kann ihm nach dem jahrelangen Hin und Her die neugewonnene Lust auf das Werk förmlich ansehen. "Vor allem Herrn Jung haben wir sehr viel zu verdanken", sagt Frau Rotta.

Auch aus der Universität gibt es positive Signale "Wir möchten beide Bilder zeigen und im Hörsaalgebäude präsentieren, weil sie inhaltlich zusammengehören", sagt Rektorin Beate Schücking. Die Vernissage ist bereits für den 30. März 2015 angesetzt, bis dahin werden Umbauarbeiten im Hörsaalgebäude vorgenommen, die Bilder brauchen Platz. "Wir freuen uns, die Werke dann einer großen Öffentlichkeit zentral und dauerhaft präsentieren zu können", sagt Schücking. "Universität und Stadt werden um eine Attraktion reicher sein."

Für Vorstandsmitglied Michael Kölsch passt "Aufrecht stehen" perfekt zum Grundgedanken der Stiftung Friedliche Revolution, der künftigen Besitzerin. "Gerade Studenten und junge Menschen können heute daraus lernen, welche Opfer früher gebracht wurden, um demokratische Werte zu vertreten", sagt er. Kölsch zeigt sich fasziniert vom Minkewitz-Werk. "Es ist ein beeindruckendes Bild, das auf eine fantastische Idee von Erich Loest zurückgeht." Die Doppel-Hängung gemeinsam mit dem Tübke-Gemälde in der Uni sieht der Stiftungsvorstand als künstlerische Chance. "Beide Bilder bewegen sich im Spannungsfeld von Freiheit und Gerechtigkeit", sagt Kölsch. "Das passt trotz verschiedener Ansätze gut zusammen und kann zum intensiven Nachdenken führen." Was Besseres könne Kunst ja gar nicht passieren. Kölsch zeigt sich zuversichtlich, dass noch offene vertragliche Details schnell ausgehandelt werden. Die Uni soll das Bild als Dauerleihgabe erhalten, zunächst für zehn Jahre, mit einer Option auf zweimal zehn Jahre Verlängerung. Die Kosten sind laut Kölsch und Loests Witwe zu zwei Dritteln von Sponsoren und der Stiftung gedeckt, das letzte Drittel soll über Spender eingeworben werden (siehe Anhang). Die Sparkasse Leipzig hat bereits eine namhafte Spende zugesagt.

Maler Minkewitz ist sich sicher, dass Loest über die Entwicklung seines Bildes sehr erfreut wäre. Und wenn der Autor die Erfüllung seines Traumes noch selbst erleben könnte? "Er würde einen edlen Tropfen Weißen öffnen und mit allen Beteiligten kräftig feiern", sagt Minkewitz und lächelt. In Anlehnung an einen der bekanntesten Loest-Romane könnte man auch sagen: "Es geht seinen Gang."

Spendenkonto: Sparkasse Leipzig Kontonummer 1100111111, BLZ: 86055592 Kennwort: Minkewitz-Bild

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.09.2014

André Böhmer

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