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Bildung Fische haben keine Knieschmerzen
Leipzig Bildung Fische haben keine Knieschmerzen
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15:49 29.11.2018
UFZ-Chef Georg Teutsch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Es kommt schon mal vor, dass einem das Knie wehtut. Aber dass man den Schmerz eines Tages dadurch lindern kann, dass man vorschlägt: „Schatz, lass uns Forelle essen – das kann ja nun auch nicht sein“, witzelt Georg Teutsch in seinem Schlusswort vor den rund 350 geladenen Gästen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Knapp zwei Stunden zuvor hat der wissenschaftliche Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beim Jahresempfang am Mittwochabend stolz darauf zurückgeblickt, was die mehr als 1100 Mitarbeiter in Leipzig, Halle und Magdeburg 2018 erreicht haben. Im Anschluss bekamen einige UFZ-Forscher Gelegenheit, etwas Wasser in den Wein zu schütten. Oder besser: Diclofenac in den Bach.

Zuerst aber das Jahr, das war. „Ein ganz besonderes Jahr“, findet Teutsch. Im April bescherte eine Evaluierung durch internationale Gutachter dem UFZ Bestnoten. Im Oktober überreichte der Bundespräsident einem Forscherteam den Deutschen Umweltpreis. Mit biotechnologischem, wirtschaftswissenschaftlichem und pädagogischem Sachverstand hat die Gruppe ein dezentrales Abwassersystem für Jordanien entwickelt und wirkt nach wie vor an der Umsetzung vor Ort mit. Erst gestern schließlich, am Tag nach dem Jahresempfang, zeichneten die Vereinten Nationen das Flussauenprojekt „Wilde Mulde“ wegen seiner Bedeutung für den Erhalt von Biodiversität mit dem UN-Dekade-Preis aus. Die Fäden des Vorhabens laufen im UFZ zusammen.

45 von 100 Millionen

Kein Wunder, dass sich die Politik im Licht der Forschung sonnt. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatte den lang geplanten Besuch vormittags abgesagt, fand dann aber doch noch eine unerwartete Lücke im Terminkalender, „damit ich Ihnen meine Anerkennung persönlich übermitteln kann“. Ebenso zollt Angelika von Fritsch (FDP), Leiterin des Leipziger Amts für Umweltschutz, dem UFZ „tiefsten Respekt“. Weil sich dessen Forschung durch bemerkenswerte Praxisnähe auszeichne, profitiere die Natur in der Region enorm: vom Leipziger Auwald bis hin zur Luppe. Und darüber hinaus, wie Lilian Busse vom Umweltbundesamt ergänzt: „Die Forschung kommt bei uns im Amt an und draußen in der Welt ebenso. Gemeinsam können wir einen Unterschied machen.“

Weil das UFZ das Loben weitgehend den Gästen überlässt, verbleiben die eigenen Kapazitäten auch beim Jahresempfang bei der Wissenschaft. „Chemikalien in der Umwelt“ lautet das Thema. Biologe Rolf Altenburger spricht von einer „Eisbergsituation“: Von 100 Millionen denkbaren chemischen Mischungen spielen im Alltag 100 000 Stoffe eine Rolle. „Bei der Gewässerüberwachung hat man 45 davon im Blick – wir können nur hoffen, dass es die richtigen sind.“ Der Mensch nimmt sie fast alle auf – über Nahrung, Kosmetika, Medikamente, Textilien, Unterhaltungselektronik.

Medikamente in der Toilette

Das „Chemometer“ kann diese Chemikalien messen. Chemikerin Annika Jahnke stellt das Gerät vor, an dem sie im UFZ momentan werkelt und das auch in Wasser, Luft und Böden zur Anwendung kommen soll. Wobei im Boden seit jeher Bakterien den Großteil der Reinigungsarbeit übernehmen, wie Mikrobiologin Anja Worrich erklärt. Nur setzt der Mensch den Mikroorganismen mancherorts viel zu viel Chemiemüll vors Näschen. Eine Allianz aus Pilzen und Bakterien, die sie am UFZ erforschen, könnte ein Ausweg sein: Die Pilze steigern die Leistungsfähigkeit der Mikroben.

Eine Idee wäre auch, einfach weniger Chemikalien in die Umwelt zu lassen. Allerdings entsorgen 50 Prozent der Bundesbürger ungebrauchte Medikamente nach wie vor über Toilette oder Spüle, beklagt Soziologin Nona Schulte-Römer. Hunderte Kilogramm des entzündungshemmenden Wirkstoffs Diclofenac, der etwa in Schmerzsalben enthalten ist, lassen sich in Flüssen nachweisen – sehr zum Schaden der Fische darin. Und leider keineswegs zum Nutzen des Menschen: Um die Wirkung einer Schmerztablette zu erreichen, müsste man 4,2 Millionen Liter davon trinken. Somit bringt es also ohnehin nichts, bei Knieschmerzen Forelle zu essen.

Von Mathias Wöbking

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