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Forscher öffnen Gen-Geschichtsbuch der Steinzeit

Leipziger Max-Planck-Institut Forscher öffnen Gen-Geschichtsbuch der Steinzeit

Die ersten Kapitel des genetischen Geschichtsbuches der Steinzeit sind gelesen – und Forscher des Leipziger Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (Eva) haben daran eine starke Aktie: In der jüngsten Ausgabe des Magazins Nature berichten sie über das Großprojekt.

Leipziger Forscher um Professor Svante Pääbo (rechts) entziffern das Erbgut von 51 Homo sapiens.

Quelle: Science/Courtesy of Max-Planck-Institute EVA

Leipzig. Die ersten Kapitel des genetischen Geschichtsbuches der Steinzeit sind gelesen – und Forscher des Leipziger Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie (Eva) haben daran eine starke Aktie: In der jüngsten Ausgabe des Magazins Nature berichtet ein internationales Team, das Experten vom Eva, vom Planck-Institut in Jena, von der Harvard-University und anderer Wissenschaftseinrichtungen vereint, über das Großprojekt. Entziffert und verglichen wurde dabei das Erbgut von 51 Homo sapiens, die einst in Europa lebten. Die ältesten unter die Gen-Lupe genommenen fossilen Knochen waren rund 45 000 Jahre alt, die jüngsten etwa 7000 Jahre.

Die auf den Untersuchungen basierenden und nun vorgelegten Befunde werfen ein neues Licht auf die Siedlungsgeschichte: Demnach waren die ersten modernen Menschen, die vor rund 45 000 Jahren in Europa heimisch wurden und dabei auf die Neandertaler trafen, keine direkten Vorfahren der heute hier Lebenden. Sie hinterließen keine genetischen Spuren. Im Gegensatz zu jenen Homo sapiens, die – beginnend vor 37 000 Jahren – als Steinzeitler auf dem Kontinent umgingen. Ihre Erbgut-Mitgift weist sie als genetische Ahnen der heutigen Europäer aus. Die Wissenschaftler sprechen von einer Gründerpopulation, die bis vor rund 14 000 Jahren in einer relativ kon-stanten Zusammensetzung existierte und auch den starken Klimaschwankungen trotzte. „Wir vermuten, dass sich diese modernen Menschen in der Hochphase der letzten Eiszeit in Refugien in Südwesteuropa zurückzogen und danach wieder nach West- und Mitteleuropa zurückkehrten“, erklärte Professor Johannes Krause, der lange am Eva wirkte und jetzt das Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena leitet.

Auch eine weitere neue Spur konnten die Fachleute dingfest machen: Wie die Analysen offenbarten, muss es schon vor ungefähr 14 000 Jahren eine weitere Migration gegeben haben, in deren Folge eine genetische Vermischung zwischen Europäern und Menschen aus dem Nahen Osten stattfand. Bisher war dieser sogenannte Genfluss viel später datiert worden – nämlich auf ein Zeitfenster vor 8500 Jahren, als Bauern aus dem Nahen Osten einwanderten und die hiesigen Jäger und Sammler verdrängten.

Doch durch die Studie, bei der die Chinesin und ehemalige Eva-Doktorandin Qiaomai Fu als Erstautorin fungierte, tun sich auch Rätsel auf. Klar war beispielsweise aus früheren Untersuchungen, dass sich einst Neandertaler und Homo sapiens paarten und gemeinsame Nachkommen hervorbrachten. Noch heute sind beim modernen Menschen rund zwei Prozent des Genoms mit DNA der vor wohl 40 000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler bestückt. Wie sich nun herausstellte, hatten die frühen Europäer aber bis zu sechs Prozent Neandertaler-DNA intus und verloren dann sukzessive an diesem genetischen Erbe. Über 30 000 Jahre hinweg habe sich dieser Prozess hingezogen, meinte Eva-Direktor Professor Svante Pääbo. Er geht von einer natürlichen Selektion aus: „Es scheint, dass viele genetische Variationen, die bei den Neandertalern vorkamen, für den prähistorischen modernen Menschen nachteilig waren.“ Pääbo und Krause sehen noch viel Forschungsbedarf: „Wir haben das genetische Geschichtsbuch der Steinzeit quasi erst aufgeschlagen.“

Von Mario Beck

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