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HHL: "Die Leidtragenden sind die Studenten" - Mindestlohn soll Praktika gefährden

HHL: "Die Leidtragenden sind die Studenten" - Mindestlohn soll Praktika gefährden

Der neue Mindestlohn in Deutschland gilt auch für Praktika nach Abschluss des Studiums sowie Praxisphasen, die studienbegleitend absolviert werden und länger als drei Monate dauern.

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Symbolbild

Quelle: LVZ .

Leipzig. Eine Ausnahme hierbei bilden Pflichtpraktika. Der Zwang zum Mindestlohn könnte dazu führen, dass Firmen Praktikantenstellen reduzieren oder nach entsprechenden Schlupflöchern suchen. Das befürchten Experten der Leipziger Handelshochschule (HHL).

"Die Leidtragenden sind die Studenten", sagt HHL-Karriere-Expertin Martina Beermann. Sie fürchtet Engpässe für diejenigen, die sich über ein freiwilliges Praktikum weiterqualifizieren möchten. "Für ein Praktikum verlangen viele Unternehmen, selbst Start-ups, möglichst fünf, idealerweise sechs Monate, da sie anfänglich einen großen personellen Aufwand haben. Der Praktikant muss sich auch erst einmal in komplexe Aufgabenstellungen und Unternehmensstrukturen einarbeiten können." Praktika seien als Eintrittskarte für den späteren Job außerordentlich wichtig. Zudem wüssten viele Studenten nicht genau, wo sie beruflich hinwollen. "Ein Praktikum macht für sie Sinn, um zukünftige Berufsfelder kennenzulernen und um ihre Stärken realistischer einschätzen zu können", so Beermann. Auch aus Arbeitgebersicht sei ein Praktikum das treffsicherste Auswahlverfahren. Es biete bessere Einschätzungsmöglichkeiten als kurze Gespräche oder Assessment Center. Zudem könne ein Praktikum zeigen, ob der oder die Neue ins Team passt.

Martina Beermann warnt vor einem Abbau von Praktikumsangeboten: "In Zeiten des Fachkräftemangels ist es um so wichtiger, dass sich beide Seiten - das Unternehmen wie auch potenzielle Arbeitnehmer - intensiv kennenlernen. Am besten gelingt das über ein Praktikum."

IHK hält nichts vom Mindestlohn

"Unternehmen werden notgedrungen ihre Praktikumsangebote einschränken bzw. auf die zulässigen Ausnahmen des Mindestlohngesetzes reduzieren müssen", fürchtet auch Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig. In einigen Fächern, zum Beispiel in den Geisteswissenschaften oder im Kreativbereich, seien Studierende häufig auf freiwillige Praktika angewiesen, um den unternehmerischen Alltag kennenzulernen. "Dies wird durch das Mindestlohngesetz nun behindert. Deshalb hatte die Wirtschaft gefordert, dass nur freiwillige Praktika, die länger als sechs Monate dauern, nach dem Mindestlohn bezahlt werden. Eine Möglichkeit, die Qualifikation der Absolventen sicherzustellen, wäre die Verlängerung der Pflichtpraktikumszeiten in der Studienordnung." Konkrete Informationen darüber, welche IHK-Mitgliedsunternehmen möglicherweise keine Praktikanten mehr einstellen, lägen aber nicht vor, ergänzte auf Nachfrage Claudia Schmidt, Mitarbeiterin der IHK-Presseabteilung.

Unternehmen LVV: Sorgen sind unbegründet

Bei der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) teilt man die Sorgen der HHL und der IHK nicht. Die LVV ist als stadteigene Holding die Dachgesellschaft für Stadtwerke, Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) und Kommunale Wasserwerke (KWL). Die Unternehmen des Konzerns hätten ein hohes Interesse daran, junge Talente in Leipzig und der Region zu fördern und frühzeitig als Fachkräfte zu gewinnen, erklärt LVV-Sprecher Peter Krutsch. "Motivierte Studierende erhalten bei den KWL, den LVB und den Stadtwerken Leipzig die Gelegenheit, in einem Praktikum das theoretisch erlernte Wissen praktisch anzuwenden. Die Praktika dauern üblicherweise drei Monate oder sind Pflichtpraktika und fallen damit nicht unter die Mindestlohnregelung." Darüber würden erfahrene Mitarbeiter Bachelor- oder Masterarbeiten begleiten. Es gebe eine enge Zusammenarbeit mit vielen Hochschulen.

Die Handwerkskammer zu Leipzig (HWK) sieht das Ganze ebenfalls etwas lockerer. Die Anzahl der Praktikumsplätze werde "relativ stabil bleiben", schätzt Oliver Klaus, Leiter der HWK-Hauptabteilung Berufsbildung/Bildungs- und Technologiezentrum. "Es geht bei Praktika zumeist um Berufsorientierungspraktika zur Anbahnung von Lehrverhältnissen. Diese freiwilligen Praktika sind vom Mindestlohn ausgeschlossen, wenn sie nicht länger als drei Monate dauern. Das ist im Handwerk überwiegend der Fall." Grundsätzlich sei das gegenseitige Kennenlernen sehr wichtig. "In den meist kleineren Betrieben ist ein erfolgreiches Arbeiten und Ausbilden nur möglich, wenn die Chemie zwischen Handwerksmeister, Mitarbeitern und Lehrlingen stimmt", sagt Klaus. "Das lässt sich beim Praktikum hervorragend prüfen." Diese Erfahrung werde durch viele erfolgreiche Handwerkskarrieren bestätigt.

 

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 05.01.2015

Björn Meine

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