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„Je geringer die Bildung der Eltern, desto schlechter geht es den Kindern“

Leipziger Studie „Je geringer die Bildung der Eltern, desto schlechter geht es den Kindern“

Eine Studie des Uniklinikums Leipzig offenbart gravierende Ergebnisse: Je geringer das Einkommen und die Bildung der Eltern sind, desto schlechter ist die Gesundheit der Kinder. Hinzu kommen deutlich schlechtere Bildungschancen. Wieland Kiess, der Chef der Uni-Kinderklinik, und Ulrike Igel, Sozialpädagogin von der HTWK, erklären diese Entwicklung.

Quelle: dpa

Leipzig. Eine Studie des Uniklinikums Leipzig offenbart gravierende Ergebnisse: Je geringer das Einkommen und die Bildung der Eltern sind, desto schlechter ist die Gesundheit der Kinder. Hinzu kommen deutlich schlechtere Bildungschancen. Professor Wieland Kiess (57), der Chef der Uni-Kinderklinik, und Ulrike Igel (33), Sozialpädagogin von der HTWK Leipzig, erklären diese Entwicklung.

LVZ: Professor Kiess, was ist die Botschaft der der neuen Studie, die Sie gemeinsam mit Ihrem Team und vor allem der Doktorandin Kristin Rieger angefertigt haben?

Wieland Kiess: Je höher der Wohlstand und die Bildung der Eltern ist, umso besser sind die Hämoglobin-Werte und der Eisen-Haushalt der Kinder – und desto gesünder sind die Kinder. Oder anders: Je geringer das Einkommen und die Bildung der Eltern sind, desto schlechter geht es den Kindern. Für diese untersuchten Kinder steht die Ampel bereits auf Gelb. Ganz ehrlich: Als ich die Werte zum ersten Mal gesehen habe, war ich schockiert.

Welche Konsequenzen hat Eisen-Mangel?

Wieland Kiess: Man wird müde, ist unkonzentriert, weist Lernschwächen auf und verfügt über weniger Ausdauer beim Sport, ja, man schläft in der Schule vielleicht sogar ein. Diese Kinder haben aufgrund des Elternhauses bereits erheblich schlechtere Chancen, sowohl die Bildung als auch die Gesundheit betreffend.

Gibt es dazu bereits Krankheitsmuster?

Wieland Kiess: Wichtig ist: Die Kinder sind noch nicht krank – doch sie sind in einem deutlich schlechteren Zustand als Kinder, die nicht den unteren Schichten angehören. Wir haben 2200 Kinder zwischen zwei und 19 Jahren untersucht, und die Werte werden schlechter, je schlechter es den Kindern zu Hause geht. Das Tragische ist: Hier wird der Grundstein für die weitere gesundheitliche Entwicklung gelegt. Diese Kinder werden schon heute – und als Erwachsene erst recht – länger brauchen, um sich beispielsweise nach einer Infektion oder einer Operation zu erholen. Letztlich bedeutet das auch: Die Lebenserwartung ist deutlich geringer als bei Kindern, die aus gut situierten Familien stammen.

Wie könnte die Gesundheit verbessert werden?

Wieland Kiess: Dafür müssten wir die Eltern zunächst einmal erreichen. Und, es ist ja nicht nur der Eisen-Mangel. Aus anderen Studien wissen wir bereits, dass die Kinder aus unteren Bildungs- und Einkommensschichten deutlich schlechtere Kalzium- und auch Vitamin-D-Werte aufweisen, außerdem weniger Sport treiben. Apps und Handys sind zwar wichtig im modernen Alltag – sie sind aber nicht alles im Leben. Diese Ergebnisse sind gravierend, vor allem mit Hinblick auf die Zukunft dieser Kinder.

Hinzu kommen noch Umwelteinflüsse, die Sie ebenso erforschen.

Wieland Kiess: Ja, in einem EU-Projekt, in dem wir gemeinsam mit schwedischen Wissenschaftlern arbeiten, untersuchen wir jetzt die Einflüsse von Weichmachern in Verpackungen oder Spielzeugen auf die Gesundheit. Die Hinweise sind sehr stark, dass Kinder, die mit diesen Weichmachern konfrontiert werden, unter erheblichen Langzeitfolgen leiden. Dazu gehört unter anderem eine verminderte Sprachentwicklung. Auch die Fruchtbarkeit kann auf lange Sicht beeinträchtigt werden.

Insgesamt schließt sich der Kreis wieder zu Einkommen und Bildung: Wer über einen geringeren Wohlstand verfügt, kauft aufgrund des Preises häufiger eingeschweißte Waren, statt sich durch frische Produkte gesünder zu ernähren. Das Gleiche gilt für Plastespielzeug, das in unteren Schichten weit verbreitet ist. Viele Kinderzimmer sind einfach nur vollgemüllt mit Zeug aus Weichmachern.

Worin sehen Sie die Ursachen für die schlechte gesundheitliche Entwicklung?

Wieland Kiess: Es gibt nicht die eine Erklärung. Eine der Ursachen ist sicherlich die Ernährung, hinzu kommt in vielen Fällen auch Bewegungsmangel. Wenn ein Kind mehr Zucker isst als Cerealien, also Getreideprodukte wie Müsli, sinken die Eisen-Werte, denn auch in den Cerealien ist Eisen enthalten. Viele Menschen denken: Hauptsache Fleisch, dann klappt es mit dem Eisen-Haushalt. Doch das hat keine Allgemeingültigkeit. Menschen mit einem geringeren Bildungshintergrund und weniger Einkommen essen häufig viel Fleisch, doch diesen Menschen fehlen diejenigen Stoffe, die das Eisen binden und transportieren, wie die Rieger-Studie zeigt. Und auch die Umgebung, das Zuhause selbst, spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Ulrike Igel: Wir haben Stadtteile in Leipzig untersucht, in denen der Anteil von Sozialgeld-Empfängern bei 70 Prozent liegt – die Kinder sind in einem viel schlechterem gesundheitlichen Zustand als in sogenannten besseren Vierteln. Nicht nur mangelhafte, unausgewogene Ernährung ist hier weit verbreitet, sondern auch die Neigung zu starkem Übergewicht. Es spielt sicherlich vieles hinein – etwa Ernährung, Wohnumfeld und Bewegung. Wir wollen Familien helfen, das Beste für ihre Kinder zu tun.

Das heißt, diese Kinder verfügen Ihrer Ansicht auch über geringere Chancen, in der Bildung aufzusteigen?

Wieland Kiess: Ja, und für uns heißt das, die Zusammenhänge noch besser zu erklären. Ein Elternhaus mit geringerem Einkommen und geringerer Bildung beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit, sondern reduziert auch die Möglichkeiten einer besseren Bildung für die Kinder. Das ist ein verheerender Kreislauf. Schon jetzt ist festzustellen, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinanderklafft: Es gibt einerseits Familien, denen es sehr gut geht – andererseits bewegen sich viele Familien zunehmend am Existenzminimum, meist mit einhergehender niedriger Bildung.

Ulrike Igel: Wir haben in Studien unter anderem festgestellt, dass Kinder, die in benachteiligten Stadtteilen aufwachsen, eine höhere Wahrscheinlichkeit für Übergewicht und eine reduzierte Motorik aufweisen, daneben hängen die schulischen Leistungen zurück. Es liegt also nicht nur an der Bildung der Eltern, sondern auch am Einfluss der näheren Umgebung. Deshalb muss nicht nur gegen eine Gentrifizierung, sondern auch gegen eine Ghettoisierung gearbeitet werden. Wichtig wäre eine gesunde Durchmischung von allen Schichten, statt bestimmte Stadtteile zu stigmatisieren.

Die Mieten im Leipziger Osten oder in Plattenbausiedlungen sind aber geringer als in der Südvorstadt oder in Gohlis. Eine bessere Durchmischung wird deshalb kaum möglich sein.

Ulrike Igel: Daran muss aber gearbeitet werden. Hier sind unter anderem die Stadtplaner gefragt. Denn es ist genauso bedenklich, wenn nur finanziell Bessergestellte in bestimmten Stadtteilen leben, und in anderen überwiegend Arme. Menschen müssen Erfahrungen und auch Lebensmodelle austauschen, ansonsten grenzen sich die Schichten immer weiter voneinander ab. Für das Gemeinwesen, für die Gesellschaft hat das gefährliche Folgen. Die Anzeichen sind in Leipzig bereits deutlich zu sehen.

Welche Schlussfolgerungen ergeben sich praktisch aus den Studien?

Wieland Kiess: Unser Ziel ist natürlich, den Menschen zu helfen. Wir wollen aber nicht als gescheite Professoren ankommen, die den Leuten sagen, wie sie leben sollen. So etwas funktioniert nicht. Stattdessen wollen wir herausfinden, wie man die Menschen unterstützen kann, damit sie sich und ihren Kindern besser helfen können. Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Eltern stärker auf eine ausgewogene Ernährung schauen – das ist relativ einfach und muss auch nicht teuer sein. Weitere Ansätze sind, dass es mehr Grünflächen gibt, die Bewegung und der Sport von Kindern insbesondere in Vereinen gefördert wird.

Ulrike Igel: Es sind oft schon Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben können. Ein Schrebergarten kann zum Beispiel zur gesunden Eigenversorgung beitragen, ohne überbordende Kosten. Selbst auf einem Balkon ist in dieser Beziehung einiges machbar. Meine Familie hat einen kleinen Garten gepachtet – das macht uns und meinen beiden Kindern Spaß und bringt auch Bewegung.

Wieland Kiess: Auch ich habe einen Garten. Und, ich bin ein großer Befürworter von Schulgärten – eine gute Tradition, die aus DDR-Zeiten stammt. Hier lernen die Kinder tatsächlich für das Leben.

Sie sagten es: Für all das müssten Sie an die Eltern herankommen.

Ulrike Igel: Natürlich. Kinder können zum Beispiel spielerisch, beim Weg in die oder von der Schule, Bewegung lernen – das ist eine große Aufgabe für Stadtplaner und Wohnungsgesellschaften, die dafür das Umfeld gestalten müssten, und natürlich vor allem für die Eltern. In Leipzig-Grünau ist gerade ein Großprojekt angelaufen, in dem wir solche Ziele und diese Philosophie umsetzen wollen. Auch hier versuchen wir, auf die Familien zuzugehen.

Interview: Andreas Debski

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