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Leipziger Afrikanistik-Professor: „Danakil-Senke wäre die letzte Ecke, wo ich hinfahren würde“

Leipziger Afrikanistik-Professor: „Danakil-Senke wäre die letzte Ecke, wo ich hinfahren würde“

Ekkehart Wolff, ehemalige Professor des Afrikanistik-Institutes in Leipzig, erklärt im Interview, warum es gefährlich ist, entlang der äthiopisch-eritreischen Grenze zu reisen und woher der jahrzehntelange Nachbarschaftskonflikt rührt.

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Ekkehart Wolff, ehemaliger Professor des Afrikanistik-Institutes in Leipzig

Quelle: Universität Leipzig

Leipzig. Bis 2009 war Wolff Lektor am Institut für Afrikanistik in Leipzig. Heute arbeitet er als Berater und Gastprofessor in Äthiopien an der Universität in Adama.

Frage: Waren Sie schon in der Danakil-Senke an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea, wo es in der Nacht zum Dienstag den Überfall auf die Reisegruppe gegeben hat?

Wolff: Dort war ich noch nie. Ich kenne aber Menschen, die diese Senke besucht haben. Diese Reise ist der große Kick für Abenteurer, die schon alles gesehen haben. Ich weiß auch, dass Touristengruppen häufig die Danakil-Senke bereisen. Aber jeder Reisende muss wissen, wie gefährlich diese abgelegene Ecke ist. Man hat es hier unter anderem mit den Kamelnomaden des äthiopischen Teilstaates Afar zu tun. Diese Nomaden leben seit Jahren vom Wüstenhandel, durch den Abbau von Salz, das mit den Kamelkarawanen transportiert wird. Die Nomaden entziehen sich jeglicher nationaler Kontrolle und sind zudem bewaffnet. Der Waffenschmuggel floriert. Die Danakil-Senke wäre die letzte Ecke, wo ich hinfahren würde. Eine ähnliche Gefahrensituation besteht in Westafrika am Südrand der Sahara. Hier muss man sich ebenfalls sehr gut überlegen, ob man hinreisen möchte.

Worum geht es grundsätzlich bei dem Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea?

Wolff: Es handelt sich vordergründig um einen Grenzkonflikt. Äthiopien hat in Folge des Zweiten Weltkriegs Eritrea annektiert. Die Annexion durch Äthiopien ist vergleichbar mit der Annexion Südwestafrikas durch Südafrika. Äthiopien hatte besonderes Interesse an Eritrea, weil somit der Zugang zum Meer geschaffen wurde. In den 80er Jahren kämpften Äthiopier und Eritreer Seite an Seite gegen das sozialistische Derg-Regime. Nach dem Sturz des Regimes, erlangte Eritrea auf friedlichem Weg seine Unabhängigkeit. Von da an kümmerten sich beide Länder um ihre eigenen nationalen Interessen. Im Jahr 1998 entflammte ein Krieg um die Grenzgebiete der beiden Länder. Dieser endete im Jahr 2000, die Spannungen sind jedoch nach wie vor zu spüren. Das Interessante am Konflikt ist, dass in diesem Krieg Freunde zu Feinden geworden sind: Die Gruppen, die das Derg-Regime gemeinsam gestürzt hatten, kämpften nun um die eigenen Grenzen. Daher kann man diesen Krieg auch als Bruderkrieg bezeichnen.

Welche Motivation steht hinter diesem Grenzkonflikt?

Wolff: Hier stehen klar macht- und geopolitische Interessen im Vordergrund. Um von den innenpolitischen Problemen abzulenken, wird die Bevölkerung auf den außenpolitischen Konflikt mit Eritrea aufmerksam gemacht. Ich lebe in Äthiopien und lese die Regierungspresse. Hier sieht man deutlich, dass das Klima gegen das Nachbarland auch seitens der Medien aufgeheizt wird. Propagandaschlachten stehen an der Tagesordnung. Ein weiteres afrikanisches Übel ist die Tatsache, dass Grenzverläufe in abgeschlossenen Verträgen trotzdem unklar bleiben. Die Grenzen befinden sich meist in Gebieten, die niemand bewohnt, außer Nomaden. Teilweise werden die Verträge unzuverlässig abgeschlossen. Wenn sich dann herausstellt, dass im Grenzgebiet interessante Bodenschätze vorhanden sind, dann wird die Grenze wieder wichtig für die einzelnen Staaten.

Warum möchte sich Äthiopien machtpolitisch positionieren?

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Ein Mann vom Stamme der Afar ist mit einem Gewehr bewaffnet und beobachtet die Wüste um den Ort Hadar im Afar-Dreieck aus Sorge vor Übergriffen durch einen verfeindeten Clan.

Quelle: dpa

Wolff: Ich denke Äthiopien möchte sich vor allem als Regionalmacht am Horn von Afrika etablieren. Somalia ist ein ‚Failed State’ (ein gescheiterter Staat, Anm. d. Red.), Eritrea ist ebenso labil. Der Sudan, westlich von Äthiopien, wurde gerade geteilt und ist ebenfalls kein stabiler Staat. Nur Kenia im Süden ist politisch einigermaßen gefestigt. In dieser unruhigen und geopolitisch sehr wichtigen Region ist es für Äthiopien von Vorteil, die Macht zu halten. Die Küsten werden von Piraten beherrscht und im Boden Südsudans wurde sehr viel Öl gefunden. Äthiopien möchte vermutlich eine Vormachtstellung bilden, um als Alliierter des Westens zu agieren.

Die Spannungen im Grenzkonflikt haben seit dem Krieg nicht nachgegeben. Glauben Sie, dass der Konflikt wieder aufflammen wird?

Wolff: Ich halte das für sehr realistisch, dass der Konflikt von der Regierung missbraucht wird, um die äthiopische Bevölkerung auf Regierungsseite zu ziehen. Da ist noch keine endgültige Ruhe eingekehrt. Es würde mich daher nicht wundern, wenn die Situation in nächster Zeit außer Kontrolle gerät.

Interview: Manuela Tomic

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