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Bildung Umweltpreis geht nach Leipzig: Forscher für Grundwasser-Projekt in Jordanien ausgezeichnet
Leipzig Bildung Umweltpreis geht nach Leipzig: Forscher für Grundwasser-Projekt in Jordanien ausgezeichnet
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13:19 25.10.2018
Das Leipziger Preisträger-Team: Manfred van Afferden, Roland A. Müller, Mi-Yong Lee und Wolf-Michael Hirschfeld (von links). Quelle: André Künzelmann, UFZ
Leipzig

Von wegen Elfenbeinturm. Eine Gruppe Leipziger Wissenschaftler hat in zwölfjähriger Arbeit nicht nur Abwassersysteme entwickelt, die ohne Anschluss an ein zentrales Kanalnetz funktionieren. Darüber hinaus haben die Umweltforscher daran mitgewirkt, ihre Technik im Wüstenstaat Jordanien politisch durchzusetzen. Und sie organisieren vor Ort Schulungen, damit die Menschen das System bedienen können. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag, das Grundwasser als überlebenswichtige Ressource vor Verschmutzung zu schützen. Kommenden Sonntag überreicht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihnen dafür in Erfurt den Deutschen Umweltpreis.

„Das Projekt hat eine Eigendynamik entfaltet, die sehr motivierend war“, sagt Roland A. Müller, Leiter des Umwelt- und Biotechnologischen Zentrums am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) und Sprecher der Gruppe. „Wir hatten das Gefühl, wirklich helfen zu können.“ Der Umweltbiotechnologe ist mit seinem UFZ-Kollegen Manfred van Afferden in erster Linie für die technische Seite zuständig. Neben einer Forschungs-, Demonstrations- und Ausbildungsvorrichtung an der jordanischen Technischen Universität Al Balqa wurden Abwasseranlagen im ländlichen Raum gebaut und Szenarien für Investitionsprojekte entwickelt.

Die Volkswirtin Mi-Yong Lee, ebenfalls vom UFZ, bezog für drei Jahre sogar ihr Büro im jordanischen Wasserministerium, um die politische Implementierung mitzugestalten. Wolf-Michael Hirschfeld vom Bildungs- und Demonstrationszentrum für dezentrale Abwasserbehandlung Leipzig (BDZ), der vierte prämierte Experte im Team, brachte seine Erfahrungen ein, um die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und Wartungskräfte zu schulen. UFZ-Geschäftsführer Georg Teutsch sieht in dem gesamten Vorhaben „ein Paradebeispiel für unsere problemorientierte, interdisziplinäre Arbeitsweise“.

Robust, hitzebeständig und einfach in der Wartung

Außerhalb der großen Städte existiert in Jordanien kaum Kanalisation – sie in der Breite zu bauen, wäre aufwendig und teuer. Schon aus diesem Grund fallen die UFZ-Anlagen klein aus. „Einige haben lediglich Haushaltsgröße“, erklärt Müller. Andere bereiten immerhin das Abwasser von bis zu 5000 Einwohnern auf. Ihr dezentrales Abwassersystem haben Müller und van Afferden zwar nicht ausschließlich für die Nutzung in einer trockenen und heißen Umgebung konzipiert, die konkrete Technik sollte aber freilich in Jordanien funktionieren. Im Vergleich zu einer ähnlichen Forschungsanlage im nordsächsischen Langenreichenbach müssen alle Apparaturen in Vorderasien robuster, hitzebeständiger und möglichst einfach in der Wartung sein.

In den vergangenen Jahrzehnten ist Wasser in Jordanien zu einem enorm kostbaren Gut geworden. Gegenüber den 60er-Jahren hat sich die Bevölkerung etwa verzehnfacht. Standen damals rechnerisch 3500 Kubikmeter Grundwasser pro Einwohner und Jahr zur Verfügung, sind es heute nur 90 Kubikmeter, rechnet Müller vor. Durch den Krieg im benachbarten Syrien und die hunderttausenden Flüchtlinge von dort steigt der Wasserbedarf weiter.

Wegen des überwiegend karstigen Gesteins der arabischen Halbinsel landet Abwasser dort schnell im Grundwasser. Gemeinsam mit den politischen Verantwortlichen haben die Leipziger Wissenschaftler ermittelt, welche Gebiete besonders von Verunreinigung bedroht sind. Seit 2006 fördert das Bundesforschungsministerium das Projekt als Teil eines Verbunds zum Integrierten Wasserressourcen-Management. Die damalige jordanische Wasser-Staatssekretärin Maysoon E. Zoubi erwies sich als Motor des Vorhabens. Ein 20-köpfiges Gremium aus jordanischen Fachpolitikern und den Leipziger Forschern – das „National Implementation Committee“ (NICE) – erhielt den Auftrag, eine Gesetzesvorlage für dezentrales Abwassermanagement zu erstellen.

UFZ-Abgesandte in Amman

Mittlerweile ist es nicht mehr Mi-Yong Lee, sondern der Bodenökologe Marc Breulmann, der seinen Schreibtisch als UFZ-Abgesandter in Amman hat. „Die Jordanier baten uns, unbedingt zu bleiben. Wir gelten als neutrale und ehrliche Vermittler“, sagt Müller. „In dem langen Zeitraum ist viel Vertrauen gewachsen und sind auch Freundschaften entstanden.“ Um ihre Sicherheit hätten sie sich keine großen Sorgen gemacht: „Das Land ist verhältnismäßig stabil – was nicht nur für uns Wissenschaftler, sondern auch für Unternehmen von Bedeutung ist, die dort investieren.“ Das Sultanat Oman plant inzwischen ebenfalls, Geld in solche Anlagen zu stecken.

Das jetzt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnete Projekt wäre aber ohne millionenschwere Finanzierung durch das Bundesforschungsministerium in mehreren Projektphasen kaum in Gang gekommen. Das UFZ steuert seine Personalkosten bei, außerdem beteiligen sich immer mal wieder einzelne Privatunternehmen an konkreten Teilvorhaben. Ihre Erkenntnisse aus Jordanien hoffen die Forscher auch in Europa einsetzen zu können. Etwa in Ungarn, wo lediglich rund 60 Prozent der Haushalte ans Abwassernetz angeschlossen sind. Und selbst in Deutschland, wo man bei einer Anschlussrate von 95 Prozent ans Kanalnetz Abwasser vor allem in mittleren und großen Kläranlagen reinigt, sind Anwendungen denkbar: „zum Beispiel bei der Gestaltung ressourceneffizienter Stadtquartiere“, so Müller.

Das Preisgeld der höchstdotierten unabhängigen Umweltauszeichnung Europas in Höhe von 500 000 Euro teilen sich die Leipziger mit der Bremer Meeresbiologin Antje Boetius, die sich für den Schutz der Tiefsee in den Polarregionen einsetzt. Mit dem eigenen Anteil von 250 000 Euro wollen die UFZ-Forscher einen Doktorandenpreis ausloben. „Für interdisziplinäre Projekte“, sagt Müller, „weil die Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg auch für unseren Erfolg entscheidend war“. Fern eines jeden Elfenbeinturms eben.

Live-Stream von der Preisverleihung am Sonntag auf der Erfurter Messe: www.dbu.de/live und www.nano.de 

Von Mathias Wöbking

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