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Bildung Leipziger Forscher im Interview: „Jungen sind nicht nur Bildungsverlierer“
Leipzig Bildung Leipziger Forscher im Interview: „Jungen sind nicht nur Bildungsverlierer“
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19:28 29.01.2013
Daniel Diegmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Quelle: Privat
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Leipzig

Im Interview mit LVZ-Online spricht er über veraltete Rollenbilder sowie Vor- und Nachteile des getrennten Unterrichts.

Frage: Halten Sie Unterricht, der nach Geschlechtern getrennt ist für sinnvoll?

Daniel Diegmann: Ich halte es prinzipiell nicht für notwendig. Es gibt auch keine Forschungsergebnisse, die eindeutig besagen, dass getrennter Unterricht zu besseren Schülerleistungen führt oder es dadurch in der Schule besonders geschlechtergerecht zugehen würde. Außerdem ist es ein Fortschritt, dass Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden.

Sie spielen darauf an, dass vor etwa 100 Jahren überhaupt die ersten Mädchen unterrichtet worden?

„Mitbeschult“ wurden Mädchen, gerade in den kleinen Schulen, aus pragmatischen Gründen schon länger. Meist saßen sie dabei jedoch am Rand des Klassenraums. Mädchen erhielten aber zudem seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich den Zugang zu höherer Bildung und damit dann auch den Zugang zu den Universitäten. Dies wurde ihnen bis dahin verwehrt. Der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen in der Schule setzte sich seit den 1950er Jahren in Westdeutschland durch. Dies geschah ebenfalls, um gleiche Bildungschancen für Jungen und Mädchen zu ermöglichen. In den 80er Jahren entflammte die Debatte um Mono- und Koedukation noch einmal richtig, allerdings wegen der Benachteiligung der Mädchen.

Das Argument heute ist, dass die Jungen im Unterricht benachteiligt werden, was sich in den schlechteren Noten widerspiegeln würde?

Damit muss man vorsichtig sein. Jungen sind nicht nur Bildungsverlierer. Schaut man sich beispielsweise die PISA-Ergebnisse an, findet man im oberen Leistungsdrittel sehr viele Jungs. Es gibt zudem die These, dass Jungen in der Schule eher lernen sich durchzusetzen und das mache ihren späteren beruflichen Erfolg aus. Dafür muss man sich aber auch die späteren Karrieren und Berufswege anschauen.

Weil in der Berufs- oder Studienwahl doch noch die alten Rollenbilder verhaftet bleiben?

Frauen gehen häufig in den sozial-, erziehungs- und geisteswissenschaftlichen Bereich. Männer hingegen eher in die technischen oder gewerblichen Berufe. Bei Macht und Geld finden sich bis heute deutlich weniger Frauen. Das zieht sich durch den kompletten Bildungsweg. Je höher der akademische Grad und je höher das Einkommen ist, desto weniger Frauen findet man vor. Bei den Professuren werden nur knapp 20 Prozent der Stellen von Frauen besetzt.

Ein anderer Ansatz und momentaner Trend in Deutschland ist die reflexive Koedukation, dass also manche Fächer getrennt unterricht werden?

Was die Erfolge anbelangt ist die empirische Forschung da ernüchternd. Internationale Studien besagen, dass es zu keinem Lernzuwachs führt, wenn man die Geschlechter einfach nur trennt. Vielmehr besteht die Gefahr, dass Lehrkräfte dabei Geschlechterstereotype bedienen. Im Physikunterricht reparieren die Mädchen dann eine Waschmaschine und die Jungs ein Auto. Eine bedeutendere Rolle spielt die Klassengröße und die Kompetenz der Lehrkräfte.

Also bedienen Lehrkräfte im Unterricht auch stark die Geschlechterklischees?

Das kommt durchaus immer wieder vor, gerade bei Lehrkräften, die sich mit dem Thema nicht beschäftigen und denken, sie behandeln Jungen und Mädchen doch sowieso gleich. Es kann dann immer wieder beobachtet werden, dass Lehrerinnen und Lehrer auch unbewusst in ein stereotypes Verhalten zurückfallen und die Schülerinnen und Schüler so auch ansprechen.

Gemeinsames Lernen ist also eher förderlich für beide Geschlechter?

 

Selbstverständlich. Sie erleben eine Vielfalt, wie man sie auch im Alltag erlebt. Sie können unbeschwert die unterschiedlichen Interessen zeigen und auch Konflikte aushandeln. Außerdem merken sie, dass es nicht nur die Jungen oder die Mädchen gibt, sondern eine ganze Menge Personen, die ganz unterschiedliches können, mögen und wollen.

Interview: Matthias Pöls

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