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Leipziger Schulmuseum: Der sozialistische Unterricht und das Warten auf Widerspruch

Leipziger Schulmuseum: Der sozialistische Unterricht und das Warten auf Widerspruch

Mit Jungpionieren, die zu Beginn der 45 Minuten folgsam den Pioniergruß schmettern. Mit verbalen Streicheleinheiten für denjenigen, der brav mitarbeitet und stolz sein kann, Sohn eines NVA-Offiziers "auf Friedenswacht" zu sein.

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Ein Klassenzimmer wie in den Achtzigern, eine Lehrerin im Dederon-Kostüm, die Schüler mit Pionierhalstüchern: Heimatkundestunde 1985 im Schulmuseum. Vor der Tafel mit dem Bekenntnis zur DDR: Elke Urban alias Frau Lehmann.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Rollenspiel geboten: "Heimatkundestunde 1985 - Zivilcourage heute" - eine fiktive Unterrichtsstunde, in der es zugeht wie vor knapp 30 Jahren an einer Polytechnischen Oberschule (POS) in der DDR.

Mit Jungpionieren, die zu Beginn der 45 Minuten folgsam den Pioniergruß schmettern. Mit verbalen Streicheleinheiten für denjenigen, der brav mitarbeitet und stolz sein kann, Sohn eines NVA-Offiziers "auf Friedenswacht" zu sein. Mit bissigen Spitzen gegen denjenigen, der offensichtlich nicht ganz auf Linie ist, weil er ein Mickey-Maus-Heft aus der BRD unter der Bank versteckt. Elke Urban spielt eine DDR-Lehrerin, wie sie hätte sein sollen.

Nichtpionier Anja hat deshalb ganz schlechte Karten, wird von ihr links liegengelassen. Und damit die jugendlichen Protagonisten in dem Museumsklassenzimmer verstehen, dass die Paradenummer von Frau Lehmann im Dederon-Kostüm Uniformität und Duckmäusertum generiert, haben sie im Laufe der Stunde nur die eine Aufgabe: Sie sollen widersprechen, wenn es ihnen zu bunt wird. Doch das geschieht so gut wie nie. Ein Interview mit Elke Urban.

Wie fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als überzeugte Kämpferin für Frieden und Sozialismus, die eine Klasse mit subtilen Mitteln vorführt?

Das ist schwer zu beschreiben. Meine Gefühlswelt ist in diesen 45 Minuten sehr ambivalent. Ein Glücksgefühl stellt sich ein, wenn ich merke: Die Schüler verstehen jetzt was, sie erkennen den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie. Diese Erkenntnis setzt allerdings meist erst im Nachgespräch zu unserer Heimatkundestunde ein, für das wir uns immer sehr viel Zeit nehmen. Würde sie sich nicht einstellen, hätte ich ein ganz schlechtes Gefühl, denn dann würde ich mich selbst beschädigen. Fällt bei den jungen Leuten aber irgendwann der Groschen, kann ich es aushalten, dass ich wie eine Schauspielerin zuvor ein paar Schritte neben mir gestanden habe.

Sie sind gelernte DDR-Bürgerin, waren also selber mal POS-, dann EOS-Schülerin, später sogar Lehrerin. Wie viel Biographie steckt in Frau Lehmann?

Natürlich verarbeite ich Biographisches, es fließen aber auch ganz viele Dinge ein, die sich mir während meiner jahrelangen Forschung zum DDR-Schulsystem erschlossen haben. Parallelen gibt es natürlich auch. Ich habe durch meinen Sohn erlebt, was einem Nichtpionier aus christlichem Elternhaus acht Jahre lang in der Schule widerfährt. Er war immer Außenseiter, wurde oft für Dinge verantwortlich gemacht, für die er nichts konnte. Das war eine schwere Zeit für ihn und für uns als Familie. Ich selber habe als Kind immer höllisch aufpassen müssen. Mein Vater war Musiklehrer an der Schule, auf die ich ging, ich durfte also um Himmels Willen niemandem erzählen, dass wir zu Hause West-Fernsehen guckten. Ich habe mich deshalb im Unterricht immer zurückgehalten. Nach dem Motto: Bevor du dich verplapperst, halte lieber den Mund. Das galt besonders für die Fächer Staatsbürgerkunde und Geschichte. Die GST-Lager (GST - Gesellschaft für Sport und Technik; Anm. d. Red.) waren noch mal ein Kapitel für sich.

Warum das?

Ich sollte kein Gewehr in die Hand nehmen, das hatte mir mein Vater mit auf den Weg gegeben. Er war überzeugter Pazifist.

Ihr Vater, der ja Lehrer war. Wie hat er vor diesem systemkritischen Hintergrund überhaupt arbeiten können?

Am schlimmsten war es wohl in den Fünfzigerjahren, weil er nicht in die GST eintreten wollte. Für ihn stand fest: Ich fasse nie wieder ein Gewehr an. Er hatte im Zweiten Weltkrieg zwei Finger verloren und konnte danach seinen erlernten Beruf als Musiker und Kapellmeister nicht mehr ausüben.

Und wie sind Sie durch die GST-Lager gekommen?

In den Sechzigerjahren durften Wehrlager-Verweigerer noch keine Ersatzarbeiten wie Klo-Putzen durchführen. Das war ihnen erst nach 1980 möglich. Also habe ich Leiche gespielt, da musste ich nicht schießen. Im Nachhinein lache ich darüber. Damals war mir nicht danach zumute. Auch nicht, als es um die Jugendweihe ging. Ich habe bei etwas mitgemacht, das gegen mein Gewissen gerichtet war. Heute schäme ich mich dafür. So, als hätte ich gelogen.

Was hat Sie dazu bewogen, an der Jugendweihe teilzunehmen?

Ich wollte meinem Vater nicht schaden, der dann sofort von der Schule geflogen wäre. Und auch mir selber wollte ich nicht schaden. Meine Karriere wäre doch ebenfalls beendet gewesen. Meine Geschwister hatten zu diesem Zeitpunkt zwar schon Abitur, aber auch denen hätte Ungemach gedroht. Taktieren, lavieren, möglichst nicht auffallen: Wenn du nicht widersprichst, geht es dir gut. Das haben Generationen von DDR-Bürgern gelernt und verinnerlicht.

Trotzdem wollten Sie Lehrerin werden. Wie kam es dazu?

Nein, eigentlich wollte ich nie Lehrerin werden. Mir war doch klar, was mir in diesem Beruf blüht. Das habe ich ja bei meinem Vater erlebt. Der hat 1953 zu Stalins Tod einen Trauermarsch von Edvard Grieg aufgeführt und wurde anschließend verhaftet. Zwei Nächte lang haben sie ihn verhört, weil Grieg ihrer Meinung nach der falsche Komponist war. Mein Vater hatte aber nun mal keine Noten für einen Trauermarsch von einem sowjetischen Komponisten.

Wenn Sie eigentlich nie Lehrerin werden wollten, warum haben Sie den Beruf dann ergriffen?

Ich spielte damals ganz gut Klavier. Mein Traumberuf war Pianistin, auch ein Studium der Musikwissenschaft oder Romanistik habe ich mir vorstellen können. Oder eine Kombination aus beidem. Doch dann starb mein Vater, dieser sehr beliebte Musiklehrer, der einzige Nicht-Genosse an der EOS, zu dem viele Schüler kamen, um sich auszusprechen. Naiv wie ich war, habe ich mir vorgestellt, in seine Fußstapfen treten zu können. Gleichsam sein Erbe anzutreten. Doch dem war ich nicht gewachsen, das habe ich spätestens im zweiten Jahr als Lehrerin gemerkt. Im permanenten Zwiespalt zu leben, hin- und hergerissen zu sein zwischen dem, was das eigene Gewissen sagt, und dem, was das sozialistische Schulsystem mit seinen Mechanismen der Lüge und Indoktrination von mir verlangte, das hätte mich auf Dauer aufgefressen. Da ich zum Zeitpunkt dieser Selbstzweifel bereits mit dem zweiten Kind schwanger war, bin ich relativ geräuschlos aus dem Schuldienst ausgeschieden.

Was soll von Ihrer Heimatkundestunde hängenbleiben?

Schön wäre es, wenn die Schüler am Ende sagen: Es ist gut, dass es in Deutschland kein diktatorisches System mehr gibt. Schön wäre es auch, wenn sie erkennen, wie viel leichter es sich heutzutage leben lässt; nämlich ohne dieses ständige Gefühl von Angst und Ohnmacht. Diese Erfahrung nehmen die Schüler in meiner Stunde zwar nur diffus wahr, doch eine Ahnung von dem, was ein totalitäres System aus Menschen macht, bekommen sie.

Es gibt viele, die würden Ihnen jetzt entgegnen, dass auch die heutige Zeit von Angst und Ohnmacht geprägt ist.

Dann hoffe ich, dass diese Kritiker aus der Stunde die Erkenntnis mitnehmen: Ich muss widersprechen.

Aber auch das wird heutzutage nicht immer gern gesehen.

Was sicher richtig ist, aber kein Grund sein sollte, den Mund zu halten. Ich weiß von tschechischen und ungarischen Studenten, die haben nach dem Besuch unserer DDR-Unterrichtsstunde auf der Rückfahrt stundenlang darüber diskutiert, wie es sein konnte, dass sie die Klappe gehalten haben. Dass sie nie aus der Rolle des Mitläufers herausgekommen sind.

Das Erlebnis des Protestes haben Sie sehr, sehr selten. An welche dieser kleinen Sensationen erinnern Sie sich besonders gern?

Irgendwann innerhalb der Stunde steht Nichtpionier Anja auf und beschwert sich, weil ich sie übergehe und nie drannehme, wenn sie sich meldet. Für gewöhnlich bleibt Anja allein, niemand zieht mit - aus Feigheit. Bei einer Hauptschulklasse aus Soest in Nordrhein-Westfalen war das anders. Fast alle sind aufgestanden und haben demonstrativ ihre Halstücher abgenommen. Das war eine Sternstunde. Danach wollte ich den Unterricht beenden, denn mein Ziel war ja erreicht: der Widerspruch. Da haben sie wieder protestiert. Sie seien nicht acht Stunden mit dem Zug gefahren, um schon nach wenigen Minuten wieder entlassen zu werden. Im Übrigen: Bei Hauptschülern, die es ja kaum noch gibt, ist der Gerechtigkeitssinn am stärksten ausgeprägt. Die lassen sich nicht alles gefallen, gehen auf die Barrikaden, wenn ihnen was nicht passt. Das ganze Gegenteil habe ich bei Stipendiaten erlebt, die zur politischen Führungselite unseres Landes reifen sollen. Die waren geradezu überangepasst. Da ist mir himmelangst geworden.

Wie groß ist der Unterschied im Schülerverhalten zwischen Ost- und West-Klassen?

Es gibt keinen Unterschied. Uns Deutschen, egal ob aus dem Osten oder aus dem Westen, ist offenbar ein über Generationen gewachsenes Verhaltensmuster zu Grunde gelegt. Auch in westdeutschen Köpfen steckt, dass derjenige, der den Mund hält, weniger Probleme hat. Machen wir uns nichts vor: Ein solches Verhalten wird am Ende ja auch belohnt. Aber die Demokratie stirbt.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.09.2014

Dominic Welters

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