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Bildung Leipziger Tafel: „Wir wünschten, er würde bleiben“
Leipzig Bildung Leipziger Tafel: „Wir wünschten, er würde bleiben“
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00:35 02.07.2015
Ecuadorianische Linsen, Hühnchen, Gemüse zum Abschied: Alejandro, Werner Wehmer und Chris Thomsen (von rechts). Quelle: André Kempner
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Leipzig

„Alejandro, kannst du Waren sortieren?“ „Si, warum nicht?!“ „Alejandro, kannst du bei der Essenausgabe helfen?“ „Warum nicht?!“ „Kannst du mal früh um
6 auf dem Lebensmitteltransporter mitfahren und anpacken?“ „Warum nicht?!“ Hugo Alejandro García Borja, schwärmt Leipzigs Tafel-Chef Werner Wehmer, sei unglaublich. „Er fragt nie erst groß, wie, was, wieso und warum. Er ist da, wo ein Engpass herrscht. Mit Freude. Wir wünschten, er würde bleiben.“ Und doch war es am Montag für den Bundesfreiwilligendienstler (Bufdi) Alejandro der letzte Arbeitstag am Tafel-Hauptsitz in der Jordanstraße 5 a.

Vor einem Jahr war er aus Ecuador, wo er an der Uni Maschineningenieurwesen studiert, nach Deutschland geflogen. Daheim bereits freiwillig in einer sozialen Organisation aktiv, wurde dem 26-Jährigen über den Berliner Verein Alegro der Aufenthalt an der Pleiße ermöglicht. „Gefördert vom Programm Weltwärts des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit“, so Hannah Ott vom Verein. Doch was trieb den jungen Mann ausgerechnet zur Leipziger Tafel? Alejandro lächelt: „Bundesweit gab es sechs Projekte zur Auswahl. Mir gefiel, dass man hier etwas tut, damit Essen nicht verloren geht.“

Wehmer sagt, er sei anfangs unsicher gewesen. „Können wir seine Erwartungen erfüllen? Kriegen wir ihn irgendwie integriert?“ Doch am 1. September 2014 stand Alejandro auf der Matte. „Ich war nervös“, erzählt er. Daheim war er aufgebrochen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Ein paar Englisch-kundige Tafel-Mitstreiter retteten ihn über die ersten Tage. Bis sich Wehmer vorsichtig erkundigte, ob der neue Mitstreiter überhaupt Deutsch lernen wolle. Es kam ein klares „Si!“. Ergo vergatterte Wehmer die Seinen, fortan nur noch Deutsch mit ihm zu sprechen. War wohl knüppelhart. Ergebnis: Nach knapp einem Jahr versteht Alejandro fast alles, spricht schon sehr passabel Deutsch und schreibt mit faszinierend schöner Handschrift.

Gut 80 Kunden versorgen sich täglich in der Jordanstraße für einen kleinen Obolus mit Lebensmitteln, die die Tafel-Mitarbeiter in Leipzig bei spendenden Unternehmen einsammeln. Viele davon nutzen auch ein täglich vor Ort zubereitetes Mittagessen für 1,50 Euro die Portion. Die meisten Tafel-Gäste habe er als freundlich kennengelernt, berichtet Alejandro. „Ein paar waren aber auch, wie soll ich sagen, schwierig. Manchmal irgendwie sehr fordernd.“ Interessant fand er die Gespräche mit Flüchtlingen, deren Geschichten. Sie hätten auch kaum Deutsch gekonnt. Der Bufdi half oft – mit seinem Spanisch, Französisch, Englisch.

In seiner Heimat, sagt Alejandro, gebe es durchaus ähnliche Projekte wie die Tafel. Allerdings von Kirchen getragen. Jeder, dessen Bedürftigkeit vorab geprüft wurde, erhalte das Essen jedoch kostenlos. Denn eines hat er zwischen den Tafel-Kunden hier und den Essen-Empfängern daheim ausgemacht: „Armut in Ecuador unterscheidet sich von Armut in Deutschland sehr. Hier haben die Menschen wenigstens eine minimale staatliche Absicherung. Die gibt es bei uns nicht. Wir kennen kein Arbeitslosengeld.“

„Alejandro, kannst du kochen?“, hieß es, als dessen Bufdi-Zeit vorige Woche langsam auslief. „Warum nicht?!“, rückte dieser seine Brille zurecht – und gesellte sich zum Team um Koch Chris Thomsen (42). Letztlich verabschiedete sich der geschätzte Kollege mit einer kulinarischen ecuadorianischen Woche von Tafel-Kunden und Mitarbeitern – dabei hatte er noch nie für gut 80 Leute gekocht. „Das war was!“, schwärmt Wehmer. „Das kam an!“ Fisch in Kokosmilch, raffinierte Hähnchenfleischgerichte. Auch Arroz con menestra y carne mit Linsen, Tomaten, Knoblauch, Paprika, Cumin. „So etwas hatte ich mir bisher nicht getraut“, bekennt Thomsen. „Unser Publikum ist ja oft schon etwas älter, hat da eher Berührungsängste. Ich habe von Alejandro jetzt drei sehr schöne Gerichte im Repertoire“, so Thomsen.

Am 5. August wird Leipzigs erster ausländischer Tafel-Bufdi heimfliegen, weiterstudieren, und – wenn seine Träume reifen – sich nicht Maschinen widmen, sondern eher ein vegetarisches Restaurant aufmachen. „Die Zeit hier hat mir gezeigt, dass es möglich ist, Bekanntschaften und Freundschaften zu schließen, ohne die gleiche Kultur zu haben, ohne die gleiche Sprache zu sprechen. Falls ich mal wiederkomme, helfe ich euch wieder“, versichert Alejandro in Richtung Tafel-Kollegen.

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