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Leipziger Uni-Professor Birkenmeier sondiert die Biochemie des Nacktmulls

Krebsresistentes Nagetier Leipziger Uni-Professor Birkenmeier sondiert die Biochemie des Nacktmulls

Der Nacktmull scheint nicht zu altern, kennt keinen Schmerz und ist gegen Krebs resistent. Diesen Phänomenen des Nagers spürt der Leipziger Uni-Professor Gerd Birkenmeier nach, um die dahinter stehenden Mechanismen aufzuklären und möglicherweise für die Humanmedizin zu nutzen.

Uni-Professor Gerd Birkenmeier mit dem Nacktmull-Forschungsterrarium.
 

Quelle: André Kempner

LEIPZIG.  Mit Schönheit gesegnet ist der Nacktmull nicht, dafür aber mit einer phänomenalen Gesundheit: „Diese Nager werden bis zu 30 Jahre alt, erkranken nicht an Krebs, empfinden keine Schmerzen und können sogar unter Sauerstoffmangel sehr aktiv sein“, erklärt Professor Gerd Birkenmeier vom Institut für Biochemie der medizinischen Fakultät der Leipziger Uni. Seit mehreren Jahren befasst er sich forschend mit den mauskleinen Tieren, die in Ostafrika weit verbreitet sind und als sogenannte Sandgräber in Halbwüsten unter der Erde leben. Birkenmeier hat sie bei seiner Arbeit liebgewonnen, „obwohl sie sicher nicht die hübscheste Spezies sind“. Sein Team hat den Nacktmull sogar als Wappentier auserkoren und auf T-Shirts drucken lassen. Ihm weniger zugetane Zeitgenossen stempeln ihn als „Penis auf vier Beinen“ ab, doch die Evolution hat ihn sehr vorteilhaft ausgestattet.

 Zum Beispiel mit einem Mechanismus, der ein Bluteiweiß mit der Kennung A2M in seinem Körper nicht versiegen lässt. Das Kürzel steht für Alpha2-Makroglobulin. Diesem Protein wird eine tumorhemmende Wirkung zugeschrieben, weil es Signalwege unterbricht, über die gesunde Zellen angestiftet werden, sich zu Krebszellen umzuwandeln. Birkenmeier und sein Team erkunden das seit Längerem. Auch beim Menschen findet sich A2M, sackt aber in seiner Konzentration ab dem 20. Lebensjahr drastisch ab. Anders beim Nacktmull, wo es konstant hoch vorrätig ist und ihn so möglicherweise gegen bösartige Wucherungen schützt. Bei entsprechenden in-vitro-Versuchen und anhand von Tiermodellen konnte die Gruppe um Birkenmeier eine entsprechende Wirkung bereits nachweisen. Im A2M sieht der Wissenschaftler ein großes therapeutisches Potenzial, zumal es sich um ein körpereigenes Bluteiweiß handelt. Die präklinischen Untersuchungen sind weitgehend abgeschlossen, kostenintensive klinische Studien stehen aber noch aus. Dafür ist Birkenmeier auf Investorensuche.

 Für den Wissenschaftler ist aktuell die Darmflora des Nacktmulls von besonderem Interesse. Auch hier hofft er auf Erkenntnisfortschritte, die sich perspektivisch für die Humanmedizin auszahlen könnten. „Wir bewegen uns dabei auf dem vergleichsweise jungen Forschungsgebiet der Mikrobiotika.“ Hintergrund: Alleine den menschlichen Darm besiedeln Myriaden von Mikroorganismen der unterschiedlichsten Arten. Rund 1,5 Kilogramm wiegen sie zusammengenommen bei einem Erwachsenen durchschnittlich. Menge und Zusammensetzung der „Mitbewohner im menschlichen Körper“, wie Birkenmeier die mannigfaltigen Einzeller nennt, variieren von Person zu Person und werden beispielsweise von der Ernährung, Antibiotika-Einnahme, Stress, Diabetes und Fettsucht beeinflusst. „Die menschliche Mikrobiotika ist sehr fragil und kann leicht aus dem Gleichgewicht kommen, so dass pathogene Keime die Oberhand gewinnen.“ Dann, so Birkenmeier, gehe die ursprünglich als Win-Win-Beziehung von Körper und Mikroben angelegte Symbiose verloren und wandle sich in eine Dysbiose um, die mit diversen Krankheiten in Verbindung gebracht werde. Eine große Vielfalt der Darmflora sei auch der beste Garant dafür, dass bakterielle Gifte nicht die Darm-Blut-Barriere durchbrechen und in den Körper eindringen.

Der Dysbiose vorzubeugen oder sie zu beseitigen, hält Birkenmeier für einen nachhaltigen Ansatz. „Die darauf gerichtete Mikrobiomforschung erlebt derzeit international einen Boom. Vielleicht offenbart uns der Nacktmull, ob seine Darmbewohner mit dafür sorgen, dass er so langlebig und resistent gegen Zellwucherungen ist.“

Von Mario Beck

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