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Leipziger Uni-Prorektor: "Wir sind nicht die, die den Sargnagel einschlagen"

Leipziger Uni-Prorektor: "Wir sind nicht die, die den Sargnagel einschlagen"

Seit dem Bekanntwerden der Kürzungspläne an der Leipziger Uni hagelt es Kritik. Nicht nur die Landesregierung ist der Protestadressat, auch das Rektoratskollegium steht unter Beschuss.

Professor Thomas Lenk, der Prorektor für Entwicklung und Transfer an der Alma mater, verweist auf die Rechtslage, die zum Stellenabbau zwinge.

Frage: Vom Rektorat wird Transparenz gefordert, warum gerade die Theaterwissenschaft und die klassische Archäologie auf die Streichliste gesetzt wurden. Wie kam es zu der Entscheidung, dort gewissermaßen den Sargnagel einzuschlagen?

Thomas Lenk: Wir sind nicht die, die den Sargnagel einschlagen. Die Staatsregierung hat mit Beschluss vom 2. März 2010 weitere zusätzliche Stelleneinsparungen bis 2020 festgelegt. Und es existiert eine Zuschussvereinbarung mit dem Wissenschaftsministerium, in der dies für die Jahre 2014 bis 2016 konkretisiert ist. Das ist der rechtliche Rahmen, in dem wir uns zwangsläufig bewegen müssen. Schon bei den 2011 als künftig wegfallend zu benennenden 48 Stellen gab es eigentlich keinen Spielraum. Und die nunmehr zur Disposition stehenden 24 Stellen haben uns als Rektoratskollegium in sehr schwierige Abwägungskonflikte gebracht. Die Entscheidung, bei der Theaterwissenschaft und der klassischen Archäologie Professuren künftig nicht mehr zu besetzen, ist gefallen, weil das einerseits ohne betriebsbedingte Kündigungen möglich und andererseits mit der perspektivischen Profilausrichtung der Uni einigermaßen vereinbar ist. Wir bemühen uns, strukturell vorzugehen, um die Universität in ihren Kernbereichen zu erhalten. Und wir kommen nicht umhin, festzustellen, dass es in Halle eine starke Archäologie als Ausweichangebot und bei uns geisteswissenschaftliche Bereiche gibt, die gegenüber der guten Theaterwissenschaft die Nase vorn haben. Verzichtbar sind die beiden Institute natürlich deshalb beileibe nicht.

Der Uni-Spitze wird auch vorgeworfen, dass sie es nicht für nötig hielt, die Institutsmitarbeiter und Studenten zu informieren, bevor das Stellenkürzungspaket im Senat vorgestellt wurde. Warum herrschte Schweigen im Walde?

Wenn vorher ein großer universitärer Diskurs geführt worden wäre, hätte das zu einem Selbstzerfleischungsprozess führen können. Das wollten wir vermeiden. Was die Kommunikation mit den betreffenden Instituten angeht, hat das Rektorat vorab die Dekane informiert, die wiederum die Institutsdirektoren in Kenntnis setzten. Es war auch vorgesehen dass ein Mitglied des Rektorates mit den Direktoren spricht. Letzteres ist nicht geschehen. Für dieses Versäumnis haben wird uns entschuldigt.

Der Studentenrat verlangt, dass sich die Uni-Leitung weigert, die vom Land verordneten Stellenkürzungen umzusetzen. Wie sehen Sie das?

Wie gesagt, wir sind rechtlich verpflichtet, die Kürzungen umzusetzen. Ansonsten sehe ich die Gefahr, dass das Wissenschaftsministerium im Zuge einer Zwangsverwaltung Stellen einsammelt, die gerade frei werden, bis die geforderte Anzahl erfüllt ist. Damit wären wir mit der Hochschulautonomie am Ende.

Beide betroffenen Institute gehören zur Fakultät für Geschichte, Kunst und Orientwissenschaften. Warum konzentrieren sich dort die Einschläge, schließlich gibt es 14 Fakultäten?

Bei den vorhergehenden Kürzungen hat es auch andere Fakultäten getroffen, besonders die für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie. Noch weiter zurückgeschaut, wurden die Geowissenschaften dezimiert und das Bauingenieurwesen abgewickelt. Und perspektivisch sind wir ja noch längst nicht durch bei dem von der Staatsregierung festgelegten Stellenabbau. Bis 2020 sollen an der Universität Leipzig weitere 100 Stellen, vielleicht auch noch mehr, gestrichen werden - und das bei einer Erweiterung unserer Aufgaben.

2016 soll es aber eine Evaluation ­geben ....

... wobei unklar bleibt, wie das ­gemeint ist. Es gibt bisher kein Zeichen, dass es dabei um eine Rücknahme oder Minimierung der Kürzungen geht. Ich befürchte, dass es dann nur um die Verteilung der zu kürzenden Stellen geht. Deshalb gehört nach unserer Auffassung jetzt die Überprüfung des Hochschul-Entwicklungsplanes auf die politische Agenda. Denn er fußt auf falschen Prognosen zur Studienplatznachfrage. Statt zu sinken, sind die Bewerber- und Einschreibezahlen explodiert. Wir fahren in vielen Bereichen mit erheblicher Überlast.

Das Wissenschaftsministerium kontert, durch das Überlastpaket habe die Uni zusätzlich Mittel für 55 befristete Beschäftigungsverhältnisse und fünf vorgezogene Berufungen erhalten. Ließen sich damit die betroffenen Institute nicht in die Zukunft retten?

Über die Zuweisungsschreiben ist festgelegt, dass diese Stellen in Bereichen mit einer Lehrauslastung über 120 Prozent eingerichtet werden sollen, um in diesen Studiengängen die Lehre abzusichern. Und sie sind ebenso wie die Stellen des Bildungspaketes für die Lehrerausbildung temporärer Natur, also kein Rettungsanker für die jetzt in Rede stehenden Stellen. Im Klartext: Weder das Überlast- noch das Bildungspaket sind vom Wissenschaftsministerium dafür vorgesehen, strukturelle Einschnitte zu verhindern.

Bringt Sie die Kürzungsproblematik um den Schlaf?

Immer öfter. Auch angesichts dessen, dass die Landesregierung Garantien für die Beinahe-Pleite der Sachsen LB in Höhe von 2,7 Milliarden Euro übernommen hat. Das ist 50mal mehr als die jährlich geplanten Einsparungen im Hochschulbereich ab 2020 bringen. Über den drohenden Fachkräftemangel wird geklagt und dennoch zugelassen, dass die Hochschulen als die wichtigsten Magnete für Talente und Innovationen geschwächt werden. Ich kann nur hoffen, dass die Regierung rechtzeitig umsteuert und stärker in nachhaltige Bereiche investiert - also in Bildung, Forschung, Wirtschaftsförderung.

Werden bei der Theaterwissenschaft und der Archäologie zum Wintersemester noch neue Studenten aufgenommen?

Im Rektorat gehen wir von einer Immatrikulation in diese Studiengänge in diesem Jahr aus.

Bei der Pharmazie hat sich gezeigt, dass eine Schließung nicht ohne Weiteres vollzogen werden kann. Wird dieses Jahr wieder immatrikuliert?

Das ist derzeit noch nicht entschieden.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.02.2014
Mario Beck

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