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Musik für alle: Ein Wochenende im Zeichen des Bach Open Air

Junge Reporter beim Bachfest - Teil 2 Musik für alle: Ein Wochenende im Zeichen des Bach Open Air

Das Bachfest verbindet alle Generationen - und in diesem Jahr berichten junge Leute, wie sie die Festtage der Hochkultur erlebt haben. Was das Bach Open Air mit viel Jazz und Pop über weite Strecken zu einem großartigen Erlebnis gemacht hat, schildert Vincent Berger von der Leipziger Thomasschule.  (Junge Reporter - Teil 2)

Bach Open Air 2017 mit dem Joshua Redman Trio.

Quelle: Christian Modla

Leipzig. Das Bachfest verbindet alle Generationen - und in diesem Jahr berichten junge Leute, wie sie die Festtage der Hochkultur erlebt haben. Was das Bach Open Air mit viel Jazz und Pop über weite Strecken zu einem großartigen Erlebnis gemacht hat, schildert Vincent Berger von der Leipziger Thomasschule. 

…Champions League. Die Worte schienen Tim Thoelke auf der Zunge zu zergehen. Doch der Stadionsprecher von RB Leipzig wirkte an diesem Sommerabend ein wenig deplatziert vor der dicht gedrängten Menschenmenge auf dem Marktplatz. Die Begeisterung in Thoelkes Stimme allerdings, ausnahmsweise einmal nicht für eine Fußballmannschaft, war keineswegs übertrieben. 

Das Joshua Redman Trio ist einer der hellsten Sterne am Jazzhimmel. Kraftvoll und doch ungemein sensibel, das Trio mit dem sensationellen Joshua Redman am Saxophon, Reuben Rogers am Bass und Grey Hutchinson am Schlagzeug begeisterte mit Tiefgang und seiner vielschichtigen und abwechslungsreichen Programmkonzeption. Im Programmheft noch mit „du kannst nicht Jazz spielen ohne auch Bach zu spielen“ angekündigt, ironisierte Redman diese Aussage gleich zu Beginn des eindrucksvollen Konzerts: „Wir werden nichts von Bach spielen oder etwas, das seiner Musik nahe kommt“. 

Faible für Clapton 

Das Fehlen Bachscher Musik tat dem Genuss des Abends jedoch keinen Abbruch. Redman changierte spielerisch und sicher durch die Stile. Seine Offenheit gegenüber Pop und anderem ist kaum zu überhören. Gleichzeitig sind Einflüsse altbekannter Größen wie Charlie Haden oder Eric Clapton, mit dem er im Film Blues Brothers zusammen gearbeitet hat spürbar. Die Zuschauer, die an diesem Abend ein breites Altersspektrum abdeckten, waren elektrisiert und dankten dem fein zusammenspielenden Trio mit minutenlangem Applaus. 

Bereits früher am Abend musizierte das skandinavische Duo Iiro Rantala am Piano und Ulf Wakenius an der Gitarre gemeinsam mit den Cantores Minores. Das Besondere an dieser Zusammenarbeit ist, dass Rantala selbst einmal Mitglied des finnischen Knabenchors war. Stolz erzählte der Jazzpianist von den zahlreichen Auftritten vor Größen wie dem Papst oder dem US-Präsidenten. Einzig verstörend an der sonst äußerst gefälligen Darbietung war die allzu schnulzige Bearbeitung von Bachs „Ruht wohl“ aus der Johannispassion. Entlassen in das grandiose Redman-Konzert wurden die Zuhörer mit einem Stück, das laut Interpreten so viele Hallelujahs enthält, dass man ein Jahr lang nicht mehr in die Kirche gehen müsse.

 Musik oder Show? 

Der Freitagabend hingegen konnte nicht im selben Maße verzücken. Der muskelbepackte Orgelvirtuose Cameron Carpenter mit Irokesenschnitt brachte zwar ein riesiges Repertoire mit aus allen Genres von Bach über Transkriptionen bis hin zu Filmmusik und dem Maple Leaf Reg von Scott Joplin, doch die Soundsteuerung war an diesem Abend allzu missproportioniert. Das Programm mit Werken wie Bachs französischer Suite in G-Dur, oder der Fantasie und Fuge in g-moll und der c-moll Passacaglia könnte durchaus gefallen. Allerdings bleibt den ganzen Abend über unklar, wer eigentlich im Mittelpunkt steht – die Musik oder doch die Show des Cameron Carpenter.

Faszinierend war, wie Carpenter blitzschnell über mehrere Manuale sprang oder gar zwei Manuale mit einer Hand bespielte, dabei auch noch selbst registrierte und zusätzlich in seinen sehr markanten Glitzer-Schuhen behände die Pedale bediente. Im letzten Jahr war sein Konzert beim Bachfest noch im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen. Doch die Veranstalter haben dazu gelernt. Als der Regen einsetzte, wurde Carpenter, während er weiterspielte, unter Applaus der staunenden Zuhörer aus der Gefahrenzone geschoben. So nahm auch seine selbst konstruierte „International Touring Organ“ keinen Schaden. Gegen Ende gab es einen Leckerbissen, als der Amerikaner mit einem stadtbekannten Straßenmusiker an der Flöte musizierte.

Entspannte Stimmung, viel Beiwerk

In Zeiten von Terroranschlägen herrschte beim Open Air eine erstaunlich entspannte Stimmung. Im Gegensatz zum Kirchentag gab es keinerlei Absperrungen oder Einlasskontrollen. Das Format lud zum Verweilen ein. Zahlreiche Imbissstände sorgten für das leibliche Wohl der Zuhörer, die bequem an vielen runden Tischen Platz nehmen konnten, um die Musik auf sich wirken zu lassen. Dabei ist jedoch zu hinterfragen: wieviel Beiwerk ist genug? Das rege Treiben an den Ständen wirkte auf so manchen Besucher störend und verstummte manchmal nicht einmal bei besonders besinnlichen Passagen des Redman-Trios. Nervtötend vor den Konzerten war vor allem der Kampf um die Stühle. Diejenigen, die das Nachsehen hatten, setzten sich auf den Boden und mussten die Konzerte auf der riesigen Leinwand neben der Bühne verfolgen.

Das Bach Open Air ist bereits seit mehreren Jahren fester und erfolgreicher Teil des Bachfestes, früher unter dem Namen Bachmosphäre. Allerdings gehen die Konzerte weit über reine Atmosphäre hinaus. Die Veranstaltungen auf dem Marktplatz finden am pulsierenden Herzen der Musikstadt statt. Wirft man einen Blick ins Publikum, so streift er Jung und Alt. Im VIP-Zelt steht der Oberbürgermeister, Vertreter des Bach-Archivs und zahlreiche Bachfreunde von Nah und Fern. Am Rande des Marktplatzes hält der Gewandhausmusiker mit dem Fahrrad an, eine alte Dame stützt sich gebannt lauschend auf ihren Rollator und ein kleines Mädchen zieht seine Mutter energisch zur spannenden Musik hin. Bach Open Air ist nicht nur irgendeine Veranstaltung des Bachfestes. Es ist Musik für alle. 

Von Vincent Berger

Eine Kooperation mit dem Bachfest Leipzig

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