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Bildung Neuer HHL-Kanzler Marcus Kölling: „Hier kennt jeder jeden“
Leipzig Bildung Neuer HHL-Kanzler Marcus Kölling: „Hier kennt jeder jeden“
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07:27 23.08.2018
Marcus Kölling, geboren 1973 im westfälischen Minden, ist seit Juli neuer Kanzler der Handelshochschule Leipzig. Von 1998 bis 2000 hat er hier selbst studiert und später in Wien promoviert. Bis Juni 2018 leitete er die familiengeführte Kölling-Gruppe. Quelle: André Kempner
Leipzig

Auf dem Weg zum Büro des neuen Kanzlers kommt man im Flur an den Fotos der Abschlussklassen vorbei. Marcus Kölling findet die Aufnahme von 2000 sofort. Er ist selbst darauf abgebildet. Anders als spätere Absolventen tragen die Jahrgangskollegen und er noch keine quadratischen Doktorhüte nach angloamerikanischem Vorbild. „Es fasziniert mich, wie die Fotos die Entwicklung der Handelshochschule dokumentieren“, sagt der 45-Jährige. „Damals sahen wir alle typisch deutsch aus, mittlerweile ist die HHL sichtlich internationaler geworden.“ Das wird sich am Wochenende auch auf der Graduierungsfeier in Thomaskirche und Kongresshalle zeigen. An ihr nimmt der einstige HHL-Student erstmals als Kanzler der „HHL Leipzig Graduate School of Management“ teil, wie die vor 120 Jahren gegründete Wirtschaftsuni seit 2012 offiziell heißt.

Warum kehren Sie nach sieben Jahren in der Wirtschaft in die Wissenschaft zurück?

Aus tiefer Verbundenheit mit der Handelshochschule, mit Leipzig und mit der Wissenschaft. Die Handelshochschule war für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Ich erinnere mich gern an meine Studienzeit zurück. Damals sind viele enge Freundschaften entstanden. Und das Studium hier in Leipzig selbst war einzigartig und sehr gut. Die Bestnoten, die die HHL im jüngsten Trendence-Absolventenbarometer bekommt, kann ich aus eigener Erfahrung uneingeschränkt nachvollziehen. Wobei die gute Bewertung weniger damit zu tun hat, dass wir eine private Hochschule sind. Vielmehr ist bei uns alles ein bisschen kleiner, familiärer. Alle sind mit dem Herzen dabei, und manche Entscheidung fällt schneller.

Bei Ihrer ersten Rückkehr haben Sie hier zwischen 2006 und 2011 ein „Center for Leading Innovation and Cooperation“ aufgebaut...

... und ich bin 2011 nicht gerne erneut weggegangen. Aber das Unternehmen meiner Familie rief.

Bis Juni 2018 leiteten Sie in Minden die
Kölling-Gruppe
, die Glas- und Isolierglasprodukte herstellt und vertreibt. Wer kümmert sich jetzt darum?

Die Kölling-Gruppe ist ein klassisches mittelständisches Unternehmen in dem mehrere Familienmitglieder aktiv sind. Zusätzlich haben wir in den letzten Jahren einen externen Manager aufgebaut. Die Unternehmensleitung ist heute so aufgestellt, dass ich die Chance ergreifen konnte, HHL-Kanzler zu werden. Denn mein Herz schlägt seit vielen Jahren für die Wissenschaft. In Leipzig habe ich eine tolle Verbindung von Forschung, Unternehmertum und Management-Denken gefunden.

„Hier dreht sich alles um Wissenschaft“

Als Kanzler sind Sie zugleich kaufmännischer Geschäftsführer der HHL. Wie viel Zeit bleibt da für die Wissenschaft?

Hier dreht sich alles um Wissenschaft, für die ich im kaufmännischen Bereich Strukturen schaffe. Wir sehen uns als Gründerhochschule. Ich unterstütze die Studierenden dabei, wenn sie aus einer Idee eine Firma aufbauen wollen. Dafür stelle ich Kontakte zu Unternehmen der Region und zur Stadt Leipzig her. Seit der Neugründung 1992 sind aus der HHL 280 Start-ups hervorgegangen. Mehr als 10 000 Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen. Einige Unternehmen sind dabei in aller Munde. So gehörten beispielsweise zu meinem Jahrgang Peter Vinnemeier und Rolf Schrömgens, die mit Trivago eine der erfolgreichsten Online-Plattformen in Deutschland gegründet haben. Auch die Spread­shirt-Gründer stammen von der HHL. An diese Erfolge wollen wir anknüpfen und vor allem regional noch stärker werden. Mit dem SpinLab haben wir inzwischen eine Ausgründung, die für uns und die Studierenden eine tolle Chance darstellt, in der Region zu bleiben.

Ist es für Studierende wichtiger, was sie an der HHL lernen oder wen sie hier kennenlernen?

Es ist eine Kombination aus beidem. Natürlich braucht man in der Wirtschaft ein entsprechendes Rüstzeug, um Dinge erfolgreich voranzubringen. Aber Netzwerke sind ebenso entscheidend. Für mich steht unser Alumni-Netzwerk im Fokus und hier insbesondere die Frage: Wie können wir ältere Absolventen, die zehn oder fünfzehn Jahre nach dem Abschluss und mit entsprechender Berufspraxis vielleicht neue Aufgaben suchen, mit jungen Existenzgründern zusammenbringen. Sei es als Investoren, als Partner oder Business Angel.

Muss es dabei immer ein neues Unternehmen sein? Nicht jede bestehende Firma bewältigt alleine den Generationenwechsel ...

In der Tat. Ich komme ja selbst aus dem Mittelstand. Und da ist die Regelung der Nachfolge ein sehr wichtiges Thema. Gerade auch hier in Sachsen. Denn viele, die nach der Wende ein Unternehmen gegründet haben, sind jetzt in einem Alter, in dem sie den Staffelstab gern weiterreichen möchten. Das Problem: Viele finden familiär keinen Nachfolger. Hier sehe ich die HHL zukünftig mehr in der Pflicht. Wir müssen zwischen unseren Absolventen und den sächsischen Familienunternehmen einen noch intensiveren Austausch schaffen und damit Brücken bauen. Dazu haben wir beispielsweise gemeinsam mit Partnern aus der Region, insbesondere der Sparkasse Leipzig, das Institut für Unternehmernachfolge unter der Leitung von Alexander Lahmann gegründet.

„Einzelkämpfer sind nicht gefragt“

Wie ist eigentlich das Klima in einer Hochschule voller Alphatiere?

Das Klima ist sehr familiär. Hier kennt jeder jeden. Einzelkämpfer sind nicht gefragt. Vieles wird in Gruppenarbeiten gemacht. Die Studierenden unterstützen sich dabei gegenseitig. Und dies ist ganz wichtig, denn wer heute erfolgreich sein will, muss ein Teamplayer sein. Nur gemeinsam kann man ein Unternehmen voranbringen. Diesen Teamgedanken vermittelte die HHL übrigens schon, als ich hier Student war.

Ein Studiensemester an der HHL kostet zwischen 5000 und 6000 Euro Gebühren.

Wir wollen aber nicht die reichsten, sondern die besten Studierenden. Neben einem umfangreichen Stipendienprogramm bietet die HHL als eine der wenigen Hochschulen in Deutschland auch Kredite für Studenten, die nicht aus der EU kommen – beispielsweise durch eine Zertifizierung beim Hochschulministerium der USA. Für EU-Bürger besteht diese Möglichkeit über eine Kooperation mit der Sparkasse Leipzig.

„Steigendes Interesse von Lateinamerikanern“

International leidet Sachsens Ruf unter Pegida und Co. Schreckt das potenzielle HHL-Studierende ab?

Natürlich beobachten wir das Thema auch sehr genau. Die HHL hält allerdings den Ruf des Freistaates als weltoffenes, lebenswertes und innovatives Land hoch. Denn diese drei Attribute standen schon immer für Sachsen und sind prägend für den Erfolg. Und ich bin überzeugt, dass das auch zukünftig so sein wird. Was unsere Studierenden angeht, so kommen viele auf Empfehlung. Wenn Absolventen oder internationale Mitarbeiter sagen: „Hier fühlt ihr euch wohl. Leipzig ist eine weltoffene Stadt und die HHL eine tolle Institution“, dann beruht das auf eigenen Erfahrungen und ist glaubwürdig. Diesen internationalen Charakter, den insbesondere Leipzig als Messestadt schon immer hatte, spiegelt auch unsere Hochschule wider. Aus mehr als 60 Ländern kommen unsere derzeit 680 Studierenden. Aktuell verzeichnen wir sogar ein steigendes Interesse von Lateinamerikanern, die nicht mehr so gern in den USA studieren. Zukünftig müssen wir aber auch schauen, wie sich der Brexit auf den Universitätsstandort Leipzig auswirken wird. Problematisch wird es dann, wenn Briten irgendwann nicht mehr ohne Weiteres in der Europäischen Union leben oder studieren dürfen.

Vor ein paar Jahren, während Sie in Minden die Kölling-Gruppe leiteten, stand die HHL in der
Kritik, als private Hochschule mit öffentlichem Geld querfinanziert
zu werden. Es ging unter anderem um ein zinsloses Darlehen des Freistaats in Höhe von 25 Millionen Mark aus dem Jahr 1994, das bis 2020 fällig ist. Wie weit sind Sie mit der Tilgung?

Das Darlehen, dass der HHL kurz nach der Wende gewährt wurde, ist gut angelegtes Geld für den Freistaat und wurde in Wahrheit schon mehrfach vollständig zurückgezahlt. Zum Beispiel durch geschaffene Arbeitsplätze, Unternehmensgründungen und -ansiedelungen, Steuern, Abgaben und nicht zuletzt durch das positive Image, das die HHL für Sachsen und Leipzig in der ganzen Welt verkörpert. Wir haben berechnet, dass die HHL jährlich eine positive Umwegrentabilität in Höhe des ursprünglich gewährten Darlehens für Leipzig und Sachsen erwirtschaftet. Darauf sind wir wirklich stolz.

Von Mathias Wöbking

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