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Bildung Nordkorea-Experte aus Leipzig im Interview und als Vortragsgast in der Heimat
Leipzig Bildung Nordkorea-Experte aus Leipzig im Interview und als Vortragsgast in der Heimat
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23:59 19.03.2015
Unser Interview-Partner: der Nordkorea-Fachmann Professor Rüdiger Frank. Quelle: pueblo
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Leipzig

Wie wird ein gebürtiger Leipziger zum  Nordkorea-Experten?

Ich habe mich schon zu DDR-Zeiten für ein Studium der Regionalwissenschaften entschieden und das nach der Wiedervereinigung dann an der Humboldt-Uni in Berlin auch durchgezogen. Allerdings nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, mit dem Fokus auf China, sondern auf Korea. Das Studium habe ich sinnvollerweise mit Volkswirtschaft und Internationalen Beziehungen kombiniert und konnte 1991 ein halbes Jahr erste Eindrücke in Nordkorea sammeln und die Sprache vor Ort lernen. 

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser ersten Reise nach Pjöngjang?

Ich bin am 7. Oktober 1991 dorthin geflogen, also witzigerweise an dem Tag, an dem die DDR ihren 42. Geburtstag gefeiert hätte. Den Sozialismus glaubte ich gut zu kennen, da ich nicht nur in der DDR aufgewachsen bin, sondern auch in der Sowjetunion, wo mein Vater als Atomphysiker gearbeitet hat. Aber der Sozialismus nordkoreanischer Prägung war ein ganz anderer. Es gab so gut wie keine Konsummöglichkeiten, drei verschiedene Inlandswährungen, meine D-Mark wollte keiner, die Leute sind weggelaufen, wenn ich mit ihnen sprechen wollte. Die Atmosphäre war enorm bedrückend. Im Kaufhaus Nummer 1 habe ich versucht, eine Kaffeetasse zu kaufen, von denen dort viele aufgestapelt waren. Aber ich bekam keine. Wie sich herausstellte, war die Tassenpyramide nur unverkäufliche Dekoration. Ich dachte damals, dass dieses Land bald zusammenbricht.

Wie oft konnten sie sich vor Ort ein Bild von Nordkorea machen?

Im Schnitt ein- bis zweimal pro Jahr bin ich dort, wobei es schon zweimal Probleme mit der Einreise gab. Meine Publikationen und Aussagen werden genau verfolgt und Kritik nicht gern gehört. Die Botschaft in Wien teilt mir das ab und an sehr deutlich mit. Der Titel meines Buches zum Beispiel hat ihnen überhaupt nicht gefallen. Allerdings honorieren die Nordkoreaner, dass ich bei aller Kritik fairer bleibe und nicht einseitig schwarz male.

Gemeinhin gilt das seit Langem vom Kim-Clan geführte Land als ein ideologisch gleichgeschaltetes, in dem Hungersnöte grassieren, Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, in dem atomar aufgerüstet und Südkorea als Feind angesehen wird. Ist der Herrschaftsbereich des neuen Führers Kim Jong-un damit hinlänglich beschrieben?

Die Beschreibung ist korrekt, aber bei Weitem nicht ausreichend. Die Gesellschaft hat sich in den letzten 15 Jahren wirtschaftlich und sozial enorm ausdifferenziert. Früher waren - bis auf einige wenige, die quasi unsichtbar waren - alle gleichermaßen arm. Jetzt hat sich eine Mittelschicht herausgebildet, die bereits etwa drei der 24 Millionen Menschen umfasst. Die sind deutlich anhand ihrer Kleidung, der Mobiltelefone, der Autos und ihrer Körpersprache zu erkennen. Sie setzen auf Bildung und oft auch eine Wirtschaftskarriere für ihre Kinder Konsumzugang gibt es inzwischen für alle, aber diese Schicht hat auch das Geld dazu. Es gibt nur noch eine Währung, das Land hat seinen Außenhandel innerhalb weniger Jahre verdreifacht und mittlerweile rund 20 Sonderwirtschaftszonen. Zwar besteht weiter das Nahrungsmittelproblem, aber eher dahingehend, dass die Ernährung zu einseitig ist. Das Medienbild Nordkoreas im Westen ist also unvollständig.

Unterscheidet sich der Führungsstil von Kim Jong-un von dem seiner Vorgänger?

Sehr wesentlich, speziell von dem seines Vaters. Der war öffentlichkeitsscheu, Kim Jong-un gibt sich hingegen leutselig, zeigt sich mit seiner Frau und knöpft sich öffentlich Beamte vor. Wobei da Kalkül nach der alten ostasiatischen Devise im Spiel ist – der Kaiser ist es nicht, sondern die unfähigen Beamten. Seine neue Ideologie hebt auf die parallele Entwicklung von Wirtschaft und Militär ab.

In ihrem Buch „Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates" bezeichnen Sie die Wirtschaft des Landes als einen ungeschliffenen Diamanten ....

Nordkorea ist kein Agrarland, rund 70 Prozent der Menschen sind in der Industrie beschäftigt und sehr gut ausgebildet. Es gibt ein enormes Reservoir an Bodenschätzen wie Kohle, Eisenerz, Seltene Erden, Gold und Magnesit. Was fehlt, sind moderne Förder- und Verarbeitungskapazitäten. Da liegt viel wirtschaftliches Potenzial, aber der vielleicht wichtigste Faktor ist die über 1000 Kilometer lange Landgrenze zu China, einer ökonomischen Weltmacht. All das verleitet mich manchmal zur gewagten Prognose, dass das Land irgendwann zum nächsten asiatischen Tiger werden könnte,

Gegenwärtig wird von nordkoreanischer Seite wieder vehement eine atomare Drohkulisse aufgebaut. Was halten Sie davon?

Jedes Frühjahr halten die Amerikaner und Südkoreaner große Militärmanöver an der Grenze zu Nordkorea ab, die als defensiv deklariert sind, was Pjöngjang anders sieht. Die Nordkoreaner fühlen sich bedroht. Weil sie bei den konventionellen Waffen nicht mithalten können, setzen sie die atomare Karte als Druckmittel ein, wobei Kim Jong-un den USA im Januar angeboten hatte, das Atomprogramm einzufrieren, wenn im Gegenzug die Manöver aufhören. Das haben die Amerikaner mit der Begründung, man lasse sich nicht erpressen, abgelehnt.

Sehen Sie eine Chance für die Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel?

Selbstverständlich. Dafür spricht der auf beiden Seiten herrschende koreanische Nationalismus als verbindendes ideologisches Element. Es gibt auch das gemeinsame Trauma der japanischen Kolonialzeit. Hinzu kommen objektive Faktoren – die Volkswirtschaften sind komplementär, im Süden ist das Knowhow und im Norden sind die billigen Arbeitskräfte und die Bodenschätze sowie der Zugang zu China. Klar ist auch: Zwei kleine Koreas haben es schwerer zwischen China und Japan als ein großes.

Vortrag von und Diskussion mit Rüdiger Frank: 23. März, 19 Uhr, Hotel Steigenberger. Eintritt 19 Euro. Karten im LVZ-Shop im Peterssteinweg, dem LVZ Media Store in den Höfen am Brühl und an der Abendkasse.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 20.03.2015

Interview: Mario Beck

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