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Bildung Planeten, Sterne, Galaxien – Leipziger geht auf Fotosafari durch Raum und Zeit
Leipzig Bildung Planeten, Sterne, Galaxien – Leipziger geht auf Fotosafari durch Raum und Zeit
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12:49 11.03.2018
Der Leipziger David Wemhöner frönt der Astrofotografie. Quelle: André Kempner / David Wemhöner
Leipzig

Wenn die Temperaturen in den Keller gehen, dann wird der Blick nach oben schärfer. Als Mann vom Fach kann David Wemhöner dieses Phänomen erklären. Seit 20 Jahren betreibt der Leipziger Astrofotografie und lichtet besonders gern ab, was dem normalen Auge am Firmament verborgen bleibt. Sein Motto: Unsichtbares sichtbar machen. Anders als im Sommer braucht seine in einem speziellen Gartenhäuschen installierte Kamera- und Computertechnik bei Frost kaum Kühlung. Und das sogenannte thermische Rauschen, durch das die Aufnahmen grobpixelig geraten können, wird bei Kälte minimiert.

Im Berufsleben verdient der 40-Jährige seine Brötchen als Fahrmaschinen-Bediener auf dem hoch technisierten Schnürboden des Opernhauses. In der Freizeit muss die Familie zuweilen auf ihn verzichten, wenn er nach der Dämmerung das Universum aufs Korn nimmt. Dazu wird das Rolldach auf dem Lauben-Observatorium zur Seite geschoben und so die Sicht für das in mehreren Achsen bewegliche Teleskop mit angeschlossener Canon 600 D frei. Das exakt kalibrierte Gesamtsystem wird per Software nach entsprechender Programmierung gesteuert, „die Kamera ist astro-modifiziert“, erklärt Wemhöner das Innenleben des guten, teuren Stücks. „Der Infrarot-Sperrfilter wurde entfernt, damit auch das Licht der schönen roten Wasserstoffnebel aus dem Universum eingefangen werden kann.“ Längst ist aus dem Amateur, ein Profi in punkto Himmelsfotografie geworden. 2009 zählte Wemhöner zu den Gründern des Leipziger Astro-Stammtisches, zwei speicherstarke Festplatten voll mit Rohbildern gehören jetzt unter anderem zu seinem Fundus.

Seit 20 Jahren betreibt David Wemhöner Astrofotografie und lichtet ab, was dem normalen Auge am Firmament verborgen bleibt.

Als der Komet Hale Bopp im Jahr 1997 mit seiner grandiosen Helligkeit für ein mehrmonatiges Naturschauspiel vom Feinsten sorgte, war das für Wemhöner quasi ein Wegweiser, sich hobbymäßig in die Astronomie zu vertiefen und fotografisch in die Weiten des Alls vorzudringen. Vorher kannte er nur einige der großen Sternbilder. „Meine erste große Anschaffung war ein Teleskop aus dem Kaufhaus, mit dem bin ich dann nachts losgezogen. Möglichst an Beobachtungsorte mit wenig Lichtsmog“, erzählt er. Nach und nach wurde beim Equipment aufgerüstet. Wer Faszinierendes in bester Qualität aufs Bild bannen will, muss auch finanziell investieren. Etwa in einen Refraktor mit apochromatischer Linse, also einem Beobachtungsinstrument, das eine farbreine Optik intus hat.

Wemhöner ist ständig am tüfteln, um extraterrestrische Objekte noch effektiver aufzuspüren und brillanter zu fotografieren. Kühler, die bei Langzeit-Aufnahmen die Chips nicht heißlaufen lassen, hat er zusammen mit einem Kollegen entworfen und gebaut. Die aktuelle Krönung seines erfinderischen Tatendranges firmiert unter MDK V6. Das Kürzel steht für Motordrehkopf in der sechsten Variante und kommt als eine in vielen Achsen bewegliche, elektromobile Kameraplattform daher. Wahlweise vorprogrammier- oder per Smartphone fernsteuerbar. Einsetzen lasse sich das Gefährt, sagt sein Schöpfer, für Zeitraffer-Aufnahmen und Panoramabilder ebenso wie für Videofahrten und die astrofotografische Nachführung. Dabei wandert die Kamera dem im Kosmos ihre Bahn ziehenden Zielobjekten hinterher – oft viele Stunden, manchmal tagelang mit festgelegtem Aufnahme-Rhythmus.

Wenn Wemhöner seiner Passion nachgeht, verschwimmen ohnehin Raum und Zeit. Astrofotografie hat etwas von einer Reise durch den Time-Tunnel bis hin zu Galaxien, die viele Millionen Lichtjahre entfernt sind. Mit seinem Refraktor – 115 Millimeter Objektiv und 800 Millimeter Brennweite – kann der Vater von zwei Kindern und einem dritten im Kommen nicht nur im hiesigen Sonnensystem und der Milchstraße auf Motivjagd gehen. Auch Deep-Sky-Objekte fängt er ein. Fantastisch funkelnde und teils bizarr geformte Sternennebel gehören dazu. Bei einer Tour in Neuseeland hat er festgestellt, dass dort das Firmament noch fulminanter in Erscheinung tritt, als auf der Nordhalbkugel. Generell würden Galaxien durch das Teleskop erstmal eher unspektakulär schwarz-weiß wirken. „Die fotografische Feinarbeit macht das Ganze dann zur Augenweide“.

Nicht nur im Makrokosmos ist Wemhöner unterwegs, auch mikroskopisch Kleines wie die Facettenaugen von Obstfliegen hält er fotografisch fest. Und seit einigen Monaten betreibt er gemeinsam mit Dorte Stünzner im Botanischen Garten der Leipziger Uni ein Projekt, bei dem Pflanzen in einer mit einigen Finessen versehenen Box unter ständiger Kamerabeobachtung heranwachsen. Etwa alle 20 Minuten wird ein Foto geschossen – heraus kommen Zeitraffer-Filme mit starker biologischer Bannkraft für den Betrachter.

Mario Beck

Workshop zur Astrofotografie am 12. April ab 18 Uhr in der Leipziger Volkshochschule; www.davidundsterne.de

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