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Rückblick: Das Tanzarchiv Leipzig könnte aufgelöst werden

Rückblick: Das Tanzarchiv Leipzig könnte aufgelöst werden

 

„Am Anfang war der Tanz und nicht das Wort.“ Dieser Satz von Rudolf von Laban, Pionier des modernen Ausdruckstanzes, steht sinnbildlich für das Tanzarchiv Leipzig.

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Prof. Dr. Patrick Primavesi, Professor am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, Direktor des Tanzarchives Leipzig e.V.

Quelle: Andreas Döring

Dessen Gründer Kurt Petermann fuhr in den 60ern mit einer Super-Acht-Kamera über die Lande,  nach Bulgarien und Ungarn.

Er filmte und fotografierte zum Beispiel den Altenburger Bauernmarkt, einer Zeit nachfühlend, in der Volks- und Bühnentanz sich noch nicht entfremdet hatten. Unzählige Aufnahmen von sich drehenden Menschen in Trachten beherbergt das Tanzarchiv, daneben auf Zelluloid gebannte Unterrichtsstunden von Gret Palucca. Es dokumentiert Bewegungsformen durch die Zeiten, vom Dorffest bis zur Operninszenierung.

Einzigartig: Beschäftigung mit der DDR-Tanzgeschichte

Es gibt in Deutschland nur eine weitere solche Einrichtung in Köln, Leipzig beschäftigt sich jedoch als einzige Institution mit DDR-Tanzgeschichte. In einem Archiv-Raum stapeln sich vielfarbige, frisch restaurierte Plakate, die Truppen heißen „Staatliches Dorfensemble der DDR“, „Musikkorps des Wachregiments beim MFS“, „Tanzgruppe des FDGB-Bezirksvorstandes“. Eine Schublade weiter die artifiziellen Originalplakate von Uwe-Scholz-Produktionen. Ein Ort voller Gegensätze. In jeder Ecke ein neuer Schatz: Ein Modell des „Ikosaeders“ etwa, mit dem von Laban seine Raum-Vorstellung verdeutlichte. Metallstreben mit farbigen Kugeln an den Enden bilden ein Gerüst, das mit seinen äußersten Punkten die Beziehung des Tänzers zum Kosmos darstellt. Laban ist nur einer der Choreographen-Stars, deren Nachlass das Tanzarchiv beherbergt. Im Magazin reihen sich große Namen aneinander: Uwe Scholz, Gret Palucca, Mary Wigman, Jenny Gertz.

 „Wenn man das alles in Kisten packt und wegschließt, ist es eigentlich verloren. Diese Schätze müssen auch für die Künstler zugänglich bleiben“, sagt Patrick Primavesi, ehrenamtlicher Direktor des Archivs und Leipziger Theaterwissenschaftler. Die zwei Etagen an der Ritterstraße umfassen auch einen gemütlichen Lesesaal, geschmückt mit Ballettkalendern und einen langen Flur, dessen Wände eine Ausstellung mit Zeichnungen und Zitaten von Laban ziert: „Tanz ist Leben“. Nebenan lagern zwischen Aufzeichnungen über das „Staatliche Folkloreensemble der DDR“ unheimliche Masken zu einer Choreographie von Jean Weidt aus dem Jahr 1931.

Das Schall-Archiv ein Fall für die Müllkippe?

Seit der Freistaat mit Jahresbeginn die bisherige Förderung für das Tanzarchiv von rund 300000 im Jahr eingestellt hat, ist die Zukunft ungewiss. Die Universität, der das Tanzarchiv seit Jahresbeginn angegliedert ist, hat die drei Mitarbeiterinnen übernommen und zahlt bis Ende August die Miete. Dann läuft der Mietvertrag aus, nach bisherigen Planungen soll ein Teil der Bestände in das Universitäts-Archiv übergehen. „Das wäre desaströs, es gäbe keine fachkundige Betreuung, und all die Schätze wären nur mehr Dokumente im Magazin“, sagt Primavesi. Zudem sei das Uni-Archiv nur an vor 1992 erworbenem Material interessiert, das mache aber nur ein Drittel des Bestandes aus. „So würden zum Teil sogar einzelne Nachlassbestände auseinandergerissen. Der Vorteil unseres Archiv ist, dass hier alles gebündelt ist.“ Im Falle einer Auflösung würden ganze nicht-schriftliche Sammlungen, wie das „Schall-Archiv“, wohl auf der Müllkippe landen. Es beherbergt Schallplatten vom „Tiroler Holzhackerbuam“ über russische Ballettmusik bis zu den Beatles. „Sie liebt mich“ hat jemand in leicht fehlerhafter Übersetzung mit der Hand auf die Rückseite der Plattenhülle geschrieben.

Um Petermanns Erbe zumindest teilweise zu bewahren, bemüht sich Primavesi beim Land um eine Übergangsfinanzierung für ein Jahr, um etwa die Nachlässe erschließen zu können. „Es muss aber noch einen besseren Weg geben“, sagt der Wissenschaftler. „Der Freistaat kann der Universität nicht einfach das Archiv überlassen und sich aus der Verantwortung stehlen. So geht man nicht mit Kulturgut um.“ Von den laufenden Kosten von bislang rund 130000 Euro jährlich kann die Universität nur 10000 Euro aufbringen. Deshalb müssen voraussichtlich Fachzeitschriften-Abos gekündigt, Restaurierungsarbeiten wie die Ent-säuerung von Papier und die Digitalisierung von Fotos und Filmen eingeschränkt werden.

Leipzig als Treffpunkt für Choreographen und Wissenschaftler

Und auch weitergehende Aktionen sind gefährdet: „Wir sind nicht nur Verwalter von Dokumenten, wir sind ein lebendiges Archiv, das Publikationen herausbringt, die Vortragsreihe  Tanzarchiv-Labor und Festivals wie das Play! organisiert. Der komplette Forschungszweig wird wegfallen, wenn nichts geschieht“, sagt Primavesi. Damit verlöre die Wissenschaft zum Beispiel so philosophische Betrachtungen, wie Janine Schulze sie im Vorwort von „Zur Archivierbarkeit von Tanz“ aufstellt: „Sich dem Tanzarchiv zu verschreiben, bedeutet sich der Archivierung einer Kunstform zu widmen, die gemeinhin in ihrer Flüchtigkeit betont wird und somit als schwierig bis gar nicht dokumentierbar gilt. (... Aber) Tanz-Archive und das durch sie verfügbar gemachte Sammelgut befinden sich durch die Nutzung in ständiger Bewegung.“

Laut Primavesi sorge die drohende Schließung des Archivs selbst beim Pariser Centre Pompidou für Kopfschütteln, mit dem man für eine Ausstellung zusammenarbeite. Der kulturpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke in Dresden, Volker Külow, setzt sich in einer Kleinen Anfrage an den Sächsischen Landtag für die Institution ein. Und auch Mario Schröder, Chef des Leipziger Balletts, ist entsetzt: „Das Tanzarchiv macht Leipzig zum Treffpunkt für Choreographen und Wissenschaftler.“ Eine Aufgabe bezeichnet er als „Wahnsinn, als kulturellen Verlust, dessen Ausmaß sich kaum absehen lässt.“ Angesichts dessen sei die fehlende Geldsumme lächerlich gering. Schröder forderte Stadt und Land auf, das Tanzarchiv zu erhalten. „All das angesammelte Wissen muss zugänglich bleiben.“ Bei einer hochwertigen Gemäldesammlung käme ja auch kaum einer auf die Idee, die einzelnen Werke einfach zu verstreuen.

Leipziger Volkszeitung, 7. April 2011

Nina May

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