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Schallarchiv an der Universität Leipzig - Gotteslob mit Beat und Punk

Schallarchiv an der Universität Leipzig - Gotteslob mit Beat und Punk

Kirchenklassiker wie Bach und Mendelssohn finden sich hier nicht. Dafür 45.000 Titel aus Genres der populären Musik auf Langspielplatten, Kassetten und CDs. In den Räumen der Universität Leipzig befindet sich seit Oktober vorigen Jahres das Schallarchiv.

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Mehr als 5000 Tonträger mit christlicher Popmusik umgeben Stefan Körner im Schallarchiv der Universität Leipzig.

Quelle: Dorothee Soboll

Leipzig. Das Material steht Wissenschaftlern für ihre Forschung zur Verfügung - ab 2014 jedoch als Archiv ohne Archivar.

Im Schallarchiv trifft christliche Beatmusik auf Metal und Schlager auf Dance-Pop. Tonträger all dieser Musikrichtungen befinden sich seit zehn Monaten im liturgiewissenschaftlichen Institut der Universität. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands hatte das Institut 1993 gegründet.

Herr über das Schallarchiv ist Stefan Körner, 31 Jahre alt und diplomierter Theologe. Er hat sich schon in seiner Studienzeit mit Musik befasst und seine Abschlussarbeit über die Bibelrezeption im Werk Bob Dylans geschrieben. Dieses Thema greift er nun in seiner Dissertation wieder auf. Zu dem Job als Archivar kam Körner eher zufällig.

Bevor das Schallarchiv nach Leipzig kam, hatte es eine gut 20-jährige Odyssee hinter sich. Anfangs war es in Löptin bei Kiel untergebracht. Doch weil sich kaum jemand für die privaten Sammlungen und Spenden des evangelischen Rundfunks interessierte, holte es der Vorsitzende des Bundesverbandes Kulturarbeit in der evangelischen Jugend, Thomas Feist, 2003 an die Pleiße.

Weil der CDU-Bundestagsabgeordnete wenig Zeit fand, sich um einen Ort für die Sammlung zu kümmern, ruhte diese fast zehn Jahre lang in seinem Keller. Als Feist während einer Zugfahrt den Dekan der theologischen Fakultät, Professor Klaus Fitschen, traf, bot er ihm die Sammlung an. Die beiden beschlossen, dem Archiv einen neuen Platz zu geben. Fitschen ist mit der Ansiedlung an der theologischen Fakultät sehr zufrieden, "da der Bestand hier interessierten Forschern problemlos offen steht."

Nur 20 Quadratmeter groß ist der Raum des Schallarchivs. Die Tonträger stapeln sich bis unter die Decke. Stefan Körner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am liturgiewissenschaftlichen Institut, hat den Umzug der Sammlung mit organisiert: "Manchen Platten sah man nicht nur an, dass sie länger im Keller lagerten, sie rochen auch so." Er sichtet nun den Bestand und baut eine Datenbank auf.

Körner hat viel zu tun, da er sich parallel seiner Dissertation widmet. Doch die beiden Projekte passen thematisch zusammen. Denn Körner untersucht, ob und was ein Pastor für seine Predigt von der Musik Bob Dylans lernen kann. Dessen Platten finden sich auch hier im Regal -- neben vielen anderen.

Die Sammlung von mehr als 2 000 Schallplatten, 1 500 Musikkassetten und ebenso vielen CDs umfasst ein halbes Jahrhundert Musik aus allen Genres. Auf einer Platte ist zum Beispiel zu hören, wie der Stammbaum Jesu vorgelesen wird -- unterlegt mit dumpfer Elektro-Musik. Auch das kann christliche Popularmusik sein. Ebenso wie psychedelische Musik, Rock oder Schlager. Ob Profimusiker oder unbekannte Künstler, sie alle haben eines gemeinsam: den Wunsch, ihrem Glauben über die Musik Ausdruck zu verleihen. "Bei manchen Musikern geht die Leidenschaft schon mal übers Können", meint Körner augenzwinkernd.

Mitnehmen können Nutzer die Tonträger nicht, die Sammlung ist ein reiner Präsenzbestand. Im Archiv stehen Abspielgeräte für die Materialien, die auch schon Michael Rauhut verwendet hat. Er ist Professor für populäre Musik und zugleich ein Kenner der DDR-Musikszene. "Ich brauche Teile aus dem Bestand für einen Dokumentarfilm und einen Hörfunkbeitrag. Zudem interessiere ich mich für die Jazz-Gottesdienste der frühen 1950er Jahre, das Wendejahr 1989 und die Kontakte der Christen in die Punk-Szene", meint Rauhut.

Körner würde sich nach seiner Promotion auch gerne mit den Materialien aus der DDR beschäftigen. Die Existenz des Schallarchivs spricht sich langsam herum, nach und nach treffen weitere Tonträger aus DDR-Zeiten ein.

"Die Menschen wissen meist gar nicht, welche Schätze auf ihrem Dachboden liegen", so Körner. Da gebe es noch viel Material für das Archiv. Doch wie lange Körner noch für das Archiv verantwortlich sein wird, ist unklar. Seine Stelle, die von Beginn an auf ein Jahr befristet war, finanziert die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands.

"Das Schallarchiv ist für uns ein sehr wichtiges und förderungswürdiges Projekt", so Christine Jahn. Sie ist Oberkirchenrätin und zuständig für das liturgiewissenschaftliche Institut. Die Kirche hat für den Umzug und die Sicherung des Bestandes Finanzmittel in Höhe von 18 000 Euro zur Verfügung gestellt.

Ab 2014 soll das Schallarchiv als Teil der Bibliothek des Institutes weiterhin zugänglich sein - nur ohne Archivar. Bis dahin sitzt Stefan Körner drei Tage die Woche an seinem kleinen Schreibtisch und arbeitet sich durch ein halbes Jahrhundert Kirchengeschichte. Während er die Stücke in die neue Datenbank einpflegt, legt er manchmal eine der vielen Platten auf und dreht die Lautstärke hoch. Solange es noch geht.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 22.08.2013

Dorothee Soboll

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