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Bildung Schulpflicht für Flüchtlingskinder – DaZ-Klassen künftig auch in drei Leipziger Gymnasien
Leipzig Bildung Schulpflicht für Flüchtlingskinder – DaZ-Klassen künftig auch in drei Leipziger Gymnasien
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00:18 25.01.2016
Die DaZ-Klasse in der 100. Grundschule, Miltitzer Allee. Anfang September 2015 hat Kultusministerin Brunhild Kurth sie besucht. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Nach den Winterferien wird es auch am Reclam- und am Brockhaus- sowie am Gustav-Hertz-Gymnasium zusätzliche Klassen für junge Ausländer geben, die Deutsch als Zweitsprache (DaZ) lernen. Damit wird auf den Zustrom von Flüchtlingskindern reagiert, die – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus – wie Deutsche eine Schulpflicht haben. Hält die Zuwanderung an, wird es wohl perspektivisch in jeder Leipziger Schule solche DaZ-Klassen geben. Derzeit existieren diese an 16 Leipziger Grundschulen mit 529 Kindern, an 16 Oberschulen mit 486 Kindern und Jugendlichen sowie an 7 Berufsschulzentren mit 336 jungen Menschen. Tendenz steigend, da etliche Schulzuweisungen noch laufen – etwa in der Flüchtlingsunterkunft am Deutschen Platz.

Doch gibt es dafür genügend Lehrer? „Seit Beginn des Schuljahres haben wir permanent Einstellungen vorgenommen“, sagte Ralf Berger, Leiter der Bildungsagentur Leipzig, auf einem Forum, zu dem die Arbeitskreise Gymnasien und Grundschulen des Stadtelternrates Leipzig eingeladen hatte. Ab 1. Februar kommen im Schulamtsbezirk 200 Lehrer hinzu – ein Großteil auch als Deutschlehrer für Ausländer, die wenig und kein Deutsch können. Das sind nicht nur Asylbewerber. In DaZ-Klassen lernen auch junge Leute aus aller Herren Länder, deren Eltern als Wissenschaftler oder Fachkräfte an Universitäten oder in Firmen arbeiten. Ihre Voraussetzungen sind unterschiedlich. Es sind 15-Jährige dabei, die durch die Flucht nur ein Jahr auf einer Schule waren. Aber auch Analphabeten sowie Achtjährige, die perfekt Englisch und Französisch sprechen. Die Lehrer sind oft Quereinsteiger, haben vorher beispielsweise am Goethe-Institut oder anderswo gearbeitet. Berger: „Wir achten auf die pädagogische Qualifikation, wollen den Lehrerberuf keineswegs entwerten und bieten auch berufsbegleitende Qualifizierungen an.“

Viele Eltern befürchten, dass die Stadt Leipzig nicht genügend Unterrichtsräume bereitstellen kann. „Die Gymnasien sind rappelvoll. Jedes Jahr müssen Schulen Kinder in Losverfahren ablehnen, weil die Plätze nicht reichen“, so Elternsprecher Rainer Müller vom Johannes Kepler-Gymnasium. Roman Schulz, Sprecher der Bildungsagentur: „Bislang haben wir es immer geschafft, jedes Kind in einer Schule unterzubringen.“ Dass Unterrichtsräume nicht reichen, sei aber nicht allein dem Flüchtlingszuwachs geschuldet. Schulbürgermeister Thomas Fabian (SPD) will Engpässe mit Raumsystemen überbrücken. So werden bis zum Sommer 2016 für 2,6 Millionen Euro Container gekauft, die an die Georg-Schumann-Oberschule, die Schulen Portitz und Paunsdorf sowie die 84. Oberschule angedockt werden. Parallel entstehen zusätzliche Schulen. Eltern bezweifeln dennoch, dass die Anstrengungen ausreichen.

Vorgeschlagen wurde, eine leere Schule – in der Paunsdorfer Hainbuchenstraße – als DaZ-Schule auszubauen. Die jedoch will die Stadt als Flüchtlingsunterkunft nutzen (die LVZ berichtete). „Eine DaZ-Schule ist nicht in Sinne der Integration“, sagte Schulz und bekam dies von Franziska Horn bestätigt, Leiterin der 100. Grundschule. Sie hat jahrelange Erfahrungen mit Flüchtlingskindern, die im benachbarten Domizil Liliensteinstraße leben. „Es ist eine Herzenangelegenheit, die Schüler aufzunehmen und ihnen einen regelmäßigen Alltag zu ermöglichen. Wir sind eine bunte Schule“. Gänzlich problemlos funktioniert dies freilich nicht. Vor allem für Lehrer ist die Situation oft schwierig, weil sich die Zusammensetzung von Klassen im Wochen-Rhythmus ändern kann. Oder den Vätern per Dolmetscher erklärt werden muss, dass eine Ohrfeige kein Erziehungsmittel ist, ihre Frauen mit zu Elterngesprächen kommen sollen. Natürlich stoßen auch Schulsozialarbeiter an Grenzen, da sie nicht diejenigen sein können, die traumatische Erlebnisse der Kinder aufarbeiten können. Da gebe es im Schulsystem viele offene Baustellen. Eltern wollen helfen, etwa beim Besorgen von Arbeitsmaterialien. Lehrer sind zwar „organisierte Messis“, wie Schulleiterin Horn salopp formulierte. Alles können sie aber auch nicht lösen.

Von Mathias Orbeck

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