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Sitzenbleiber: Rote Laterne für Leipzig, Jena gilt als Streberstadt

Bildungsstudie Sitzenbleiber: Rote Laterne für Leipzig, Jena gilt als Streberstadt

Wo Deutschlands Sitzenbleiber-Hochburgen sind und in welchen Schularten es die meisten Wiederholer gibt, hat ein Verbraucherportal am Donnerstag erstmals in einer bundesweiten Studie veröffentlicht.

Schüler in ihrem Klassenzimmer (Symbolbild)

Quelle: dpa

Leipzig/Dresden. Seit dem Ende der Sommerferien sind die meisten der knapp 600.000 Schüler in Sachsen und Thüringen eine Klassenstufe weiter. Andere kauen den Schulstoff noch mal auf einer „Ehrenrunde“ durch. Allein in den neun größten Städten Sachsens und Thüringens wiederholen 2400 Schülerinnen und Schüler ein Schuljahr, sei es auf Anraten der Lehrer oder auf eigenen Wunsch. Wo Deutschlands Sitzenbleiber-Hochburgen sind und in welchen Schularten es die meisten Wiederholer gibt, hat das Verbraucherportal billiger.de am Donnerstag erstmals in einer bundesweiten Studie veröffentlicht. „Untersucht wurde das Schuljahr 2014/15 in den 122 größten und wichtigsten Städten, die meist über 100.000 Einwohner haben“, erklärte Markus Plaul vom Studienteam, das zahlreiche Quellen bemühte – darunter Kultusministerien und deren Schul- und Kommunalbehörden sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Einige Schulen seien auch direkt angefragt worden.

Leipzig ist bei Sitzenbleibern in Mitteldeutschland traurige Spitze

Deutschlandweit unterscheiden sich die ermittelten Sitzenbleiber-Quoten erheblich. So blieben in den bayerischen Städten teilweise viermal mehr Schüler sitzen als etwa in Aalen oder Flensburg. In Sachsen und Thüringen wird noch ein anderes Phänomen deutlich: „In den Grundschulklassen müssen erheblich mehr Kinder eine Klassenstufe erneut durchlaufen als an weiterführenden Schulen“, betont Plaul. Von der ersten bis zur vierten Klasse erwies sich Leipzig mit 340 Klassenwiederholungen als unangefochtene mitteldeutsche Sitzenbleiber-Hochburg. Mit beachtlichen 258 Prozent über dem Durchschnitt rangiert die Messestadt bundesweit auf dem vierten Platz – nach Pirmasens, Ludwigshafen und Bremerhaven. Aber auch Chemnitz liegt mit 115 zurückgestellten Grundschülern noch deutlich über dem Schnitt (199 Prozent), gefolgt von Zwickau (40/182 Prozent) und Görlitz (19/113 Prozent).

An Sachsens Oberschulen und Thüringens Gesamtschulen erreichen schon deutlich mehr Mädchen und Jungen das Klassenziel. Und bei Gymnasiasten zählen Dresden mit 148, Leipzig mit 200 und Erfurt mit 60 Nichtversetzten laut Studie schon zu den auffälligsten „Streberstädten“ in Deutschland. „Während unsere Gymnasien von einer vergleichbar homogenen Schülerschaft besucht werden, sind die Unterschiede in der Leistungsbereitschaft und -fähigkeit unter Grundschülern und Oberschülern ungleich größer“, erklärte Dirk Reelfs vom Sächsischen Kultusministerium.

Hochrechnung: Sitzenbleiben kostet 1,8 Milliarden Euro - jedes Jahr

„Dieses Herangehen zeugt von einem gesunden Bildungssystem“, lobt Konstantin Korosides. Der Sprecher des Verbraucherportals billiger.de hält es für „vernünftiger, Schüler bereits in den unteren Klassenstufen zu fördern, damit sie in späteren Jahren besser abschneiden“. Denn Sitzenbleiben sei längst nicht mehr nur eine Frage des fehlenden Wissens und Könnens. „Jeder Sitzenbleiber kostet auch Geld“, betont Korosides. Ein Schuljahr zu wiederholen, kostet der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge 34.000 Euro im Jahr. Für die berücksichtigten 122 Städte wären das hochgerechnet 1,8 Milliarden Euro pro Schuljahr.
Coburger Schüler bleiben am häufigsten sitzen. Mit 224 Nichtversetzten sichert sich die Stadt in Oberfranken den unrühmlichen ersten Platz bundesweit. Knapp dahinter rangiert Fürth, gefolgt von Hof. Dagegen haben die Großstädte Hamburg und Berlin in etlichen Schularten Sitzenbleiber ganz abgeschafft. „Jeden Schüler durchzuziehen, egal wie die schulischen Leistungen sind, ist ein Fehler“, kritisiert Korosides. Das fördere Mittelmaß und schöne nur die Statistiken der Landesregierungen. „Das Problem wird auf die Berufsausbildung oder aufs Studium verlagert.“

Klassenprimus der Studie ist Aalen in Baden-Württemberg. Dort blieb im Schuljahr 2014/15 über die vier untersuchten Schularten hinweg nur etwa jeder Hundertste sitzen. Aber auch Jena, Suhl und Dresden gehörten insgesamt zu den Streber-Städten. Im Studien-Schnitt blieben im Schuljahr 2014/15 etwa 20 von 1000 Schülern sitzen.
Ob die Studie wissenschaftlichen Standards standhalte, lasse sich nicht eindeutig feststellen, hieß es aus dem Kultusministerium in Dresden. Auch das Thüringer Bildungsministerium will sich die Studie „genau anschauen und prüfen, welche Indikatoren hier verwendet wurden“, sagte ein Sprecher. Die Ergebnisse sollen mit den eigenen Erkenntnissen abgeglichen werden.

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