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Stirbt das einzigartige Konzept der Nachbarschaftsschule in Leipzig-Lindenau?

Stirbt das einzigartige Konzept der Nachbarschaftsschule in Leipzig-Lindenau?

Lautstark beginnt der zweite Unterrichtstag an der Nachbarschaftsschule in Lindenau. Das Trillerpfeifen-Konzert und das schrille Dröhnen der Rasseln sind weit über die Gemeindeamtsstraße hinaus zu hören.

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Sehen mit Sorge die Entwicklungen an der Nachbarschaftsschule: Eltern und Schüler protestieren gegen eine Aushöhlung des einzigartigen Schulkonzepts.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Auf Plakaten machen mehr als 100 Eltern und Schüler ihrem Unmut Luft. Sie sprechen vom "schrittweisen Verfall der gelebten Ideale der Schule". Die Bildungsagentur spricht von einer Anpassung, von einer Modernisierung des Schulkonzeptes.

Ohne Abstimmung mit der Schulkonferenz habe die Direktorin die traditionelle Kennlern-Projektwoche zum Schuljahresbeginn gestrichen, ebenso Klassenratsstunden und Morgenkreise. Dabei war die "Nasch" - wie die Nachbarschaftsschule von Schülern, Eltern und Lehrern nur genannt wird - als Alternative zu den üblichen Schulmodellen gegründet worden. Hier duzen sich Schüler und Lehrer. Die Klassen sind nach Tiernamen benannt - nach Kolibris, Sauriern, Käfern, Fröschen oder Pinguinen.

"Nasch" stand lange Zeit für ein Klima der Offenheit, für Demokratie, Transparenz und Partizipation. Kleine Klassen mit 22 Mädchen und Jungen ermöglichten die Umsetzung eines reformpädagogischen Bildungsplanes, waren die ideale Voraussetzung für individuelles Fördern und selbstständiges Lernen. Jetzt wurden die Klassen auf bis zu 28 Schüler aufgestockt - wie anderswo auch, weil es in Leipzig nicht genug Schulen und Lehrer gibt. "Wenn das so weiter geht", befürchtet Petra Lippold- Kropp (48) vom Schulförderverein, "steht hier in fünf Jahren nur noch draußen Nachbarschaftsschule dran."

Notendruck erst ab der 7. Klasse

Susann Struppert war mal sehr stolz auf diese Schule. "Wir haben unsere Kinder an der ,Nasch', weil wir sie für die geeignetste Schule halten", sagt die 38-Jährige. "Weil die Kinder hier zehn Jahre gemeinsam lernen können, weil sie hier das Lernen lernen, weil es erst ab der 7. Klasse Notendruck gibt, weil das Schuljahr mit einer fünftägigen gemeinsamen Projektwoche beginnt, weil es Morgenkreise und Klassenratsstunden gibt, weil die Menschen an dieser Schule miteinander kommunizieren, weil es Frontalunterricht bis Klasse 7 nicht geben soll und weil wir als Elternteil die Möglichkeit haben mitzugestalten und uns einzubringen." Doch all das sehen viele Eltern in Gefahr.

Strupperts Sohn hat gerade die 10. Klasse mit Auszeichnung beendet. Doch so gute Abschlüsse zu erreichen, räumt Bettina Heckman (44) vom Stadtelternrat ein, werde durch die schleichende Aufweichung des "Nasch"-Konzeptes von Jahr zu Jahr schwieriger. Lippold-Kropp hat daher schon eines ihrer drei Kinder von der Schule genommen.

Mit der Schulleiterin, die vor drei Jahren eingesetzt wurde, sei kein Konsens zu erreichen. Auch gestern stellte sie sich nicht den Fragen der Protestler. "Wir reden aneinander vorbei", stellt Heckmann fest. Die Gemeinschaftsschule wird im Rahmen eines so genannten Schulversuches noch bis 2017 durch den Freistaat Sachsen finanziert. Wie es danach weitergeht, ist ungewiss.

"Die ,Nasch' ist ein Kind der friedlichen Revolution, das wir alle schätzen", sagt Roman Schulz von der Bildungsagentur. "Wir legen keine Säge an das Konzept an. Es ist weder beabsichtigt, das reformpädagogische Konzept zu sabotieren, noch wird die ,Nasch' 2017 geschlossen." Als staatliche Schule könne sie aber nicht anders behandelt werden als alle anderen Bildungseinrichtungen auch, so Schulz. "Ein, zwei, drei Schüler mehr in der Klasse führen auch nicht zum Absterben des Schulkonzeptes."

Stichwort: Nachbarschaftsschule

Vor 25 Jahren nahm eine Idee ihren Lauf: Lehrer, Eltern und Erzieher machten sich im Sommer 1989 innerhalb der Bürgerbewegung Neues Forum Gedanken über alternative Schulformen. Sie gründeten die Initiative Nachbarschaftsschule Leipzig, die das Konzept einer staatlich reformpädagogisch orientierten Gemeinschaftsschule entwickelte - unter anderem nach dem Vorbild der Freinet- und Montessori-Pädagogik.

1991 erteilte das Kultusministerium seine Zustimmung und so konnte das Bildungshaus in der Gemeindeamtsstraße in Lindenau im August 1991 mit 86 Kindern und acht Lehrern starten. Mittlerweile werden dort 500 Schüler in den Klassen 1 bis 10 von 40 Lehrern unterrichtet. Zu den Besonderheiten der Schule gehören jahrgangsübergreifender Unterricht in den Stufen 1 bis 3 sowie der Verzicht auf Schulnoten bis einschließlich Klassenstufe 6. Die Jugendlichen können einen Haupt- oder Realschulabschluss erwerben oder nach der 10. Klasse ans Gymnasium wechseln.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 03.09.2014

Klaus Staeubert

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