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Bildung Trainingslager für künstliche Intelligenz
Leipzig Bildung Trainingslager für künstliche Intelligenz
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06:18 20.12.2018
Forschungsleiter Stefan Bordag, 40, und Geschäftsführer Nicola Pizzoni, 59. Quelle: André Kempner
Leipzig

„I Want To Believe“ – das Plakat, das man aus dem Büro von „Akte X“-Agent Fox Mulder kennt, hängt auch hier über einem der Schreibtische. Gegenüber klebt ein Poster mit all den Raumschiffen, die es niemals aus der Erdatmosphäre heraus geschafft haben. Vom Star-Wars-Todesstern über die Enterprise bis hin zu Captain Futures Gefährt „Comet“ und noch viele, viele mehr.

Ja, richtig, es handelt sich um den Arbeitsplatz von IT-Spezialisten. Zwar befassen sie sich beruflich weder mit Mulders Frage nach außerirdischen Besuchern, noch zieht es sie selbst ins Weltall. Doch auch ihr Projekt erschien wie Science Fiction, als seinerzeit FBI-Agentin Scully, Luke Skywalker, Captain Picard und Kollegen auf Kinoleinwänden und TV-Schirmen flimmerten.

Künstliche Intelligenz (KI) ist das Geschäftsfeld der Software-Firma ExB. Das Unternehmen baut in Leipzig momentan seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung massiv aus. In Sichtweite zum Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, wo das Zusammenspiel menschlicher Gehirnnervenzellen untersucht wird, werkeln bei ExB rund 40 Mitarbeiter an künstlichen neuronalen Netzen. Dem stehen etwa zehn Kollegen am Stammsitz in München gegenüber, die sich dort in erster Linie um kaufmännische und strategische Fragen, um die Vermarktung sowie die Gestaltung der Bedienoberfläche der ExB-Lösungen kümmern.

„Next Word Prediction“ – die Erfindung des Firmengründers

Bis Ende 2019 will das Unternehmen zehn Millionen Euro investieren und die Personalzahl in Leipzig verdoppeln. „Das akademische Umfeld, die Infrastruktur, die Mietpreise – Leipzig ist perfekt für uns“, schwärmt Geschäftsführer Nicola Pizzoni, 59. Die Stadt beherbergt nicht nur die Universität mit einer Fakultät für Mathematik und Informatik, sondern auch die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur sowie das Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften, wo überall an KI geforscht wird. „Wir setzen darauf, dass wir hier die Talente finden und von uns begeistern können, die wir brauchen.“ Überdies sind in Leipzig zwei Branchen stark, in denen ExB bereits aktiv ist: die Automobilindustrie und das Versicherungswesen. Das Unternehmen will in dem Bürogebäude im Seeburgviertel bald zwei weitere Stockwerke mieten.

In den ersten Jahren hatte ExB nur einen festen Mitarbeiter: den Computerlinguisten und promovierten klinischen Psychologen Ramin Assadollahi, Jahrgang 1973. Eine seiner Erfindungen verkaufte er 2010 samt Patenten an den Mobiltelefonhersteller Nokia. Die „Next Word Prediction“ dürfte mittlerweile in jedem Smartphone egal welches Produzenten stecken; die Technologie schlägt vor, welches Wort ein Benutzer als nächstes ins Display tippen will. Schon damals arbeitete der ExB-Gründer und Geschäftsführer mit Fachleuten aus Leipzig zusammen: mit dem Unternehmen „Falk Rehwagen Software Development“, das damals für den Aufbau verantwortlich zeichnete und nach dem Zusammenschluss mit ExB die gesamte Software-Entwicklung übernahm.

Zwar ist streng geheim, wie viel Nokia bezahlte. Doch das Geld reichte jedenfalls, um ExB auf breitere Füße zu stellen. Die Firma ist heute auf die Herstellung von Software-Plattformen spezialisiert, die branchenübergreifend funktionieren – und eigenständig lernen: ExB steht für „External Brain“, äußeres Gehirn. Bosch, Audi und der Springer-Wissenschaftsverlag gehören zu den Kunden.

Ein selbstlernendes System ist wie ein Kind

Stefan Bordag, 40-jähriger Informatik-Absolvent der Uni Leipzig, leitet die Forschungsabteilung. Im Bereich automatischer Sprachverarbeitung hat er für seine Promotion an unüberwachten Lernalgorithmen geforscht. Künstliche neuronale Netze haben in der KI-Wissenschaft die zuvor dominanten „Expertensysteme“ weitgehend abgelöst. Es handelt sich um den Versuch, Maschinen das eigenständige Lernen mit Hilfe von Datengeflechten zu ermöglichen, die sich aus mehreren nacheinander geschalteten Schichten mathematischer Gleichungen und Funktionen zusammensetzen.

Bordag vergleicht ein selbstlernendes System mit einem Kind: „Zuerst hört es zu und ahmt nach. Bald sucht es selbstständig Lösungen. Und wie die Eltern beim Kind bestätigen oder korrigieren wir die Maschine.“ Die Künstliche Intelligenz wird einem ausdauernden Training unterworfen. „Wir wollen unseren Kunden eine Plattform anbieten, die Probleme so akkurat wie möglich alleine löst“, sagt Bordag.

„Cognitive Workbench“ heißt die Software, die sie dafür entwickelt haben, „kognitiver Arbeitsplatz“. Ein und dasselbe Programm lernt gerade, für eine Versicherung in Routine-Fällen die Schadensregulierung zu übernehmen und für einen Automobilkonzern die Fehleranalyse effizienter zu machen. „Aufgaben, für die der Mensch überqualifiziert ist, für die er aber bislang trotzdem viel Zeit aufwenden muss“, erklärt Bordag.

Die Trainer schulen die Künstliche Intelligenz zum Beispiel darin, wo sie in einem Versicherungsschreiben das Datum findet. Und sie bringen ihr bei, dass dasselbe gemeint ist, wenn der eine Kfz-Mechaniker im Prüfbericht über ein „Klappern“ und der andere über ein „Klopfen“ schreibt. Je mehr Daten die Maschine futtert, desto besser erkennt sie alleine Gesetzmäßigkeiten, Ähnlichkeiten und zieht eigenständig Rückschlüsse. Allmählich soll sich so eine Fertigkeit entwickeln, die mit der menschlichen Intuition vergleichbar ist. „Die Entscheidungen der Maschine müssen aber nachvollziehbar bleiben“, betont Bordag. Das sieht auch Geschäftsführer Pizzoni so: „Verantwortlich bleibt immer der Mensch.“

Verantwortliches Handeln wollen sie bei ExB nicht nur in der digitalen, sondern auch in der analogen Welt leben. „Familienfreundlichkeit ist uns enorm wichtig“, sagt Bordag. „Keiner wird schief angeguckt, wenn sein Kind krank ist und er vielleicht am Mittwoch schon zum dritten Mal in einer Woche früh weg muss.“ Die Geschäftssprache ist Englisch. Ukrainer arbeiten hier mit Russen zusammen, Israelis mit Syrern und Türken, außerdem Brasilianer, Inder, Spanier, Italiener und mehr. „Von der Internationalität profitieren wir ungemein“, findet Bordag. „Aus jeder Kultur kommen andere frische Ideen zur Lösung konkreter Probleme.“ Nur eine Kompetenz fehlt ExB weitgehend: Frauen sind in der Minderzahl. „Es bewerben sich einfach kaum welche“, klagt er.

Vielleicht ändert sich das mit den geplanten Neueinstellungen. Nach Pizzonis Ansicht sind dem Wachstum kaum Grenzen gesetzt: „Die Technologie ist auf alle Industriezweige übertragbar. Unser Prototyp fährt und crasht nicht mehr, jetzt gehen wir in die Serienproduktion.“ Dennoch wolle man kontrolliert größer werden. Ende 2019 sollen es 80 Mitarbeiter sein, in vier Jahren etwa 170, schätzt er. „Wir bleiben mit beiden Beinen auf dem Boden.“ Pläne für fliegende Untertassen – wie die auf dem Poster – liegen nicht in der Schublade.

Von Mathias Wöbking

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