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Bildung Uni-Rektorin: Zu Leipzig passt keine sinkende Studentenzahl
Leipzig Bildung Uni-Rektorin: Zu Leipzig passt keine sinkende Studentenzahl
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00:19 05.06.2017
Beate Schücking (61) leitet die Uni seit 2011 und wurde im Januar 2017 wieder für fünf Jahre zur Rektorin gewählt. Die Medizinprofessorin will sich auch für einen Neubau auf dem Leuschnerplatz für die Uni-Geisteswissenschaften einsetzen. Quelle: Andrè Kempner
Leipzig

LVZ: An der HTWK Leipzig wurde gerade eine größere Strukturreform angeschoben, ist an der Universität die Zahl von 14 Fakultäten in Stein gemeißelt?

Beate Schücking: Die Universität unterliegt stetem Wandel. Auch unsere Grundordnung trägt dem Rechnung, nichts ist auf alle Ewigkeit festgelegt. Anderseits bin ich eine starke Befürworterin, nur Dinge zu tun, die den Wissenschaftlern und der Wissenschaft an sich auch wirklich Vorteile bringen. Wenn sich zum Beispielaus unseren Forschungsprofilbereichen Konsequenzen für Strukturveränderungen ergeben sollten, dann wäre zusammen mit den Fakultäten eine Weiterentwicklung denkbar. Irgendetwas überzustülpen, nur um der Reform willen, macht keinen Sinn und ist – wo immer das auch versucht wurde – schiefgegangen. Natürlich dürfen die Fakultätsgrenzen nicht starr sein, sondern produktiv durchlässig für den interdisziplinären Dialog auch mit neuen Formaten.

Welche zum Beispiel?

Neu ist der Leibniz-Club, bei dem sich Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen treffen, vor allem auch die Neuberufenen. In lockerem Rahmen geht es dabei um das gegenseitige Kennenlernen, den Blick über den Tellerrand. Bei diesen Zusammenkünften sind auch Dekane dabei. Das lässt sich ausbauen, vielleicht mit einem Sommerfest an der Villa Tillmanns, die ja zum Sitz der Research Academy wird. Auch der Donnerstagsdiskurs im Auditorium maximum ist ein Format mit vielen Schnittmengen für den gesamten Wissenschaftsraum und zugleich eine Hinwendung zur Stadtgesellschaft. Dort wird die Debattenkultur gepflegt.

Nach den massiven Stellenkürzungen zwischen 2011 und 2016 hat der Freistaat der Alma mater nunmehr langfristige personelle und finanzielle Planungssicherheit zugesichert. Aber was wird aus den vielen zeitlich befristeten Arbeitsverhältnissen, die derzeit noch aus sogenannten Kompensationsmitteln bezahlt werden?

Die meisten dieser Stellen hängen an den Hochschulpaktmitteln – und damit an Geldern vom Bund. Wie es damit weitergeht, wird sich nach der Bundestagswahl entscheiden. Ich hoffe natürlich auf ein positives Signal. Und wenn es das geben sollte, müssten diese finanziellen Zuwendungen über den Freistaat Sachsen schnell an die Hochschulen fließen. Ein anderer Knackpunkt ist die Lehrerbildung, bei der wir uns ja schon als verlässlicher Partner für den Freistaat erwiesen haben. Dort mit zahlreichen Stellen nur befristet arbeiten zu können, ist ausgesprochen schwierig.

Als die Zuschuss- und Zielvereinbarungen Ende letzten Jahres mit dem sächsischen Wissenschaftsministerium besiegelt wurden, schien die akademische Welt in Ordnung. Was sind die Kernpunkte der darin fixierten Aufgaben?

Drei Viertel des einst von der CDU-FDP-Koalition in Sachsen beschlossenen Stellenabbaus an den Hochschulen sind zum Glück nach dem Wechsel auf Schwarz-Rot nicht umgesetzt worden. In den kommenden Jahren kann die Universität etwa durch die Entscheidungen zum Ausbau der Juristenausbildung und zu einer innovativen Pharmazie auf Wachstumskurs gehen.

Wie sieht der Zeitplan in Sachen Jura- und Pharmazieausbildung aus?

Ab 1. Oktober wird der Pharmazie-Studiengang an der medizinischen Fakultät verankert. Parallel läuft gewissermaßen der Innovationsmotor mit dem Ziel, die hiesige Apothekerausbildung zu einem bundesweit einzigartigen Modellstudiengang zu gestalten. Im Herbst wechseln die ersten Jura-Professoren aus Dresden zu uns. Wir haben für diesen Prozess eine Aufbau-Kommission eingerichtet. Was die Unterbringung betrifft, brauchen wir natürlich mehr Platz als aktuell im Petersbogen vorhanden – sowohl hinsichtlich der Büros und Räume für die Lehre als auch der Bibliothek. Inwieweit die Kapazitäten dort erweiterbar sind oder andere Varianten ins Spiel kommen, wird sich zeigen.

Sie sind jetzt über sechs Jahre im Amt. Wie fällt die Bilanz aus?

Natürlich ist das Amt – zumal wenn der Gestaltungsspielraum aufgrund der Rahmenbedingungen eng ist – anstrengend. Aber durch die jetzige hochschulpolitische Situation haben wir wieder mehr Möglichkeiten als in der durch Personalabbau geprägten Vergangenheit. Das motiviert. Forschungsseitig sind wir sehr gut vorangekommen und zuversichtlich, weitere Sonderforschungsbereiche zu bekommen. Es gilt aber, auch die jungen Wissenschaftler mitzunehmen. Wenn sie Erstanträge für Projekte bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellen, brauchen sie viel Unterstützung, die sie auch durch das relativ neue Forschungsdezernat bekommen. Aus der Profilierung der letzten Jahre heraus speisen sich auch unsere zwei Bewerbungen für den aktuellen Bundes-Exzellenzwettbewerb. Mit den Themen Globalisierung und Adipositas bearbeiten wir da Felder, die bei uns zusammen mit Partnereinrichtungen schon bestens bestellt sind.

Als für weitere fünf Jahre gewählte Rektorin haben sie ein Vier-Punkte-Programm vorgelegt ...

... das auf das Erreichte aufsetzt, also  dem, was in Forschung, Lehre, Transfer und Infrastruktur bereits auf der Haben-Seite steht. Personell geht es darum, herausragende Wissenschaftler zu gewinnen oder zu halten. Handlungsbasis wird unser neues Personalentwicklungskonzept sein. Auch innerhalb der Universitätsverwaltung wird künftig noch mehr Augenmerk auf den Nachwuchs und die Karriereplanung gelegt. Mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen werden die Kooperationen vertieft, so mit dem UFZ bei einem Fernerkundungszentrum und beim Thema Kindergesundheit. Bei der Lehre steht die Qualität obenan, unterstützend wirken da die vom Bund eingeworbenen 14 Millionen Euro. Verbunden mit der Kreativität der Akteure lässt sich mit dem Geld viel in puncto nachhaltiger und innovativer Wissensvermittlung bewerkstelligen. Den Transfer-Begriff fassen wir im Sinne von Dienstleistungen bewusst weit – von Weiterbildungsangeboten bis hin zu großen Wettbewerben, für die wir als Ausrichter fungieren. Ich könnte mir auch ein Bundesfinale von Jugend forscht an der Alma mater gut vorstellen.

Infrastruktur-Entwicklung heißt vor allem Hochschulbau – wo wächst was?

 Die Universität ist wissenschaftlich auf zahlreichen Gebieten stark sichtbar, sie ist attraktiv für Studierende und kann sich auch baulich wirklich sehen lassen. Für 2018 steht die Übergabe mehrerer Bauten an. Fertig werden dann das Bildungswissenschaftliche Zentrum am Campus an der Jahnallee, der Komplex mit Mensa, Bibliothek und Lernklinik an der Liebigstraße und das dortige neue Klinik-Gebäude. Das Paulinum wollen wir voraussichtlich im Dezember 2017 einweihen. An der alten Messe wird das Biodiversitäts-Forschungszentrum in den nächsten Jahren ein attraktives Domizil bekommen. Bei einer solch schönen Baureihe bemühen wir uns natürlich um eine Fortsetzung über 2020 hinaus und sehen dabei einen Teil des Leuschnerplatzes als Erweiterungsraum für die Wissenschaft an. Konkret heißt das, dort könnte ein Forschungsneubau für die universitären Geisteswissenschaften entstehen.

Der Freistaat will ab 2020 bis 2025 die Studentenzahl deutlich absenken, die Uni wäre davon stark betroffen ...

Zu einer wachsenden Stadt Leipzig passt einfach keine sinkende Studierendenzahl. Von daher hoffe ich, dass das nach der nächsten Landtagswahl im Koalitionsvertrag auch berücksichtigt wird. Ich greife nur die Bereiche der Daseinsvorsorge heraus: Wir sollen immer mehr Lehrer, Juristen, Ärzte, Veterinärmediziner oder Apotheker ausbilden. Mit einem Schrumpfungsprozess bei den Immatrikulationen wäre das nicht zu machen.

 Interview: Mario Beck
 

Von Mario Beck

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