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Bildung Warum die Uni-Bibliothek die Zahl ihrer Standorte verringert
Leipzig Bildung Warum die Uni-Bibliothek die Zahl ihrer Standorte verringert
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12:03 03.01.2019
Kaum eine Bibliothekarin dürfte mehr neue Bibliotheksbauten eingeweiht haben: Charlotte Bauer, 60. Quelle: Foto: André Kempner
Leipzig

Die Studierenden beugen sich bereits seit Herbst in der neuen Bibliothek für Medizin und Naturwissenschaften über die Bücher. Offiziell übergeben Vertreter der sächsischen Ministerien für Finanzen und Wissenschaft die Schlüssel aber erst am 9. Januar der Universität Leipzig. Zu dem Gebäude gehören auch eine Mensa und eine Lernklinik. Entworfen vom Dresdner Architekturbüro „h.e.i.z. Haus“, hat der Freistaat seit Sommer 2016 rund 23 Millionen Euro in den Neubau investiert. Dessen große Bibliothek ersetzt etliche kleine Vorgänger – wie schon zuvor die im September eröffnete Bibliothek für Erziehungs- und Sportwissenschaft auf dem Campus Jahnallee. Eine der treibenden Kräfte hinter dieser Konzentrierung auf weniger Standorte ist Charlotte Bauer, stellvertretende Direktorin der Universitätsbibliothek.

In den 90er-Jahren war die Uni-Bibliothek noch auf 40 Standorte verteilt. Warum sind es jetzt nur noch elf?

Damit wir unseren Studierenden die Lernorte bieten können, die sie brauchen. Dazu gehören heutzutage lange Öffnungszeiten und gute Arbeitsbedingungen – nicht nur ein Stuhl und ein Tisch. Wir haben Steharbeitsplätze, weil viele eh schon das Gefühl haben, in Vorlesungen und Seminaren zu viel zu sitzen. Unsere Sessel und Couches haben Steckdosen, so dass die Leute ihre Geräte aufladen können. Gruppenarbeitsräume, ein Eltern-Kind-Raum, eine Cafeteria machen aus einer Bibliothek einen Ort für Austausch und Kommunikation. Das können Sie in einer kleinen Ein-Frau-Bibliothek nicht alles bieten. Sie brauchen wirtschaftliche Größenordnungen. Die 40 Standorte in den 90ern waren überdies in einem fürchterlichen Zustand. Am meisten haben sich mir die Wannen in der größten Bibliothek am Augustusplatz eingeprägt, die überall herumstanden, um das Wasser aufzufangen, das immer mal wieder durchtropfte.

„Wir sind eine Service-Einrichtung und keine Erziehungsanstalt“

Das Dach sollte natürlich dicht sein. Aber müssen Studierende wirklich in einer Art Wellness-Oase verhätschelt werden?

Das ist keine Verhätschelung, das ist Service! Unsere Daseinsberechtigung leitet sich daraus ab, dass wir unseren Studierenden und Forschenden die Dienstleistungen bieten, die sie benötigen. Wir sind eine Service-Einrichtung und keine Erziehungsanstalt, die mit irgendwelchen absurden Regeln wie dem Verbot von Getränken nervt. Früher durfte man an unseren Computern nicht einmal mailen, heute sind sämtliche Textverarbeitungsprogramme installiert, damit die Studierenden bei uns arbeiten können. Auch eine Mittagspause ist nicht mehr zeitgemäß. Und dass wir die Öffnungszeiten an vielen Standorten bis 24 Uhr erweitert haben, wirkt sich auch auf den früheren Abend aus. Als wir beispielsweise in der Albertina nur bis 22 Uhr aufhatten, dachten viele um 20 Uhr nach ihrer letzten Vorlesung: „Das lohnt sich für mich heute nicht mehr.“

Nach Ihrem ursprünglichen Plan sollen es irgendwann statt elf nur noch sieben Bibliotheken sein. Ist das noch das Ziel?

Sieben ist die Traumzahl. Dafür müsste aber auch die Bibliothek der Künste kommen. Da sind wir noch immer in der Planungsphase. Trotzdem halte ich dem Freistaat zugute, wie sehr er in den vergangenen Jahren in Bibliotheksbauten investiert hat. Für die Orientwissenschaften und die Veterinärmedizin haben wir neue Gebäude. Wegen des Aufwuchses in der Leipziger Juristenausbildung bekommen die Rechtswissenschaften jetzt vorübergehend einen zweiten Standort, bevor auch da ein größerer Neubau in Angriff genommen wird. Bereits 2011 hat die Direktion der Universitätsbibliothek, also Herr Professor Schneider und ich, der Universität ein sogenanntes Standortkonsolidierungskonzept vorgelegt.

Bibliothek für Medizin und Naturwissenschaften

377 Arbeitsplätze, davon

24 Plätze in fünf Gruppenräumen

40 Sessel

16 Plätze an Stehtischen

31 Plätze mit Computern

Schulungsraum mit 26 Plätzen

Seminarraum mit 12 Plätzen

Eltern-Kind-Arbeitsraum

Bestand: rund 130 000 Bände

Öffnungszeiten: Mo-Sa, 8-24 Uhr; Service Mo-Fr, 8-19 Uhr, Sa 9-14 Uhr

Selbstverbucher, Rückgabeautomat

W-Lan, barrierefrei

Was stand da drin?

Es ist klar, dass wir in Leipzig, wo sich die Universität über die ganze Stadt verteilt, nie zu einem einzigen großen Standort kommen werden. Dafür wollen wir uns aber auf drei große Zentren und vier Fachbibliotheken fokussieren. Die drei Zentren sind die Albertina, die Campus-Bibliothek und die Bibliothek für Medizin und Naturwissenschaften. Für Letztere haben wir 1998 das Konzept geschrieben. Vor mehr als 20 Jahren! Jetzt können Leipziger Medizinstudenten endlich erstmals in einer gescheiten Bibliothek arbeiten. Die Zusammenlegung mit den Naturwissenschaftlern schafft viele Synergien. Die Mediziner brauchen ja auch Chemie und Physik und interessieren sich für Biowissenschaften. Schon jetzt wird die Bibliothek so gut angenommen, dass wir uns fragen: Wie haben die Studierenden das nur vorher gemacht?

Wie stellen Sie sicher, dass die jetzt neuen Bauten auch den Bedürfnissen künftiger Generationen gerecht werden, von denen man heute noch keine Ahnung hat?

Das Allerwichtigste beim Bibliotheksbau ist, Flexibilität zu erhalten. Sie müssen überall Strom haben, weitestgehend verkabelt sein und dürfen auf keinen Fall Regale planen, die Etagen stützen – damit Sie alles bei Bedarf abbauen können, um vielleicht neue Arbeitsplätze zu schaffen. Den Architekten klar zu machen, dass sie Flexibilität einplanen müssen, ist stets eine besondere Herausforderung. Architekten wollen uns immer eine riesige Theke in den Lesesaal setzen. So etwas brauchen wir aber überhaupt nicht mehr. Die Bibliothekarinnen sollen sich ja nicht wie in einer Burg vor den Nutzern verstecken, sondern jederzeit mitkommen können, um ihnen zu helfen. Auch die Bauleute meckern gern: „Dahin jetzt auch noch Strom? Das kostet aber!“

„Hochspannende neue Geschäftsfelder“

Wie überzeugen Sie den Bauherrn – in Ihrem Fall den Freistaat Sachsen – dass es trotzdem sein muss?

Ich habe das große Glück, dass ich wahrscheinlich so viele Bibliotheken im Bau begleiten durfte wie kaum eine andere Bibliothekarin in Deutschland. Die Erfahrungen, die ich dabei gesammelt habe, werden auch beim Sächsischen Immobilien- und Baumanagement SIB wertgeschätzt. Dadurch waren wir bei der Planung der beiden neuen Bibliotheken von Anfang an dabei und haben uns konstruktiv eingebracht. Natürlich mussten wir auch Kompromisse eingehen, das gehört dazu.

Woher wissen Sie selbst so genau, was die Studierenden und die Wissenschaftler benötigen?

Wir erleben es tagtäglich. Mit konkreten Wünschen kommt allerdings kaum mal jemand auf uns zu. Es ist eher so, dass hinterher Leute zu uns sagen: „Och, das ist ja toll.“ Die Promovierenden-Arbeitsplätze, die man für ein Jahr reservieren kann, haben wir zum Beispiel auf eigenen Initiative eingeführt. Die Doktoranden waren daraufhin einfach nur baff und sagen heute, dass sie sehr dankbar dafür sind.

Bibliothek für Erziehungs- und Sportwissenschaft

340 Arbeitsplätze, davon

105 Plätze in zwölf Gruppenräumen

25 Arbeitsplätze im Schulungsraum

68 Plätze auf Sofas

20 Plätze an Stehtischen

10 Promovierenden-Plätze

Eltern-Kind-Arbeitsraum

Bestand: rund 85 000 Bände

Öffnungszeiten: Mo-Fr, 8-22 Uhr, Sa 10-18 Uhr; Service Mo-Fr, 10-18 Uhr

Selbstverbucher, Rückgabeautomat

W-Lan, Buchscanner, barrierefrei

Wozu man im digitalen Zeitalter noch Bibliotheken braucht, ist, wie Sie gern sagen, „die dümmste aller Journalistenfragen“. Trotzdem: Die Online-Publikationen könnte doch jeder auch zu Hause am eigenen Laptop lesen, oder?

Was denken Sie, wer dafür sorgt, dass sie zugänglich sind? Wir! Die Bibliotheken lizenzieren die E-Medien und kümmern sich um die Metadaten, so dass die Artikel überhaupt auffindbar sind. Außerdem unterstützen wir die Forscher beim Publizieren. Das sind für uns hochspannende neue Geschäftsfelder. In den 2000er-Jahren hatten wir so gut wie keinen Kontakt mehr zu Naturwissenschaftlern. Die haben sich die elektronischen Texte in der Tat an den eigenen Schreibtisch geholt und wussten oft nicht einmal, dass wir ihnen die Datenbanken zur Verfügung stellen. Heute geben wir 60 Prozent des Etats für Neuerwerbungen für E-Medien aus, und trotzdem kommen die Naturforscher zu uns. Nicht zuletzt stehen sie in engem Kontakt zu unserem Open-Science-Office, wo man sich gut mit Open-Access-Publikationen auskennt. Wir sagen ihnen, wo sie ihre Texte veröffentlichen können, ohne Gefahr zu laufen, auf einer zweifelhaften Plattform zu landen. Wir haben da sehr professionell agierende Kolleginnen und Kollegen und verwalten auch den Publikationsfonds der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

„Wir sind die Datenspezialisten!“

Woher haben Sie als Bibliothekare die Expertise in Informationstechnologie?

Ich sage immer: Bibliotheken sind so gut wie ihre IT-Abteilung. Die bestand vor zehn Jahren bei uns aus vier Leuten. Heute sind es 35. Sie entwickeln unser Bestellsystem und den Katalog, sie managen die E-Medien. Dafür brauchen Sie im besten Fall Menschen, die sowohl IT als auch das Bibliothekswesen verstehen. Die Kombination ist sehr gefragt. Wir sind die Datenspezialisten! Und wer digitalisiert die Altbestände? Ebenfalls die Bibliotheken. Wobei wir uns nicht einbilden dürfen, dass wir alles allein machen können. Künftig müssen sich die Bibliotheken noch viel stärker als jetzt schon miteinander vernetzen.

Der Deutsche Bibliotheksverband und die Telekom-Stiftung haben die Leipziger Uni-Bibliothek
2017 als „Bibliothek des Jahres“
ausgezeichnet. 2018 haben Sie
den 475. Geburtstag gefeiert
und zwei wichtige Neubauten eröffnet. Wäre da 2019 nicht auch einmal ein Jahr, sich auf den Lorbeeren auszuruhen?

So sind wir nicht gestrickt. Wir finden, dass die Bibliothek so etwas wie das Herz der Universität ist. Der Vortragsraum der Albertina wird beispielsweise für viele universitäre Tagungen genutzt. Und nicht nur das: Wir wollen auch ein wichtiger Teil im Stadtleben sein. Aus diesem Grund hat unser Direktor Ulrich Johannes Schneider ja auch seit Jahren ein sehr anspruchsvolles und spannendes Ausstellungsprogramm etabliert, das immer von wissenschaftlichen Vorträge für ein breiteres Publikum begleitet wird. Es wäre doch ziemlich langweilig, wenn wir einfach nur dasitzen und sagen würden: Wir haben ja alles hier, sollen die Leute halt kommen oder auch nicht. Dafür hat man nicht diesen wunderbaren Beruf gewählt.

Von Mathias Wöbking

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