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Bildung Was multiresistente Bakterien mit Giraffen gemeinsam haben
Leipzig Bildung Was multiresistente Bakterien mit Giraffen gemeinsam haben
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07:49 19.11.2018
Den Keimen auf der Spur: Biologin Angela Bethge (links) und im Hintergrund Datenanalyst Oliver Purschke mit Apothekerin Kathrin Marx. Eine Besucherin blickt durchs Mikroskop auf gramnegative Bakterien. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Sie erinnern an Weintrauben. Das erkennt auch ein Laie. „Staphylokokken“, sagt Olaf Nickel. Er ist kein Laie, sondern Mikrobiologe. Am Klinikum St. Georg landen täglich infizierte Blutproben in seinem Labor. „Wenn wir unter dem Mikroskop sehen, dass es sich um Staphylokokken handelt, setzt der Arzt die ersten Antibiotika wieder ab, weil sie ohnehin nicht helfen“, erläutert er. Bei jeder anderen Bakterienart genauso. Doch die mikrobiologische Analyse beginnt damit erst. In mehreren aufeinanderfolgenden Tests kreisen die Forscher die Menge wirksamer Antibiotika stufenweise ein – damit der Patient binnen 48 Stunden keine Breitbandbehandlung mehr erhält, sondern passgenau den Wirkstoff, der bei ihm hilft.

Warum das wichtig ist, haben die Experten des Antibiotikanetzwerks Sachsen am Sonnabend im St. Georg den Besuchern zum Abschluss einer Weltantibiotikawoche auf einem Aktionstag erklärt. Für den einzelnen Patienten geht es darum, so wenige Nebenwirkungen wie möglich zu riskieren. Doch es steht mehr auf dem Spiel: „Die Zahl multiresistenter Erreger nimmt weltweit zu“, sagt Martin Macholz, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologe am St. Georg. Und es ist der Mensch, der den Keimen hilft, sich zu vermehren, indem er zu viel Antibiotika schluckt: „Das verschafft multiresistenten Bakterien einen Selektionsvorteil“, sagt der Mediziner.

Gegen fast alle multiresistenten Keime ist irgendein Kraut gewachsen

Was da auf mikroskopischem Raum in einer Art Zeitraffer-Evolution vor sich geht, erklärt Macholz mit Hilfe viel größerer Tiere: „Giraffen haben sich mit ihren langen Hälsen durchgesetzt, weil kein anderes Tier an die Blätter ganz oben am Baum reicht. Mit Breitband-Antibiotika verschaffen wir multiresistenten Keimen denselben Vorteil: Weil alle anderen Bakterien sterben, haben sie das Futter für sich allein und können sich vermehren.“ Meist entfalten sie erst dann ihre Gefahr.

Es ist gar nicht so selten, dass die Mikrobiologen am St. Georg im Labor auf ein Bakterium stoßen, dem kaum ein Antibiotikum etwas anhaben kann. „Ein bis zwei Mal pro Tag“, schätzt Nickel. Doch nur drei oder vier Mal im Jahr landet ein Keim unter dem Mikroskop, der vor allem für ein geschwächtes Immunsystem sehr gefährlich ist und den ein entsprechender Test als „gram­negativ“ identifiziert. Ein solcher multiresistenter Krankheitserreger ist im Oktober im Krankenhaus Dresden-Neustadt aufgetaucht. Ende vergangener Woche starb der dritte infizierte Patient.

Die gute Nachricht lautet: Auch gegen fast alle multiresistenten Bakterien ist irgendein Kraut gewachsen. Zu diesem Zweck halten die Ärzte Reserveantibiotika vor. Die schlechte Botschaft: Damit diese ihre Wirksamkeit behalten und keine neuen Resistenzen entstehen, müssen die Ärzte Antibiotika mit mehr Bedacht verordnen. Um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, „bleibt Hygiene wie Händewaschen oder die richtige Nies-Etikette ein wirksames Mittel, Infektionen zu verhindern“, sagt Nicole Lakowa, Leiterin des Antibiotikanetzwerks Sachsen – weshalb die Gäste am Wochenende im St. Georg auch mit Fachleuten übten, wie man sich richtig desinfiziert.

Im Fokus der Aufklärung stehen auch Ärzte

Das Netzwerk versucht darüber hinaus, den Informationsaustausch darüber zu verbessern, wie man Antibiotika rational einsetzt. Ein „Behandlungspass antimikrobielle Therapie“ zum Eintragen soll ähnlich wie ein Impfpass jedem Patienten und Arzt einen Überblick über die eingenommenen Mittel geben. Vor allem für ärztliches Personal entwickelt das Antibiotikanetzwerk zudem eine telemedizinische Beratungsplattform, die von der Europäischen Union seit Juli 2017 als Pilotprojekt für zweieinhalb Jahre gefördert wird.

Im Fokus der Aufklärung stehen nicht nur Patienten, die leichtfertig Antibiotika schlucken, die sie vielleicht von früheren Erkrankungen noch übrighaben. Sondern auch Ärzte, die allzu schnell eine Breitband-Behandlung verschreiben. Kaum ein Hausarzt traut sich einen Eingriff am offenen Herzen zu. „Doch die gängige Ansicht ist, dass jeder gut darin ist, Antibiotika zu verschreiben“, sagt Macholz. „Dabei ist das ähnlich komplex wie eine Herz-Operation.“ Er rät Patienten, im Zweifelsfall aber lieber einen zweiten Arzt um Rat zu fragen, als die empfohlene Medikation auf eigene Faust bleiben zu lassen.

Am Klinikum St. Georg soll ein „ABS-Team“ aus Mitarbeitern der Infektiologie, Mikrobiologie, Krankenhaushygiene und Apotheke eine individuelle und möglichst optimale Therapie gewährleisten. ABS steht für „Antibiotic Stewardship“. Gegen eine bestimmte Antibiotika-Schleuder ist aber auch diese fächerübergreifende Kooperation machtlos: Wenn Antibiotika aufgrund ihrer Nebenwirkungen eingesetzt werden, um Tiere zu mästen. „Eine ideale Gelegenheit für multiresistente Keime, sich zu vermehren“, ärgert sich Nickel, der Mikrobiologe. „Steckt sich der Landwirt an, kommt er zu uns.“ Mit Trauben im Blut, obwohl er gar keinen Wein angebaut hat.

Von Mathias Wöbking

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