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Der Hobby-Nachtwächter für Leipzig und Markkleeberg

Gästeführer Der Hobby-Nachtwächter für Leipzig und Markkleeberg

Jeder Mensch hat eine interessante Geschichte. Die LVZ-Serie „Gesichter in Leipzig“ porträtiert Leute, die auf sich aufmerksam machen. Typen, die außergewöhnliche Ideen haben. Oder auch das ganz alltägliche Original von nebenan. Heute: der Nachtwächter Thomas Reininger.

Gästeführer Thomas Reininger in seinem Element.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Was ist ein „night watchman“? Mit Hellebarde, einer Laterne und einem Rufhorn zieht er durch eine Stadt wie Leipzig. Also ein Nachtwächter. „Die Führung biete ich für Gäste auch auf Englisch an“, sagt Thomas Reininger. Der Markkleeberger, der auch gerne ins Kostüm des Oberpostmeisters Kees schlüpft, ist geprüftes Mitglied der Türmer- und Nachtwächterzunft. „Ich gehöre einer Gilde an, die in Deutschland und Österreich etwa 170 Mitglieder hat“, erzählt der 70-Jährige. Genau genommen heißt diese Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren. Sie bietet allen „gewandeten“ Figuren, die sich Kultur, Geschichte und Tradition verbunden fühlen, ein Zuhause.

Es können also auch Märchenfiguren, Sagengestalten oder Fabelwesen sein. Die Gilde will Überliefertes bewahren und die Mitmenschen damit vertraut machen. Der ausgestorbene Beruf des Nachtwächters gehört sogar zu jenen immateriellen Kulturgütern, die Deutschland bei der Unesco zur Einstufung als schützenswertes Kulturgut eingereicht hat. Die Mitglieder der Gilde pflegen auch Kontakt untereinander. Die Regionalgruppe Ost hat sich jüngst in Schellerhau im Erzgebirge getroffen.

Reininger, der für die Agentur Evendito Leipzig sowie für Leipzig Details ins Nachtwächterkostüm schlüpft, erzählt gern lustige und schaurige Geschichten. Für den Galvanotechniker und Ingenieur, der früher Leute schulte, sind seine historischen Führungen schlichtweg ein Hobby. Dabei darf es manchmal ruhig etwas deftiger zugehen. „Eine Führung darf nicht 0815 sein, sie soll Leute schließlich unterhalten.“ Viele Fakten und Jahreszahlen könnten die Leute in Büchern nachlesen – deshalb geht er sparsam damit um und baut lieber mal einen Spaß ein. Natürlich: Zum ausgestorbenen Beruf des Nachtwächters sagt er ebenfalls etwas.

Die existierten, seit es die ersten größeren Städte im Mittelalter gab und waren alles andere als beliebt. „Nachtwächter lebten in sehr bescheidenen Verhältnissen.“ Ebenso wie Abdecker oder Henker galten ihre Berufe als unehrenhaft. Im Mittelalter hielt sich sogar der Aberglaube, dass Nachtwächter mit dunklen Mächten in Verbindung stehen. Doch er musste für Ruhe und Ordnung sorgen, die Schlafenden vor Feuer und Dieben warnen. Oder ein Auge auf „liederliches Frauenvolk“ werfen. „Wenn ich frage, ob es das heute noch gibt, kommt immer Gelächter“, sagt Reininger. „Der Nachtwächter kennt all die Geschichten und weiß diese schaurig zu berichten.“

In seinem „Berufsstand“ ist der Hobby-Gästeführer freilich nicht der Einzige, verschiedene Anbieter schicken Nachtwächter auf Tour. Wer an den Wochenenden durch Leipzig streift, muss nur genau hinhören, um den traditionellen Ruf zu hören: „Hört, ihr Leut’ und lasst euch sagen!“

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