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Boulevard Der Leipziger Parlamentarier mit der Pizzeria
Leipzig Boulevard Der Leipziger Parlamentarier mit der Pizzeria
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13:48 19.05.2015
Pizza machen kann er auch noch - macht er aber nicht mehr selbst. Quelle: André Kempner

Wie das sein kann? Eine Geschichte...

Zur Wendezeit studierte Holger Gasse gerade Automatisierungstechnik an der Technischen Hochschule Leipzig - da musste er sich plötzlich um das verfallene Haus in der Torgauer Straße 28 kümmern. "Von heute auf morgen." Das Gebäude gehörte seinen Großeltern; Großvater Fritz hatte einen Herzinfarkt bekommen und lag in der Klinik. Holger Gasse sollte neue Mieter für das Erdgeschoss besorgen. Im Studentenclub 21 hatte er Andreas Göhlitz kennengelernt, den heutigen Geschäftsführer des Bürgerhauses Lützschena. Der gab die Initialzündung zur Gastronomie. "Das war zuerst eine Schnapsidee", grinst Holger Gasse. Bei den Banken saß das Geld nicht gerade locker. Während eines Besuchs beim Opa am Krankenbett traf er einen Unternehmer, der wertvolle Tipps gab. Einen wichtigen Kontakt gab es dann über Robert Fiore, den ehemaligen Geschäftsführer an der Rennbahn am Scheibenholz. Dessen Vater gab die entscheidenden Ratschläge zur Finanzierung des Ganzen-

Dann ging es richtig los. Mit dem Koch Lutz Morgenstern, der im Astoria gelernt hatte, stand Gasse ein erfahrener Koch zur Seite. Ergebnis einer kleinen Marktanalyse: Es gab fast keine italienischen Restaurants in Leipzig. "Wir hatten ein Konzept, aber keine Erfahrung." Zum erweiterten Freundeskreis des Teams gehörte der Betreiber einer Pizzeria in Erkrath bei Düsseldorf. "Drei oder vier Wochen haben wir uns das angeguckt. Wir haben den Laden kopiert, die Speisekarte war identisch."

In den ersten Jahren lief es rund. Holger Gasse legte das Studium auf Eis, das Lokal ließ keine Zeit. Doch dann ging es andersrum. Pizza ist heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Und die Eisenbahnstraße blieb nicht die beliebte Geschäftsstraße, die sie mal war. "Der Wandel war extrem", erzählt der 46-Jährige. Musste der Gast in den Anfangsjahren noch eine Woche im Voraus reservieren, zog die angestammte Kundschaft mehr und mehr weg. Der Umsatz ging runter.

Was sich aber nicht änderte, war der Kontakt zu den Kunden, das Gespräch über die Theke. Zu den Gästen gehörten viele Unternehmer, auch Ronald Pohle, Inhaber eines Baubetriebs und heutiger Landtagskollege: "Kennen Sie jemanden, der sich für uns einsetzt?", fragte Pohle eines Abends. "Das war mein erster Kontakt zur Politik und die politische Initialzündung." 2004 wurde Holger Gasse vom CDU-Ortsverband Ost für den Stadtrat nominiert - der Sprung gelang aus dem Stand.

Neben Politik und Pizzeria bildet sich Holger Gasse ständig weiter. Der Freizeit-Fußballer erweitert öfter mal das Spielfeld, der Hobby-Taucher dringt gern in neue Tiefen vor: Er ist Betriebswirt des Handwerks, hat Unternehmensführung an der Hochschule Zittau/Görlitz studiert. Seine Bachelorarbeit schrieb er über den "Einfluss der Nutzung von Heizpilzen auf die Wirtschaftlichkeit eines gastronomischen Betriebes am Beispiel der Stadt Leipzig". Der Praxisbezug lag auf der Hand - zumal es in Leipzig 2011/2012 eine große Debatte um ein mögliches Verbot von Heizpilzen gab. Gasse analysierte den Einfluss auf Umsatz und Tischbelegung. "Ich habe bewiesen, dass Heizpilze wirtschaftlich sinnvoll sind."

2014 ist Gasse in den Landtag eingezogen. Aus seinem eigenen Geschäft hat er sich weitgehend zurück gezogen; das tägliche Geschäft erledigen sieben Angestellte. Das offizielle Wahlkreisbüro liegt im ersten Stock, direkt über der Pizzeria. Von dort kümmert sich Gasse gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Jörg Lorentz um die Politik.

Gern kümmert sich Holger Gasse, der mit seiner Lebensgefährtin in Mölkau wohnt, um Bildungsthemen. Ob es nun um ein Gesetz zur Finanzierung freier Schulen geht oder um ein neues Gymnasium für den Leipziger Osten. Wenn man so will, hatte er seine landespolitische Feuertaufe im Konflikt um die letztes Jahr zunächst geplante Flüchtlingsaufnahme im Bundeswehrkrankenhaus Wiederitzsch. Die ist zwar vom Tisch, doch die Debatte darum hat Gasse viel beschäftigt. "Es gab ein Informationsdefizit zwischen Innenministerium und betroffenen Bürgern." Er sei ein bisschen stolz darauf, dass aus der Diskussion kein Einfallstor für Rechtsextreme geworden ist. Dass die Debatte sachlich blieb - auch seitens der gegründeten Bürgerinitiative. So sei es gelungen, die Emotionen herunterzufahren.

Da kommt dem Pizza-Bäcker sicherlich seine Menschenkenntnis zugute, die er in all den Jahren mit den vielen unterschiedlichen Kunden gesammelt hat. "Sie haben hier extrem viel Input", sagt Betriebswirt Gasse, für den die Kontakte zu Pizza- und Politik-Freunden oft verwischen. "Man muss einfach ins Gespräch kommen", erzählt Holger Gasse, der sich sicher ist: "Ohne die Pizzeria gäbe es den Landtagsabgeordneten nicht."

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 04.04.2015
Björn Meine

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